Was ist los, Herr Boos?Kommentar zum DEL-Disziplinarausschuss

Am Sonntag schied der Straubinger Fredrik Eriksson nach einem Foul verletzt aus und wird seinem Team mehrere Wochen fehlen. Die Spieldauerstrafe blieb ohne Folgen. (Foto: GEPA pictures/Marcel Engelbrecht )Am Sonntag schied der Straubinger Fredrik Eriksson nach einem Foul verletzt aus und wird seinem Team mehrere Wochen fehlen. Die Spieldauerstrafe blieb ohne Folgen. (Foto: GEPA pictures/Marcel Engelbrecht )
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Die Intransparenz des Ausschusses beginnt damit, dass kaum jemand weiß, wer in diesem Gremium sitzt. Das kann man mit ein paar Klicks aber gerade noch selbst rausfinden. Auf der DEL-Seite ganz nach unten, dann dem Link „Ligabüro“ folgen, etwas scrollen und man findet die Mitglieder des Disziplinarausschusses. Und wer jetzt denkt „verstecken die das so, weil sie was zu verbergen haben“, dem kann man bei Betrachtung dieser Spielzeit nicht mal böse sein, denn es gibt nicht ein offen zugängliches Dokument, in dem man nachlesen könnte, wann, wo und wie der Ausschuss tagt und arbeitet.

Natürlich könnte man bei Tino Boos anrufen und ihn befragen, es sich erklären lassen und ein langes Interview daraus machen, was dieser sehr sicher auch gerne und bereitwillig geben würde und was ziemlich sicher viel gelesen würde. Bei meiner dreijährigen Serie zur Regelkunde habe ich das getan und wurde von den Schiedsrichtern, den Schiedsrichterbeauftragten und Obmännern stets bestens unterstützt, doch damals gab es als Grundlage für eine Frage oder gar Diskussion das Regelbuch. Man konnte ansetzten und konkrete Fragen stellen – das gibt es beim Disziplinarausschuss nicht. Es gibt nur ein paar Informationen, die sich so rumgesprochen haben, wie z.B. dass jede Spieldauerstrafe automatisch nachbetrachtet, sprich ein Verfahren eröffnet wird.

Doch dieser Umstand könnte sogar so bleiben. Was nicht so bleiben kann, ist der Umstand, dass die Ergebnisse und vor allem die Begründung dazu nahezu geheim bleiben. Ja, es ist einiges besser geworden, als es vor Jahren war. Sperren werden inzwischen zum Teil auch mit Videosequenzen kommentiert und begründet und mitunter muss man hier auch ein Lob aussprechen. Doch bei Freisprüchen oder eingestellten Verfahren wird dies noch nicht mal immer mitgeteilt. Wenn man Glück hat und auf Twitter dem Account @DELoffiziell folgt, kann man hin und wieder folgendes lesen: „Der Disziplinarausschuss der DEL hat die Verfahren vom 41. Spieltag eingestellt.“ Das wird noch nicht mal auf der Homepage der DEL verkündet. Mit Verlaub, das kann mir niemand als professionell verkaufen.

Aber der leidgeprüfte DEL-Fan würde vermutlich sogar auch das noch zähneknirschend hinnehmen, wenn der Disziplinarausschuss auch mal Sperren für Fouls aussprechen würde. Denn genau das passiert viel zu selten und vor allem viel zu wenig nachvollziehbar. Die Verhältnismäßigkeiten sind hier völlig aus dem Ruder gelaufen.

Der Schwenninger Giliati hat insgesamt vier Spiele Sperre bekommen, weil er die Strafbank verlassen hat und einen Kampf fortgeführt hat. Iserlohns Camara erhält zwei Spiele Sperre wegen eines sogenannten Übergriffes gegen einen Offiziellen. Die Straubinger Heard und Acolatse erhalten drei und vier Spiele Sperre, weil sie den Kampf nicht beendet und den Anweisungen der Schiedsrichter nicht Folge geleistet haben. Schwenningens Bittner muss wegen eines Checks gegen das Knie zwei Spiele aussetzten. Das kann man alles so geben. Doch wo bleibt die Verhältnismäßigkeit im Vergleich zu anderen Szenen?

Der Wahnsinn beginnt bei Buchwieser. Dieser war in die Prügelszene mit Acolatse und Heard ebenfalls verwickelt und hätte sich durchaus eine Sperre verdient, was so auch bestätigt ist. Doch weil der Schiedsrichter auf dem Feld keine Spieldauerstrafe ausgesprochen hat, wurde hier erst gar nicht verhandelt. Das führt alles, was man Kindern über Gerechtigkeit beibringt, ad absurdum, denn hier kommt der schuldhafte Spieler gleich zweimal davon. Einmal weil er den Schiedsrichtern auf dem Eis entgangen ist, was passieren kann, und ein zweites Mal, weil der Disziplinarausschuss so tut, als hätte es die Szene nicht gegeben. Das ist wie das Guckguck-Spiel mit Kleinkindern, denn die denken auch, wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht.

Was ist mit Rumble? Der wird nach seinem Check gegen Aronson mit fünf Minuten plus Spieldauerstrafe zum Duschen geschickt. Clubübergreifend sind sich die Fanlager einig: hier muss eine Sperre her. Doch diese bleibt aus. Der geschätzte Kollege Christoph Ullrich fühlte den Dingen auf den Grund und erhielt eine überraschende Antwort: „Die Aktion ist – nach Ansicht der Prüfer – eine aus der Defensive heraus, keine dreckige und somit kein Grund für Geldstrafe und ein Arbeitsverbot.“ So zu lesen auf Shorthandednews.de.

Auch Ewanyk wurde vom Ausschuss verschont. Er checkte Bremerhavens Topscorer nicht nur aus einem Spiel. Der bekennende Krefelder und Betreiber von NRW-Hockey, Holger Kuhlmann, twitterte damals: „Ich hoffe, dass das Schiedsgericht der DEL ihn für lange Zeit aus dem Spiel nimmt. So einen Spieler braucht man in der DEL nicht.“ Das war im Übrigen zeitgleich mit der zuvor genannten Sperre gegen Bitter. Der ebenfalls sehr geschätzte Kommentator Christoph Fetzer dazu auf Twitter: „Sperre für Bittner, keine Sperre für Ewanyk. Ich verstehe es nicht.“

Im Oktober kam Hager nach einem Kniecheck gegen Fauser ebenfalls ungeschoren durch den Ausschuss. Und dieses Wochenende gelang ihm das erneut. Nun nahm er sich Eriksson vor und wurde nach der Spieldauerstrafe erneut freigesprochen. Für das Foul wäre er früher mit einer Matchstrafe gegangen. Doch diese werden nur noch sehr selten auf dem Eis ausgesprochen, um den Druck von den Schiedsrichtern zu nehmen – denn es wird ja nachbetrachtet und verhandelt. Vom Ansatz sicher ein guter Gedanke, doch wenn dann nicht nachvollziehbare Entscheidungen getroffen werden, dann sollte man das auch wieder lassen. Wie Albert Einstein sagte: „Der Kommunismus ist in der Theorie nicht so schlecht. In Russland funktioniert er aber nicht.“

Auf Nachfrage würde der Disziplinarausschuss sicher haarklein erklären können, warum und wieso er diese und jene Entscheidung getroffen hat. Wahrscheinlich haben die Herren aus ihrer Sicht dafür genügend Gründe, denn sonst wäre die Entscheidung nicht so gefallen. Doch das sind offensichtlich Gründe, die weder anerkannte Eishockeyexperten, wie unter anderem auch der in der ganzen Szene von allen Seiten geachtete langjährige Eishockeynews-Fachmann Tobias Welck oder die oben bereits genannten, sowie der normale Fan nicht mehr verstehen.

Klar ist aber, und das zeigte sich vor allem bei den letzten Aktionen von Ewanky und Hager, dass die bisherigen Entscheidungen nicht dazu führen, dass die Rücksicht größer wird. Früher hieß es immer, man müsse alles tun, um die Spieler zu schützen. So leid es mit tut, aber der offizielle Titel von Tino Boos liest sich aktuell wie ein gespielter Witz: „Spielersicherheit/Spielerentwicklung“. Im Moment tut man alles, um die Täter und nicht die Opfer zu schützen. Als Trainer würde ich mir aus dem Nachwuchs einen Spieler suchen, bei dem klar ist, dass er auf normalem Weg keine Chance auf eine Profikarriere hat, würde diesen lizenzieren und ihn im Spiel ohne Rücksicht auf Verluste auf den Träger des roten Helmes ansetzen. Die Strafe im Spiel kann man locker verkraften, danach passiert ohnehin nichts und im nächsten Spiel hat wieder einer einen roten Helm als Markierung.

Wenn DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke verhindern will, dass aus der DEL eine Bierliga wird, muss er dringen uns sofort eingreifen. Die DEL ist eine GmbH und er ist deren „Chef“. Handeln sie Herr Tripcke, den so gut es der Disziplinarausschuss auch meint, kein Mensch versteht mehr die Entscheidungen. Vielleicht sollte man ernsthaft darüber nachdenken, die Sache in die Hände des DOPS zu legen. Am Beispiel der EBEL kann man sehen, wie gut das funktioniert. Auf jeden Fall muss man aber wieder nachvollziehbare Entscheidungen treffen. Nachvollziehbar für den normalen Fan!

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