Die verrückte Geschichte des vergessenen Pokalsiegers von 1976/77

Kann ein kompletter Eishockey-Wettbewerb vergessen werden? Ein offizieller Wettbewerb, um genau sein? Mit einem renommierten Sieger? Die Antwort ist: ja! Oder haben Sie schon mal vom NRW-Pokal der Saison 1976/77 gehört – der erst in der Folgesaison beendet worden ist? Eine völlig kuriose Geschichte.
Das deutsche Eishockey steht mit der Idee eines Pokalwettbewerbs offenbar auf Kriegsfuß. Den ersten Versuch gab es 1968, in den Achtzigern gab es zwei neue Anläufe, dann machten sich in den Neunzigern die Teams der damals zweitklassigen 1. Liga Nord und drittklassigen 2. Liga Nord für drei Saisons auf den Weg, ehe es tatsächlich den Deutschen Eishockey-Pokal gab: von 2002 bis 2009. Danach verzichteten die DEL-Teams und die Mannschaften der 2. Liga und Oberliga machten noch vier Jahre weiter. 2013 war dann Schluss. Bis heute.
Was offenbar keiner mehr weiß: 1976/77 gab es einen weiteren Anlauf, der zwar auf Nordrhein-Westfalen begrenzt war, aber die Teams von der 1. Bundesliga bis zur Regionalliga involvierte. Wenn man sich auf die Suche nach solchen Kuriositäten macht, ist es gut, Menschen zu fragen, die so akribisch, eishockey- und statistikverliebt und auch ein wenig positiv verrückt sind wie man selbst. Denn es gibt doch einige Vereinshistoriker und -statistiker, die jeden Fitzel aufbewahren – wie unwichtig er auch erscheinen möge.
Der Eishockey-Sommer ist dabei ein guter Zeitpunkt, um solche Dinge aufzustöbern. Also – als Duisburger Sportjournalist, der ein wenig „nerdig“ in solchen Bereichen ist – heißt das: Mal wieder die Statistiken alter Jahre anschauen und schauen, ob man die wenigen kleinen Lücken noch schließen kann. Bei der Durchsicht alter Ergebnisse des DSC Kaiserberg fiel eine Notiz auf, die dort schon seit Jahren steht. Nämlich, dass zwei Spiele – am 23. Dezember 1976 in Neuss und am 8. März 1977 gegen Krefeld – diese Vermerke tragen: „NRW-Pokal, 2. Runde, Freilos in der 1. Runde“ und „NRW-Pokal, 3. Runde“. Und plötzlich fragt man sich, was man sich schon seit Jahren hätte fragen können: Welcher NRW-Pokal eigentlich?
Da ist es gut, in der gleichen Stadt zu wohnen wie Rolf Hang-Stockenschneider. Der Mann ist so etwas wie das Eishockey-Gedächtnis Nordrhein-Westfalens. Er hat alle Zeitungsausschnitte gesammelt und archiviert, verfügt sogar über alte Ausgaben des früheren Verbandsmagazins „Der Eissport“, hat selbst viel erlebt und weiß oft Rat. Und tatsächlich: Rolf Hang-Stockenschneider, nebenbei überzeugter Icehopper, also Eishockey-Groundhopper, holt seine gesammelten Eintrittskarten hervor. Er hat drei dieser Pokalspiele gesehen!
Und was haben die Zeitungen damals berichtet? Die Neue Ruhr Zeitung in Duisburg schrieb über die Spiele des DSC. Beim Oberligisten in Neuss ließen es die Kaiserberger zwei Drittel lang ruhig angehen, ehe sie das Spiel im letzten Drittel entschieden. Die dritte Runde bescherte dem Zweitligisten ein Heimspiel gegen Bundesligist Krefelder EV. Unter der Woche – nach einem für die damalige Zeit üblichen Zweitliga-Doppelwochenenden im Süden, als der DSC samstags deutlich in Peiting gewann, tags darauf aber haushoch in Kaufbeuren unterlag – hielten die Duisburger zwei Tage später ordentlich mit, Krefeld gewann aber 6:1. Weitere Infos gab es nicht.
Erneut half ein Blick in Rolf Hang-Stockenschneiders Sammlung: Er konnte die Essener Berichterstattung beisteuern. Hier wurde klar: Der DSC, der EHC Essen und der EC Deilinghofen – für die Jüngeren: das ist der früheste Vorgänger der heutigen Iserlohn Roosters – hatten in der 1. Runde ein Freilos. Neuss wiederum hatte in der Auftaktrunde Grefrath besiegt, Herne spielte gegen Moers und der ERC Westfalen Dortmund müsste gegen den damaligen RSC Bielefeld gespielt haben – der einzige Regionalligist, der noch infrage kam.
Wer sich noch nie mit der Suche nach alten Zahlen und Fakten beschäftigt hat, muss wissen: Die Vereine selbst haben so gut wie nie etwas aufbewahrt. Meist sind es Fans und/oder Journalisten. Eine schöne Ausnahme: die heutigen Eisadler Dortmund. Der aktuelle Regionalligist konnte bestätigen: der ERC Westfalen spielte seinerzeit gegen Bielefeld. Und man konnte gar die Spieldaten liefern. Wunderbar!
Weiter ging die Suche. Klar war: In der zweiten Runde spielten Herne und Essen gegeneinander. Zweimal! Nach einem Remis am Gysenberg traf man sich drei Tage später am Westbahnhof erneut. Bleibt Dortmund: die müssen gegen Deilinghofen gespielt haben – weil die drei Erstligisten auch in Runde zwei spielfrei waren. Taten sie: Ähnliches Muster wie beim Duisburger Spiel in Neuss: Zwei Drittel lang gab Dortmund alles, führte mit zwei Toren, ehe der Zweitligist aus dem Sauerland das Spiel doch noch drehte.
Nun zu Runde drei: Duisburg gegen Krefeld ist bekannt. Herne verlor in Düsseldorf, dank Rolf Hang-Stockenschneider ebenfalls bekannt. Und Deilinghofen: Die müssen gegen Köln gespielt haben. Kennt jemand das wunderbare Buch „Als die Haie beißen lernten“, das zu Beginn der Saison 1978/79 erschien? Das strotzt nicht nur vor tollen Bildern und Geschichten – es hat auch einen Statistikteil! Und tatsächlich: Es ist ein Freundschaftsspiel (!) des KEC in Deilinghofen am Montag nach dem letzten Ligaspiel vermerkt. Also ist ein gezielter Blick in den Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung möglich. Und wieder: das klassentiefere Team, diesmal Deilinghofen, kann zwei Drittel lang hoffen, ehe der Favorit das Spiel noch dreht.
Was bleibt: Das Saisonende und die Info aus einem Zeitungsschnipsel, dass die Finalrunde „nicht in K.o.-Form“ ausgetragen wurde. Wie soll das gehen? Wann wurde denn nun weitergespielt?
Also, einfach mal weiterblättern im erwähnten Haie-Buch. Vielleicht in der folgenden Saisonvorbereitung? Bingo! KEV und KEC spielten zweimal gegeneinander. Und KEC und DEG? Nichts! Verflixt. Der Blick wandert zwei Spalten weiter: Im Dezember, während einer Länderspielpause und direkt nach einem der Bundesliga-Duelle von Köln und Düsseldorf sind wieder zwei „Freundschaftsspiele“ vermerkt! Hat Rolf die passenden Zeitungsartikel? Hat er! Von der Rheinischen Post diesmal. Der sehr geschätzte Kollege Ulf May zählte die DEG damals ein wenig an. Die Rot-Gelben beschwerten sich über die Aufgaben in der Länderspielpause, der Verein sei aber selbst schuld, so May – weil die DEG die Termine in der Vorbereitung offenbar anders verplant hatte. Weil der organisierende NRW-Landesverband aber einen Sponsor an Land gezogen hatte, der für die drei Finalisten 10.000 DM bereitgestellt hatte, musste gespielt werden. Und vor den Spielen gegen Köln gab es noch das Heimspiel gegen Krefeld. Ein 5:5-Unentschieden. Das Hinspiel sei im Rahmen eines Turniers in Krefeld in der Vorbereitung praktisch mit absolviert worden. Das besagte Turnierspiel sei einfach auch für den NRW-Pokal gewertet worden. Aus einer Zwischentabelle konnte errechnet werden – das muss ein 3:3 gewesen sein.
Also: Anfrage bei Sylvia Heimes starten, die die sehr schöne Krefelder Statistikseite www.icepingu.de betreibt. „Das muss der Rhenania-Alt-Cup gewesen sein. Da gab es ein 3:3.“ Puh, fast geschafft. Eine Anfrage im Krefelder Stadtarchiv liefert die Daten aus der damaligen Zeitungsberichterstattung. Man selbst schwingt sich ins Auto, um das Moerser Stadtarchiv für das letzte fehlende Erstrundenspiel zu durchstöbern.
Und dann – fertig! Alle Ergebnisse sind gefunden. In der Finalrunde spielten in den Dezember-Spielen offenbar „Rumpf-Teams“ gegeneinander. Mit den fehlenden Nationalspielern, so merkt ein Berichterstatter an, sei eine sehr starke NRW-Auswahl zu formen gewesen. Fakt ist aber: Die Düsseldorfer EG gewann die Dreier-Runde vor Krefeld und dem damaligen Meister aus Köln und sicherte sich so den NRW-Pokal – der dann aber auch gleich wieder eingemottet wurde.
Es gab ihn übrigens noch ein einziges Mal: 2010/11 diente er den Ober- bis Bezirksligisten zur Qualifikation für den DEB-Pokal.
NRW-Pokal 1976/77
1. Runde
Datum | Spiel | Ergebnis |
|---|---|---|
25.10.1976 | ERC Westfalen Dortmund – RSC Bielefeld | 14:0 (6:0, 8:0, 0:0) |
11.11.1976 | Neusser SC – Grefrather EC | 7:6 (4:2, 2:1, 1:3) |
16.11.1976 | Herner EV – GSV Moer | 22:1 (5:0, 9:0, 8:1) |
Freilose: Kölner EC, Düsseldorfer EG, Krefelder EV, Duisburger SC, EHC Essen, EC Deilinghofen
2. Runde
23.12.1976 Neusser SC – Duisburger SC 4:7 (2:1, 2:2, 0:3)
02.01.1977 Herner EV – EHC Essen 4:4 (0:1, 2:1, 2:2)
05.01.1977 EHC Essen – Herner EV 1:2 (1:2, 0:0, 0:0)
10.01.1977 ERC Westfalen Dortmund – EC Deilinghofen 6:7 (2:1, 3:2, 1:4)
Freilose: Kölner EC, Düsseldorfer EG, Krefelder EV
3. Runde
08.03.1977 Duisburger SC – Krefelder EV 1:6 (0:1, 0:4, 1:1)
21.03.1977 EC Deilinghofen – Kölner EC 5:7 (2:2, 3:2, 0:3)
22.03.1977 Düsseldorfer EG – Herner EV 14:6 (7:1, 3:2, 4:3)
Finalrunde
02.09.1977 Krefelder EV – Düsseldorfer EG 3:3 (1:0, 1:0, 1:3) (Spiel im Rahmen des Turniers um den Rhenania-Alt-Cup in Krefeld)
07.09.1977 Krefelder EV – Kölner EC 5:1 (1:0, 1:0, 3:1)
09.09.1977 Kölner EC – Krefelder EV 6:2 (2:0, 2:0, 2:2)
07.12.1977 Düsseldorfer EG – Krefelder EV 5:5 (2:2, 1:1, 2:2)
11.12.1977 Düsseldorfer EG – Kölner EC 6:3 (3:0, 2:0, 1:3)
13.12.1977 Kölner EC – Düsseldorfer EG 5:7 (3:2, 1:1, 1:4)
Abschlusstabelle:
1. Düsseldorfer EG 4 2 2 0 21:16 6:2
2. Krefelder EV 4 1 2 1 15:15 4:4
3. Kölner EC 4 1 0 3 15:20 2:6














