Alexander Baum: „Fehler müssen erlaubt sein“Bad Nauheims Nachwuchstrainer im Interview

Alexander Baum ist seit 2007 in Bad Nauheim. Das Eishockeyspielen lernte er in seiner Geburtsstadt Iserlohn.  (Foto: privat)Alexander Baum ist seit 2007 in Bad Nauheim. Das Eishockeyspielen lernte er in seiner Geburtsstadt Iserlohn. (Foto: privat)
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Der frühere Verteidiger spielte während seiner aktiven Zeit unter anderem für Iserlohn, Hamm, Oberhausen, Ratingen und überwiegend Bad Nauheim. „Baumi“ bestritt insgesamt 165 DEL2-Spiele. Hockeyweb-Mitarbeiter Michael Sender sprach mit dem 38-jährigen A-Lizenz-Inhaber über das Dasein eines Eishockeytrainers.

Die Saison 2019/20 ging durch die Maßnahmen bezüglich des Corona-Virus abrupt zu Ende. Beschreiben Sie uns bitte, wie Sie die letzten Tage und Wochen erlebt haben. Welche Auswirkungen hat die Situation für das Eishockey in Deutschland?

Es ist natürlich sehr schade, dass die Saison so ein Ende fand. Wie bei allen anderen Clubs wahrscheinlich auch stand noch das ein oder andere Abschlussturnier oder die entscheidende Phase der Saison an. Generell mache ich mir Sorgen, da die Gesellschaft jetzt Teamplayer braucht, die ihre neue Rolle akzeptieren und ausfüllen, um für das große Ziel – die Eindämmung der Infektionsrate – zu arbeiten. Leider ist das ganz vielen egoistischen Menschen nicht möglich und diese ziehen uns alle möglicherweise mit in den Abgrund. Ich persönlich bleibe zu Hause, versuche draußen den vorgegebenen Abstand zu Mitmenschen einzuhalten, was einem oft nicht leicht gemacht wird.

Welche Auswirkungen hat die Situation für das Eishockey in Deutschland?

Wirtschaftlich sind die Einschränkungen nicht nur im Eishockey eine Katastrophe, sondern für alle. Kurzarbeit, Mieten, wegfallende Einnahmen. Ich hoffe und drücke die Daumen, dass jeder relativ unbeschadet und vor allem gesund diese Situation übersteht. Sportlich gesehen haben nun alle länger Zeit für die Planung der nächsten Saison. Es wird davon ausgegangen, dass wir zum üblichen Zeitpunkt in die neue Saison starten können.

Wie nutzen Sie die freigewordene Zeit? Bilden Sie sich weiter?

Meine freie Zeit nutze ich immer, um besser zu werden. Vorträge, Internet, Webinare, Bücher sind die üblichen Quellen, die ich so oft wie möglich nutze. Der DEB unterstützt die Trainer hier gerade sehr gut. Im April gibt es fast jeden zweiten Tag ein Webinar mit Trainern aus der NHL zu den verschiedensten Themen.

Wie sehen die Trainingsplanungen für die nächste Zeit aus? Erstellen Sie auch ein alternatives Sommertrainingsprogramm für Zuhause?

Wir wollen mit dem Sommertraining in den nächsten Tagen starten. Jeder Spieler wird Pläne bekommen, die er selbstständig zu Hause abarbeiten kann. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Spieler in der eigenen Verantwortung stehen, ein intensives Training zu absolvieren. Dazu gehören auch Inhalte, die ihnen vielleicht nicht so viel Spaß machen. Es ist gerade im Nachwuchs ein sehr hohes Maß an Motivation gefordert, um sich alleine mehrmals die Woche zu quälen.

2016 haben Sie ihre Profi-Karriere beim EC Bad Nauheim in der DEL2 im Alter von 34 Jahren beendet. Warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?

Gefühlt war es an der Zeit. Ich hatte die Möglichkeit, als Trainer im Nachwuchs zu arbeiten und gleichzeitig eine Ausbildung anzufangen. Diese Chance wollte ich nutzen.

Hatten Sie geplant, im Nachwuchs tätig zu werden?

Ich habe während meiner Zeit als Profi schon im Nachwuchs als Trainer gearbeitet. Da habe ich gemerkt, dass es mir viel Freude macht und ich es schaffe, Kindern und Jugendlichen etwas beizubringen.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben? Welche Philosophie verfolgen Sie in der täglichen Arbeit?

Schwierig. Ich bin eher ein ruhiger Typ. Ich versuche, für die Jungs und Mädels da zu sein, egal wo es hakt. Ich bin generell wortkarg, außer wenn es tatsächlich um Eishockey geht oder ich auf dem Eis stehe. Auf dem Eis bekommt man viel Feedback von mir, manchmal zu viel. Sportlich darf man alle Fehler machen um dazuzulernen. Ein wichtiger Punkt ist der Umgang mit Fehlern. Disziplin und Einstellung müssen passen, sonst werde ich auch mal laut. Ich versuche, die notwendigen Grundtechniken und Prinzipien des Eishockeysports zu lehren. Innerhalb dieser Prinzipien können und sollen sich die Spieler und Spielerinnen selber ausprobieren und lernen. Das kann durchaus zu Niederlagen führen. Schafft man ein Umfeld, welches Kindern und Jugendlichen erlaubt, sich zu entwickeln, dann wird die Ausbildung erfolgreich sein. Wenn ein U11-Kind einen Pass spielt, der vom Gegner abgefangen wird, darf man den Passversuch nicht kritisieren. Bis zum Passversuch hat das Kind schon sehr viel richtig gemacht: es hat sich vielleicht zuvor vom Gegner gelöst, es hat den Blick vom Puck auf das Spiel gerichtet, es hat sich in eine aussichtsreiche Position gebracht, der Puck ist am Schläger. Die technischen Voraussetzungen sind gegeben, jetzt gilt es, diese zu verfeinern. Gibt es jedoch „Ärger“ für den abgefangenen Pass, wird sich der Spieler bei nächster Möglichkeit überlegen, ob es das Risiko des Ärgers wert ist, noch einen Pass zu versuchen. Welche Fehler erlaubt sind und welche nicht, das ändert sich mit der Altersklasse, aber generell ist das auch mein Ansatz in der U20.

Welche Besonderheiten sehen Sie in Ihrem Beruf? Inwiefern ist pädagogisches Geschick erforderlich?

Wenn man jemandem etwas beibringen will, ist ein genauer Plan hilfreich: warum man was, wann, wo und wie unterrichtet. Der Inhalt, die Herangehensweise und das Umfeld liegen in der Verantwortung des Lehrers oder Trainers. Ein Erstklässler kann noch keine Integralrechnung, er fängt bei „1+1“ an – altersgerechte Darbietung ist hier das Stichwort. Besonders ist noch, dass Kinder und Jugendliche vom Teamsport viel für ihre Zukunft außerhalb des Sports lernen können. Integration, Disziplin, Kommunikation, Werte, zwischenmenschliche Kompetenzen und dass man für seine Ziele hart arbeiten muss. All das muss auch vermittelt und gelebt werden. Neben den Trainern ist hier eine entsprechende Vereinsstruktur bedeutsam.

Brauchten Sie eine längere Phase, um sich in Ihrem Tätigkeitsfeld einzufinden? Inwiefern haben Sie sich im Laufe der Zeit als Trainer verändert?

Ich habe keine lange Eingewöhnung gebraucht, da ich erstens im Eishockey bleiben konnte und zweitens mir mein Job viel Freude bereitet. Über die Zeit bin ich erfahrener im Umgang mit Kindern und Jugendlichen geworden und kann Fehler, die ich früher gemacht habe, vermeiden.

Welchen Ratschlag können Sie jungen Spielern auf den Weg geben, um es als Profi zu packen?

Es ist ein langer und harter Weg. Talent reicht nicht aus, um es zu schaffen. Die Anforderungen an einen professionellen Athleten sind sehr vielschichtig. Du brauchst sehr viel Disziplin auf und neben dem Eis. Mein Leitsatz: Glaub an dich und arbeite hart für dein Ziel.

Sie sind A-Lizenz-Inhaber des Deutschen Eishockey-Bundes. Wie bewerten Sie die Trainerausbildung beim DEB? Was läuft gut? Wo gibt es Nachholbedarf?

Der DEB leistet in den letzten Jahren sehr gute Arbeit. Die Anforderungen an Trainer wachsen, die Trainerausbildungen sind detailliert konzipiert. Die Verantwortlichen machen sich Gedanken, wie den Trainern das vorhandene Wissen vermittelt werden kann. Die Ausbildungen werden in Zukunft sicher länger dauern, weil stetig Neues aus der Wissenschaft kommt.

Sie unterstützen das Profiteam der EC Bad Nauheim bei der Videoanalyse. Wie ist es dazu gekommen und wie sieht die Mithilfe beim DEL2-Team genau aus?

Das Trainergespann der Profis wollte schon in der Drittelpause geschnittenes Videomaterial, um auf den Gegner oder das eigene Spiel besser eingehen zu können. Ich wurde von Christof Kreutzer und Harry Lange vor der Saison 2018/19 angesprochen, ob ich Lust habe zu helfen. Seitdem schneide ich in Zusammenarbeit mit dem Sportlichen Leiter Matthias Baldys die Spiele live vor Ort, bringe das Material per Computer in der Drittelpause in die Kabine und die Trainer können die Clips analysieren. Manchmal nur für die Trainer, manchmal wurde es genutzt, um einzelnen Spielern oder Gruppen etwas zu zeigen. Manchmal wurde der ganzen Mannschaft etwas gezeigt und manchmal habe ich es auch „umsonst“ gemacht. Aber hier nochmal ein Dankeschön an Christof Kreutzer. Er hat mich überall involviert.

Ist es ihr langfristiges Ziel im Profibereich zu arbeiten?

Vorstellen kann ich es mir durchaus. Es muss passen.

Sie kommen gebürtig aus Iserlohn und sind dort aufgewachsen. Zieht es Sie eines Tages wieder dort hin? Oder ist Bad Nauheim Ihre neue Heimat?

Ich habe meine Frau in Bad Nauheim kennengelernt und wir haben uns hier ein Haus gekauft. Ich würde Nauheim als meine Heimat bezeichnen. Aber sag niemals nie – Kontakt nach Iserlohn besteht nach wie vor.

Inwiefern unterscheiden sich Iserlohner und Bad Nauheimer?

Iserlohner und Nauheimer sind nach einer wohl sehr intensiven Play-off-Serie, bevor ich nach Nauheim kam, Erzfeinde – sagen die Nauheimer. Ansonsten stelle ich bei den Menschen keine großen kulturellen Unterschiede fest. Ich bin von Bauern zu Bauern gezogen.