Das Ende des "Curse of 1940"Denkwürdige Momente der Eishockeygeschichte

Titelheld und Kapitän Mark Messier bei der Feier zum 25-Jährigen Jubiläum des Triumphs im "Garden" (Foto: dpa/picture alliance/AP Images)Titelheld und Kapitän Mark Messier bei der Feier zum 25-Jährigen Jubiläum des Triumphs im "Garden" (Foto: dpa/picture alliance/AP Images)
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Was manchen Teams in der NHL erst nach vielen Jahren, Jahrzehnten oder noch nie gelang, schafften die New York Rangers bereits im zweiten Jahr ihrer Ligazugehörigkeit – sie gewannen den Stanley Cup. Cheftrainer Lester Patrick stellte sich in der Finalserie gegen die Montreal Maroons höchst selbst ins Tor, da Stammkeeper Lorne Charbot verletzt ausfiel, und führte sein Team zum 3:2-Seriensieg. Nach Finalniederlagen 1928/29 gegen die Boston Bruins und 1931/32 gegen Toronto revanchierten sich die Rangers und bezwangen 1932/33 die Maple Leafs im Finale mit 3:1 Siegen.

Zur Spielzeit 1939/40 übernahm Frank Boucher den Trainerposten von Lester Patrick und hatte prompt Erfolg: Wieder waren es die Toronto Maple Leafs, die den Rangers im mittlerweile im „Best-of-Seven“-Modus ausgetragenen Finale gegenüber standen und wieder behielten die Rangers die Oberhand – 4:2 hieß es am Ende der Serie. Die New York Rangers gewannen ihren dritten Stanley-Cup. Es folgte das, was die Fans den Fluch von 1940, „Curse of 1940“, nennen sollten…

Da es in den 30er Jahren viele Neuzugänge und Rückzüge verschiedener Mannschaften gab, wollte man in der NHL mehr Konstanz im Ligabetrieb, sodass zur Saison 1942/43 die „Original Six“ eingeführt wurde, wonach die Liga fortwährend nur aus den sechs ständigen Mitgliedern der letzten Jahre bestehen sollte. Auch die Rangers waren dabei, konnten aber an ihre Erfolge der ersten Jahre ihres Bestehens nicht anknüpfen. Härter als kein anderes Team wurde das Team aus New York vom Eintritt der USA in den Krieg getroffen, denn vom Big Apple wurden viele Leistungsträger eingezogen. Insgesamt waren die 40er Jahre deutlich von Misserfolg geprägt.

Bis zum Ende der Original Six 1967 schafften die Rangers zwar wieder einige Male den Sprung in die Playoffs, aber von früheren Erfolgen war nach wie vor nichts zu sehen. Highlight in dieser Ära war die Finalteilnahme 1950, diese ging aber gegen die Detroit Red Wings verloren. Anfang der 70er bekam die NHL Konkurrenz durch die World Hockey Association (WHA), die unbedingt ein New Yorker Team auf die Beine stellen wollte. Um dem entgegenzuwirken, beschloss die National Hockey League, ein zweites Team am Big Apple anzusiedeln. Die Rangers erhielten für die Abtretung ihrer territorialen Rechte vier Millionen US-Dollar von der Liga und 1972 einen neuen Konkurrenten vor der eigenen Haustür – die New York Islanders.

Die Mannschaft aus Manhattan erwachte allmählich aus ihrem Winterschlaf und es ging wieder aufwärts: 1971/72 erreichte man wieder einmal das Stanley-Cup Finale, gegen die Boston Bruins um Topstar Bobby Orr war jedoch kein Kraut gewachsen. Seit Mitte der 70er war man nicht mehr die unumstrittene Nummer eins in New York, die Islanders etablierten sich in der Liga. Im Halbfinale 1978/79 kam es zum Aufeinandertreffen: Die junge Franchise galt als Favorit, hatte sie doch mit deutlichem Vorsprung die damalige „Patrick Division“ und auch die „Campell-Conference“ gewonnen. Die Rangers um den überragenden Torwart John Davidson wiesen den Rivalen allerdings mit 4:2-Siegen in die Schranken. Im Finale waren dann aber die Montreal Canadiens eine Nummer zu groß und man verlor die Serie mit 1:4.

In den folgenden vier Jahren ging der Stanley-Cup immer nach New York, aber nie waren die Blueshirts Titelträger. Die Islanders dominierten die Liga zu dieser Zeit und die Rangers waren nunmehr nur die Nummer zwei der Stadt, wenngleich sie in den 80ern nur einmal die Playoffs verpassten. Und dennoch: Ende des Jahrzehnts währte der Fluch von 1940 schon ganze 50 Jahre lang.

Anfang der 90er fand ein großer Ausverkauf bei den Edmonton Oilers, dem dominierenden Team in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, statt. Die Los Angeles Kings und die New York Rangers holten eine Vielzahl an Akteuren, sodass scherzhaft von „Oilers West“ und „Oilers East“ gesprochen wurde. Vor allem die Verpflichtung von Mark Messier, der mit Edmonton bereits fünf Stanley-Cups gewinnen konnte, sollte sich in New York bezahlt machen.

In der Saison 1991/92 gelang mit der neuen Mannschaft auf Anhieb der Gewinn der Patrick Division. Im Division-Finale zogen die Rangers allerdings gegen die Pittsburgh Penguins den Kürzeren; 2:4 hieß es am Ende der Serie gegen den späteren Champion dieses Jahres. Die folgende Spielzeit war eine herbe Enttäuschung. Die Rangers belegten am Ende der Hauptrunde den sechsten und letzten Platz der Division. Kleine Randnotiz: Rekordsieger Montreal Canadiens holte in diesem Jahr seinen 24. und bisher letzten Stanley-Cup. Auf New Yorker Seite allerdings deutete nichts auf ein Ende der schwarzen Serie der Titellosigkeit hin. Aber wie heißt es so schön: Totgesagte leben länger…

Es folgte die denkwürdige Spielzeit 1993/94: In der Hauptrunde waren die Rangers um Kapitän Mark Messier nicht zu stoppen und erreichten in der Atlantic Division sowie der gesamten Eastern Conference Platz eins. In der ersten Playoff-Runde kam es zum internen New Yorker Duell. Die Rollen waren jedoch klar verteilt; die Islanders sicherten sich die Endrundenteilnahme nur haarscharf mit einem Punkt Vorsprung vor den Florida Panthers, während die Rangers die Liga anführten. In den ersten beiden Duellen im selbstverständlich ausverkauften Madison Square Garden hatten die Islanders nicht das Geringste zu melden, die Rangers gewannen beide Spiele gegentorlos jeweils mit 6:0. Auch in den Spielen drei und vier ließ der Ligakrösus diesen Jahres seinem Rivalen nicht den Hauch einer Chance: Nach einem 5:1 und einem 5:2-Sieg marschierte man mit einem „Sweep“ durch ins Conference-Halbfinale!

Gegner waren die Cracks aus Washington. Aber auch gegen die Capitals setzten die Rangers ihren Weg konsequent fort. Nach zwei überzeugenden Siegen vor heimischem Publikum (6:3, 5:2) entschieden sie auch Spiel drei mit 3:0 für sich. Doch Washington wehrte sich und verbuchte Spiel vier in D.C. mit 4:2 für sich. Zurück in Manhattan entwickelte sich ein spannendes Match, das die Rangers schlussendlich mit 4:3 gewinnen konnten. Brian Leetch, später auch als MVP der Playoffs Gewinner der Conn-Smythe-Trophy, erzielte den Siegtreffer, der das Ticket für das Finale der Eastern Conference löste.

Seit 1982 gab es ein drittes NHL-Team im New Yorker Umkreis – die New Jersey Devils. Genau diesen sahen sich die Rangers nun gegenüber und prompt setzte es die erste Playoff-Heimniederlage: Mit 3:2 lag man kurz vor Schluss in Führung, den Devils gelang jedoch in letzter Minute der Ausgleich und in der Verlängerung schließlich der Siegtreffer durch Stéphane Richer. Das zweite Spiel im „Garden“ machte die Mannschaft aus New York zur Chefsache, mit einem 4:0 sorgten die Rangers für den Ausgleich. Als die Serie nach New Jersey kam, entwickelte sich erneut eine dramatische Partie, bei der es nach 60 Minuten 2:2 Unentschieden hieß. Es war Stéphane Matteau auf Seiten der Rangers, der in der zweiten Overtime das Spiel für seine Farben entschied. In Spiel vier behielten die Devils mit 3:1 die Oberhand. Die folgende fünfte Partie brachte ebenfalls als verdienten Sieger das Team aus New Jersey hervor, die den Rangers mit 4:1 im eigenen Stadion keine Chance ließen. Damit wurde das folgende Spiel sechs zum Matchballspiel für die Teufel, New York stand mit dem Rücken zur Wand, der Fluch von 1940 schien wieder zuzuschlagen. Was folgte, war eine Geschichte, die nur der Sport schreiben kann…

Kapitän Mark Messier versprach im Vorfeld des nächsten Duells, dass seine Mannschaft Spiel sechs auf jeden Fall gewinnen werde. Er hielt Wort – und wie! Es sah zunächst aber alles andere als gut aus; nach zwanzig Minuten lagen die Rangers 0:2 zurück, in der zweiten Pause immer noch mit 1:2. Dann schien sich der Kapitän an sein Versprechen zu erinnern. In den Minuten 43, 53 und 59 sorgte Mark Messier mit einem Hattrick für den 4:2-Sieg der Blueshirts und erzwang Spiel sieben auf heimischem Terrain. Und auch dieses war nichts für schwache Gemüter: Brian Leetch brachte die Rangers in Führung. Diese hielt bis acht Sekunden (!) vor Schluss, dann erzielte Waleri Selepukin den von den Devils-Fans viel umjubelten Ausgleich. Die Rangers ließen sich kurz vor Ende noch einmal die Butter vom Brot nehmen!? Nicht in diesem Jahr! Die Entscheidung fiel in der zweiten Overtime. Stéphane Matteau, der bereits Spiel drei in OT entschieden hatte, sorgte mit seinem Tor nach genau 84 Minuten und 24 Sekunden für Jubelstürme im „Garden“ –  die erste Finalteilnahme seit 1979!

Die Finalserie startete in New York, Sieger der ersten Begegnung waren allerdings die Vancouver Canucks, Hauptrundensiebter der Western Conference, die nach 1981/82 zum zweiten Mal im Finale standen. Die Rangers führten 2:1, mussten jedoch eine Minute vor Ende und schließlich in der Verlängerung zwei Treffer hinnehmen und den Canucks Spiel eins überlassen. Das zweite Duell in Manhattan führte zum sofortigen Ausgleich, New York gewann mit 3:1. Als die Serie nach Vancouver kam, trumpften die Blau-Roten auf: Mit 5:1 und 4:2 konnten beide Duelle an der kanadischen Westküste gewonnen werden. Die Serie stand somit 3:1, die Vertreibung des Fluchs war nur noch einen Sieg entfernt. Das folgende Duell auf Rangers-Territorium begann verhalten. Nach zwei Spielabschnitten führten die Canucks mit 1:0. Dafür ging es im letzten Drittel turbulent zu Sache, 3 Tore auf amerikanischer und 5 auf kanadischer Seite sorgten für den 3:6 Endstand aus Sicht des Heimteams. Auch im folgenden Spiel in British Columbia konnten die Rangers den Sack nicht zu machen, mussten sich mit 1:4 geschlagen geben und die Serie und damit der Stanley-Cup wurde, wie hätte es aus dramaturgischer Sicht anders sein können, in Spiel sieben im Madison Square Garden zu New York entschieden.

Brian Leetch und Adam Graves sorgten für die 2:0-Führung der Blueshirts nach 20 Minuten, Trevor Linden verkürzte auf 1:2. Vancouver sollte noch ein Treffer gelingen, ebenfalls durch Linden, dieser reichte jedoch nicht. Denn vorher erzielten die New York Rangers das 3:1. Nach 34 Minuten war es, wer auch sonst, der Kapitän höchstpersönlich, Mark Messier, der das „Game Winning Goal“ erzielte und 18.200 Menschen in absolute Ekstase versetzte! Dieser 3:2-Sieg brachte den Rangers den ersten Stanley-Cup nach 54 Jahren. Die Bilder, wie Mark Messier nach dieser intensiven, dramatischen, kräftezehrenden Endrunde den Stanley-Cup nach oben hält, sind unvergessen! Ein Fanschild dieser Tage direkt nach dem entscheidenden Sieg trug die Aufschrift "Now I can die in peace!" – der „Curse of 1940“, er war besiegt!

Meistertrainer Mike Keenan verließ nach Streitigkeiten mit General Manager Neil Smith nach der Saison die Rangers. Unter anderem aufgrund einiger personeller Umbrüche tat man sich schwer, an diesen Erfolg anzuknüpfen. Auch die Verpflichtung von Wayne Gretzky Ende der 90er konnte daran nichts ändern. Die nächste Teilnahme am Stanley-Cup Finale erfolgte erst 2013/14, die Los Angeles Kings erwiesen sich allerdings als zu stark und bezwangen New York mit 4:1. In den letzten Spielzeiten 2018 und 2019 verfehlten die Rangers die Playoffs.

Der letzte Triumph liegt mittlerweile schon wieder 26 Jahre zurück. Die Geschichte um die damaligen New Yorker Helden in den blau-roten Jerseys wird noch lange weitererzählt werden. Aktuell ist nicht abzusehen, wann die begehrteste Trophäe im Eishockey mal wieder an die Rangers geht. Sollte es noch lange dauern, wird vielleicht schon bald vom „Curse of 1994“ die Rede sein…