Wie der EV Landshut mit Verspätung zum ersten (echten) Pokalsieger wurde

In der Saison 1968/69 wurde erstmals ein „echter“ Pokalwettbewerb ausgetragen. Der versank allerdings im Chaos. Die Finalspiele zwischen dem EV Landshut und dem SC Riessersee hatten es aber in sich.
Erst kürzlich erklärte Gernot Tripcke, der Geschäftsführer der DEL, dass er sich aktuell keine Wiedereinführung eines Pokalwettbewerbs vorstellen könne. Volle Termine und die Idee, dass man die Saison auch nicht überfrachten wolle, sind die Hauptgründe, dass Deutschlands Top-Liga, trotz starker Zuschauerzahlen und wachsender TV-Werte bei Magenta-Sport aktuell nicht an einen Deutschen Eishockey-Pokal denkt. Doch warum steht ausgerechnet das Eishockey derart mit einem Cup-Wettbewerb auf Kriegsfuß?
Werfen wir einen Blick zurück auf die Anfänge. Und die sind schon reichlich verwirrend. Bereits in der Saison 1957/58 und dann wieder von 1962/63 bis 1967/68 gab es Pokalsieger. Dieser Titel war jedoch eher so etwas wie ein Trostpreis. Denn der „Cup“ ging an den Sieger der Abstiegsrunde in der damals erstklassigen Oberliga (1957/58) beziehungsweise der Bundesliga. Die Sieger hießen Preussen Krefeld (1958), Krefelder EV (1963, 1968), EV Landshut (1964), SC Riessersee (1965, 1966) und tatsächlich der FC Bayern München (1967). Dass das Ganze nur peripher ernstgenommen wurde, zeigt sich schon am Namen. 1957/58 hieß das Ganze noch DEV-Pokal – nach dem Deutschen Eissport-Verband. 1963 wurde jedoch der Deutsche Eishockey-Bund gegründet, als sich der DEV in einzelne Fachverbände aufgliederte. Der Name „DEV-Pokal“ wurde gemäß einiger Quellen dennoch beibehalten, da der DEV als Dachverband weiter existierte. In der Berichterstattung der Presse wurden diese Abstiegsrunde ab 1963 dann jedoch als „DEB-Pokal“ bezeichnet. Eine exakte Klärung des Namens erschien damals offenbar nicht so schrecklich wichtig.
In der Saison 1968/69 wurde dann aber der Versuch gestartet, aus dem DEB-Pokal einen echten Pokalwettbewerb zu machen – K.o.-Runden mit Hin- und Rückspiel sollten gespielt werden. Teilnehmen sollten die Mannschaften der Bundesliga und der Oberliga. Nicht am Start war allerdings der EV Füssen. Der Deutsche Meister wurde von der Teilnahme befreit, da die Allgäuer sich am Europapokal beteiligten. Das Teilnehmerfeld wurde mit fünf Teams aus der zweitklassigen Oberliga aufgefüllt, sodass der Wettbewerb mit einem Achtelfinale beginnen konnte.
Von Anfang an gerieten die Mannschaften in Terminschwierigkeiten. Die erste Runde sollte an sich im Oktober ausgetragen werden, tatsächlich ging das letzte Achtelfinalrückspiel aber erst am 16. Dezember über die Bühne. Der Krefelder EV verzichtete gleich gänzlich auf die beiden Spiele gegen den EV Rosenheim, der damit kampflos ins Viertelfinale kam. Die Vereine waren offenbar selbst kaum daran interessiert, dem Wettbewerb auf die Beine zu helfen. Oft wurden die Spiele unter der Woche, teils gar am gänzlich ungewohnten Montag ausgetragen. Die Zuschauerzahlen fielen dem entsprechend bescheiden aus.
So zog sich auch das Viertelfinale vom 2. Weihnachtstag 1968 bis zum 21. März 1969, sodass die Zeitungen damals vom Chaos im Pokalwettbewerb berichteten. Denn damit war an sich schon klar: Das Finale würde kaum noch in der laufenden Saison stattfinden können. Diesmal verzichtete übrigens der EV Rosenheim auf das Viertelfinalrückspiel, nachdem das Heimspiel gegen den Mannheimer ERC verlorengegangen war.
Das Halbfinale wurde dann endgültig zu Farce. Der EV Landshut und Eintracht Frankfurt standen sich zwar noch in der Saison 1968/69, genauer gesagt: am 28. Februar und 7. März 1969, gegenüber. Doch nachdem Landshut das Hinspiel klar mit 8:2 für sich entschieden hatte und Frankfurt für das Rückspiel nicht mehr ausreichend Spieler zur Verfügung gestanden hatten, verzichtete nun auch die Eintracht formal auf das Rückspiel – das aber dennoch gespielt wurde. Die Frankfurter verstärkten sich nach Rücksprache mit dem Gegner mit Spielern des VfL Bad Nauheim; die Partie endete 5:5. Landshut stand im Endspiel.
Doch was sollte aus dem Halbfinalduell zwischen dem SC Riessersee und dem Mannheimer ERC werden? Da Garmisch erst am 21. März sein Viertelfinalrückspiel absolviert hatte, musste das Ganze in die neue Saison geschoben werden. Die beiden Spiele waren für den August geplant, doch der MERC hatte zu diesem Zeitpunkt schon gänzlich die Lust an der Nummer verloren und ließ dem SC Riessersee kampflos den Vortritt.
So kam es zu der kuriosen Situation, dass die beiden Finalspiele um den DEB-Pokal erst am 10. und 17. August 1969 ausgetragen worden sind. Und immerhin: In diesen beiden, einen Titel versprechenden Duellen zwischen dem SC Riessersee und dem EV Landshut ging es dann endlich zur Sache – wie es sich für einen Pokalwettbewerb gehört. Nachdem Landshut das erste Spiel in Garmisch mit 2:1 für sich entschieden hatte, wurde es in Niederbayern dramatisch. Riessersee führte vor 4500 Zuschauern in Landshut, die dem Finalrückspiel einem würdigen Rahmen verliehen, mit 2:1 und 3:2, ehe EVL-Spieler Walter Glaser die heimischen Fans mit einem Kabinettstückchen in Verzückung versetzte: Aus der Luft nahm er die Scheibe direkt und traf zum 3:3. Dieses Ergebnis hätte den Niederbayern bereits zum Pokalsieg gereicht, doch Riessersee kämpfte bis zum Umfallen und ging fünf Minuten vor dem Ende durch Helmut Klotz mit 4:3 in Führung. Dabei blieb es bis zur Schlusssirene. In der Endabrechnung stand es also 5:5. Es ging in die Verlängerung: Erich Kühnhackl sorgte schließlich für die Entscheidung, als er in der 68. Minute einen „prächtigen“ Alleingang zum 4:4-Endstand im Rückspiel und damit insgesamt zum 6:5 für Landshut verwandelte.
Auch wieder kurios: In einigen Fällen wurde der EVL als „Pokalsieger 1970“ bezeichnet, da die Endspiele formal in der Saison 1969/70 stattgefunden hatten. In eben jeder Saison gewann Landshut dann auch die erste seiner beiden Deutschen Meisterschaften. Der Pokalwettbewerb wurde nach dem Chaos dieser ersten „echten“ Austragung eingemottet. 1984 und 1988 wurde er als Überbrückungsturnier für die Olympia-Pause wieder ausgebuddelt. Von 1994 bis 1997 gab es den DEB-Ligenpokal Nord für die nördlichen Mannschaften unterhalb der DEL. Erst von 2002 bis 2013 wurden dann wieder ganz regulär um den Deutschen Eishockey-Pokal gespielt, wobei sich die DEL-Teams bereits ab der Saison 2009/10 wieder verabschiedet hatten. Aktueller „Titelverteidiger“ ist der Sieger von 2012/13, die Bietigheim Steelers, die seither auf einen Nachfolger warten.
Da vom DEB-Pokal 1968/69 bislang nur die reinen Ergebnisse (und diese zum Teil auch noch fehlerhaft) überliefert waren, haben wir uns einmal die Mühe gemacht und Zeitungs- sowie Stadtarchive durchstöbert. Außerdem konnte Alois Schloder als Archivar des EV Landshut helfen, sodass wir aktuell nun alle Spiele (bis auf eine Ausnahme) mit Spieldatum, Ergebnis und Drittelergebnissen zusammenstellen konnten.
Achtelfinale, Hinspiele:
19.10.1968 Düsseldorfer EG – EV Landshut 3:1 (0:0, 1:0, 2:1)
19.10.1968 Preußen Krefeld – Augsburger EV (in Augsburg) 2:7 (1:4, 1:2, 0:1)
19.10.1968 Mannheimer ERC – SG Oberstdorf/Sonthofen 8:0 (1:0, 4:0, 3:0)
20.10.1968 Eintracht Frankfurt – EC Bad Tölz 2:3 (2:0, 0:1, 0:2)
25.10.1968 Kölner EK – FC Bayern München 3:6 (1:2, 2:2, 0:2)
27.10.1968 VfL Bad Nauheim – SC Riessersee 6:3 (3:1, 1:2, 2:0)
22.11.1968 ESV Kaufbeuren – Berliner SC 10:1 (2:0, 5:0, 3:1)
--- EV Rosenheim – Krefelder EV KEV verzichtet
Achtelfinale, Rückspiele:
26.10.1968 EV Landshut – Düsseldorfer EG 5:2 (3:0, 0:1, 2:1)
26.10.1968 SG Oberstdorf/Sonthofen – Mannheimer ERC 3:12 (2:2, 0:5, 1:5)
26.10.1968 EC Bad Tölz – Eintracht Frankfurt 3:5 (1:1, 1:3, 1:1)
31.10.1968 Augsburger EV – Preußen Krefeld 10:2 (3:1, 3:1, 4:0)
31.10.1968 FC Bayern München – Kölner EK 5:5 (3:2, 1:1, 1:2)
23.11.1968 Berliner SC – ESV Kaufbeuren (in Kaufbeuren) 5:10 (0:5, 3:3, 2:2)
16.12.1968 SC Riessersee – VfL Bad Nauheim 7:2 (2:0, 4:1, 1:1)
--- Krefelder EV – EV Rosenheim KEV verzichtet
Viertelfinale, Hinspiele:
27.12.1968 EV Landshut – Augsburger EV 8:1 (1:0, 2:1, 5:0)
27.12.1968 EV Rosenheim – Mannheimer ERC 3:7 (1:2, 1:1, 1:4)
20.01.1969 Eintracht Frankfurt – FC Bayern München 6:4 (4:1, 1:2, 1:1)
??? ESV Kaufbeuren – SC Riessersee 5:4 (x:x, x:x, x:x)
Viertelfinale, Rückspiele:
04.02.1969 Augsburger EV – EV Landshut 3:8 (1:5, 1:3, 1:0)
26.02.1969 FC Bayern München – Eintracht Frankfurt 7:8 (4:0, 3:3, 0:5)
21.03.1969 SC Riessersee – ESV Kaufbeuren 10:3 (1:0, 6:2, 3:1)
--- Mannheimer ERC – EV Rosenheim EVR verzichtet
Halbfinale, Hinspiele:
28.02.1969 EV Landshut – Eintracht Frankfurt 8:2 (1:0, 3:0, 4:2)
--- SC Riessersee – Mannheimer ERC MERC verzichtet *
Halbfinale, Rückspiele:
07.03.1969 Eintracht Frankfurt – EV Landshut 5:5 (0:0, 3:3, 2:2) **
--- Mannheimer ERC – SC Riessersee MERC verzichtet
* wäre erst im August 1969 gespielt worden
** Eintracht Frankfurt hatte sich mit Spielern aus Bad Nauheim verstärkt und ihm Vorfeld auf das Weiterkommen verzichtet.
Finale, Hinspiel:
10.08.1969 SC Riessersee – EV Landshut 1:2 (1:2, 0:0, 0:0)
Finale, Rückspiel:
17.08.1969 EV Landshut – SC Riessersee 4:4 (1:2, 1:1, 1:1, 1:0) n.V.
Bisher erschienene Artikel zum Thema:
Die verrückte Geschichte des vergessenen Pokalsiegers von 1976/77














