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Ein Kommentar

André, wann bist du eigentlich erwachsen geworden?

Lesedauer: 5 Minuten
André Rankel mit Ronald Toplak (Bild aus Privatarchiv)
André Rankel mit Ronald Toplak (Bild aus Privatarchiv)

Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak über den neuen Eishockey-Bundestrainer André Rankel, der passend zur Präsentation seinen 41. Geburtstag feiert.

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Es gibt diese Momente im Leben eines Sportreporters, in denen man plötzlich merkt, dass die Zeit ein ziemlich kurioses Ding ist. Sie schleicht sich davon, während man hinschaut. Frank Hördler. André Rankel. Florian Busch. Jens Baxmann. Die vier aus dem legendären 85er-Jahrgang der Eisbären Berlin. Meine Jungs. Irgendwie jedenfalls. Für mich sind sie immer noch die Babys.

Ich habe sie vor Augen, wie sie einst durch die Eishallen liefen, jung, drahtig, mit diesem Blick, den junge Spieler haben: irgendwo zwischen „Ich kann das“ und „Hoffentlich merkt keiner, dass ich gerade ziemlich aufgeregt bin“. Manchmal schien es, als würden sie mehr mit dem Bartwuchs als mit dem Puck kämpfen.

Und jetzt? Frank Hördler ist Sportlicher Leiter in Selb. Florian Busch eine Eisbären-Legende. Jens Baxmann Sportdirektor in Dresden. Und André Rankel wird Bundestrainer.

Bundestrainer!

Moment mal. Wann ist das passiert? Ich kenne André seit fast 25 Jahren. Ich habe ihn als Spieler erlebt, als Torjäger, als Kapitän. Ich habe ihn fallen, aufstehen und wieder loslaufen sehen. Siebenmal wurde er mit den Eisbären deutscher Meister. 247 Tore in 17 DEL-Spielzeiten. Bis heute Vereinsrekord.

Man könnte also sagen: Der Junge ist erwachsen geworden. Aber für mich bleibt er trotzdem einer von diesen Jungs. Das ist wohl ein Berufsrisiko. Wenn man Menschen über Jahrzehnte begleitet, verschieben sich die Maßstäbe. Man sieht nicht nur den Sportler. Man sieht auch den jungen Mann dahinter. Irgendwann ertappt man sich dabei, dass man fast väterliche Gefühle entwickelt. Obwohl man gar nicht der Vater ist.

Man war nur dabei. Etwa, als André Rankel 2010 seine erste Heim-WM als Spieler erlebte. Halt. Jetzt muss ich kurz zurück. Weil ich diese Bilder noch immer im Kopf habe. Arena AufSchalke. 77.803 Menschen. Ein Stadion, das für Eishockey eigentlich viel zu groß und deshalb genau richtig war. Deutschland gegen die USA. Auftaktspiel der Weltmeisterschaft.

2:1 nach Verlängerung.

Was danach passierte, war schwer zu erklären. Selbst wir Reporter lagen uns in den Armen. Journalisten. Menschen, die normalerweise darauf achten, möglichst schnell an ihre Texte zu kommen und dabei eine professionelle Distanz zu bewahren. An diesem Abend war davon nicht mehr viel übrig.

Ich sollte eigentlich nach dem Spiel zurück nach Berlin. Mein Chef sagte: „Bleib da!“ Er hatte dieses Gespür. Er spürte, dass da gerade etwas passierte. Dass diese Mannschaft vielleicht nicht einfach nur eine Weltmeisterschaft spielte. Dass sie ein Land mitnehmen könnte.

Er hatte recht. Deutschland wurde Vierter. Vierter bei einer Heim-WM. Hauchdünn am Finale vorbei.

Und trotzdem fühlte es sich für viele von uns an wie ein Sieg. Es war dieser ultimative Wahnsinn, den der Sport manchmal produziert, wenn plötzlich alles zusammenpasst: Mannschaft, Publikum, Augenblick. Ein Land entdeckt seine eigene Begeisterung.

Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. André Rankel war mittendrin. Damals war er der Spieler. 2027 wird er der Mann an der Bande sein. Das ist schon eine ziemlich verrückte Geschichte. Der Deutsche Eishockey-Bund geht mit ihm ein Risiko ein. Rankel ist 41 und hat bislang noch keine Profimannschaft im Seniorenbereich als Headcoach geführt. Er war Co-Trainer und Development Coach bei den Eisbären, arbeitete mit jungen Spielern, trainierte die U18-Nationalmannschaft und sammelte Erfahrungen beim Deutschland Cup. 

Irgendwann muss man anfangen. Auch Marco Sturm war einmal ein Greenhorn, als er 2015 Bundestrainer wurde. Seine Trainerkarriere begann praktisch dort, wo andere bereits eine Visitenkarte voller Stationen vorzeigen konnten. Drei Jahre später hatte Deutschland olympisches Silber gewonnen. Sogar Uwe Krupp war 2005 im Seniorenbereich noch kein großer Trainername. 2010 dann die sensationelle Heim-WM. 

Vielleicht liegt darin sogar eine kleine deutsche Eishockey-Tradition: Manchmal stellt der Verband nicht den Mann mit dem dicksten Trainerordner an die Bande, sondern den Mann, der weiß, wie sich dieses Trikot anfühlt. Rankel weiß es. Er weiß, wie man Meister wird. Er weiß, wie man verliert. Er weiß, wie man Kapitän ist. Und er weiß, wie es sich anfühlt, wenn 77.803 Menschen hinter einer Mannschaft stehen.

Das kann man nicht lernen. 

Das hat man entweder erlebt oder nicht.

Also, seine eigentliche Trainerkarriere hat Rankel längst begonnen. Bei den Eisbären ging es zuletzt viel um Entwicklung, um junge Spieler, um Tempo, Mut und Verantwortung. Nicht nur darum, Fehler zu vermeiden, sondern darum, etwas zu wagen. Das gefällt mir. Vielleicht ist genau das sein größter Vorteil. Er kommt nicht als fertiger Trainer. Er kommt als ehemaliger Spieler, der gerade dabei ist, Trainer zu werden. Das muss gar kein Widerspruch sein. Vielleicht braucht eine Mannschaft manchmal keinen Diktator mit Taktiktafel, sondern jemanden, der sie daran erinnert, was möglich ist.

André Rankel hat selbst erlebt, wie aus einer Mannschaft plötzlich mehr werden kann als die Summe ihrer Spieler.

2010. 

Arena Auf Schalke.

USA.

2:1.

Dann diese Wochen, in denen ein ganzes Land plötzlich Eishockey fühlte.

Ich wünsche ihm, dass er dieses Gefühl 2027 wiederfindet. Nicht dieselbe Mannschaft. Nicht dieselben Spiele. Nicht dieselbe Geschichte. Aber diese Euphorie. Dieses Kribbeln. Dieses gemeinsame Aufspringen, wenn irgendwo in der Halle ein Puck die richtige Richtung nimmt. Dieses Gefühl, dass für ein paar Wochen alles möglich ist.

Ich wünsche ihm, dass er ein neues Eishockeymärchen schreiben kann. Hoffentlich sitze ich dann wieder irgendwo in einer Halle, inzwischen 62, und sehe diesen Mann hinter der Bande.

Und denke an den jungen André Rankel.

An den Jungen, der irgendwann erwachsen wurde, ohne dass ich es richtig bemerkt habe.

An die vier Jungs aus dem 85er-Jahrgang.

An Hördler. Busch. Baxmann. Rankel. Unsere Babys.

Dann werde ich wahrscheinlich wieder ein bisschen stolz sein. Nicht nur als Eisbären-Fan. Sondern als einer, der sie ein Stück ihres Weges begleiten durfte.

André, mach uns verrückt.

Mach uns Gänsehaut.

Schenk uns diese Nächte, von denen man noch Jahre später erzählt.

Ich weiß, dass du weißt, wie das geht. Du warst schon einmal dabei. 

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