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Zum Stand der Nationalmannschaft

Das DEB-Team nach dem Schweiz-Debakel: Willkommen in der Realität!

Lesedauer: 4 Minuten
Sinnbildlich: Jubelnde Schweizer, genervte Deutsche.
Sinnbildlich: Jubelnde Schweizer, genervte Deutsche. (Foto: dpa/picture alliance/Sipa USA)

Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak über einen Abend vor dem Fernseher. Eishockey. Chips. Tee. Hoffnung. Und am Ende mit einem knallharten Aufwachen in der Realität.

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Ich sitze vor dem Fernseher, die Chips stehen neben mir wie eine kleine, harmlose Absichtserklärung, der Tee ist längst lauwarm geworden. So beginnt das bei Turnieren immer: mit diesem leichten Glauben, dass der Abend noch eine Richtung nehmen könnte, die man später gern erzählt.

Erstes Drittel. Deutschland hält mit, sauber, ordentlich, fast diszipliniert. Kein Feuerwerk, aber Kontrolle. Und da ist er wieder, dieser alte Reflex: Vielleicht geht da etwas. Vielleicht ist dieses Turnier eines dieser Geschichten, die später als „Charakter gezeigt“ beschrieben werden.

Dann das zweite Drittel. Zwölf Minuten. Fünf Gegentore. Fünf.

Es ist kein Einbruch mit Ansage. Eher ein Abrutschen, das man erst bemerkt, wenn es schon passiert ist. Plötzlich steht es 0:5. Und das Spiel hat sich entkernt, ohne laut zu werden. Als hätte jemand die Statik entfernt, aber die Kulisse stehen lassen.

Und das Erstaunliche: Es war vorher kein schlechtes Spiel. Genau das macht es so schwer zu greifen. Ein gutes Drittel, ein funktionierender Anfang – und dann dieser Riss, der alles schluckt, was eben noch stabil wirkte.

Ich sehe auf die Schale Chips, als müsste sie mir etwas erklären. Sie kann es nicht. Der Tee auch nicht. Denn es ist nicht das erste Mal in diesem Turnier, dass sich dieses Muster zeigt.

1:3 gegen Finnland.

0:2 gegen Lettland.

Und jetzt dieses 0:5 im zweiten Drittel, das in zwölf Minuten mehr zerstört als ein Spiel eigentlich tragen sollte. Am Ende steht ein 1:6.

Die höchste Niederlage gegen den WM-Gastgeber datiert aus dem Jahr 1937. Damals gab es ein 0:6. Diesmal wenigstens den Ehrentreffer.

Ich höre im Fernsehen die Stimme von Stefan Ustorf, sachlich, fast erschöpft in der Analyse: Die Mannschaft kommt kaum ins gegnerische Drittel, sie ist mental zerstört. Jetzt müsse man Wege finden, da wieder rauszukommen. Und Uwe Krupp ergänzt: „Wir können jetzt über unsere Unterlippe stolpern, oder weitermachen!“

Es ist dieser Moment, in dem aus einem Spielbericht plötzlich ein Zustandsbericht wird. Kein Drama, keine Überhöhung. Nur Diagnose.

Drei Niederlagen, die unterschiedlich aussehen und doch ähnlich wirken: Phasen, in denen Deutschland mithält – und Phasen, in denen das Spiel kippt und nicht mehr zurückkommt. Und jetzt wartet die USA. Die verstärkt werden. Matthew Tkachuck von den Florida Panthers kommt.

Und trotzdem bleibt dieser deutsche Reflex, fast trotzig, fast mechanisch: Es sind noch vier Spiele in der Gruppenphase. Rechnerisch ist das Viertelfinale noch möglich. Man darf ja wohl noch träumen. Ja. Darf man. Aber die Frage ist längst eine andere. Wie gut ist dieses Team eigentlich wirklich?

Die Antwort liegt nicht in einzelnen Turnieren, nicht in Silbermedaillen oder Finalabenden, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Olympia-Silber. WM-Finale. Diese Bilder sind real. Sofort entsteht das Gefühl, man sei angekommen. Weltspitze auf Abruf. Top 8 als Selbstverständlichkeit. Aber sie sind eher Ausreißer als Zustand. Momentaufnahmen eines Systems, das an guten Wochen über sich hinauswächst – und an normalen Tagen wieder in seine Grenzen zurückfällt.

Im internationalen Vergleich ist diese Grenze inzwischen ziemlich klar sichtbar. Die erste Ebene gehört den anderen: Kanada, USA, Schweden, Finnland, Tschechien. Dort wird nicht nur besser gespielt, dort wird breiter gedacht. Ein schwächerer Block fällt nicht ins Gewicht, weil dahinter die nächste Welle kommt. Stabilität ist dort kein Ziel, sondern Voraussetzung.

Dann kommt die Schweiz, längst kein Außenseiter mehr, sondern feste Größe im Kreis der Medaillenanwärter. Zwei WM-Finals in Serie sind kein Zufall, sondern Struktur. Tiefe, Selbstverständnis, Kontinuität.

Dann ein Feld, in dem Deutschland sich bewegt: stark genug, um jeden zu schlagen, instabil genug, um gegen jeden zu verlieren. Dänemark, Lettland, Norwegen, teilweise die Slowakei, Österreich im Aufwind. Ein Zwischenraum. Deutschland ist darin kein Außenseiter mehr, aber auch kein Favorit. Eher ein Team im Übergang, das nach oben schaut, ohne dort dauerhaft anzukommen.

Darunter beginnt das, was selten laut ausgesprochen wird, aber im Hintergrund immer mitschwingt: der Nachwuchs. U18. U20.

Die U18 abgestiegen. Die U20 kämpft regelmäßig ums sportliche Überleben im A-Pool. Das sind keine Randnotizen, sondern der eigentliche Unterbau. Dort entscheidet sich nicht, ob ein gutes Turnier gelingt – sondern ob ein Land über Jahre hinweg Anschluss hält.

Denn während die A-Nationalmannschaft gelegentlich glänzt, zeigt der Nachwuchs etwas anderes: eine fehlende Breite an Elitejahrgängen, zu wenig kontinuierliche Entwicklung, zu viele Generationen, die einzeln tragen müssen, was eigentlich ein System tragen sollte.

Das ist vielleicht die nüchternste Diagnose: Deutschland produziert immer wieder gute Teams. Auch Weltklasse-Spieler. NHL-Stars. Aber kein dauerhaftes Niveau.

Ich lehne mich zurück. Das Spiel läuft weiter, aber es hat sich aus meinem Abend herausgelöst.

Und irgendwo zwischen kaltem Tee und einer Schale Chips, die nicht weniger geworden ist, steht dieser Satz nicht als Vorwurf im Raum, sondern als Beschreibung:

Willkommen in der Realität.

Nicht dramatisch. Nur klar.

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