Anzeige
Kindern soll mehr Zeit gegeben werden

Frölunda HC stellt Nachwuchskonzept auf den Kopf – warum deutsche Teams aufholen müssen

Lesedauer: 3 Minuten
Max Penkin ist eines der deutschen Talente, die aktuell im internationalen Fokus stehen.
Max Penkin ist eines der deutschen Talente, die aktuell im internationalen Fokus stehen. (Foto: dpa/picture alliance/Eibner-Pressefoto)

Der schwedische Topklub Frölunda HC stellt seine Nachwuchsarbeit grundlegend neu auf – trotz jahrelanger Erfolge in der Talententwicklung. Landesweit hat kein anderer Klub mehr schwedische NHL-Spieler hervorgebracht als Frölunda.

Anzeige

Auslöser sind beunruhigende Entwicklungen im modernen Nachwuchssport: Kinder und Jugendliche sind heute zwar früher und intensiver im Eishockey ausgebildet, verfügen aber immer seltener über grundlegende sportliche Fähigkeiten wie Koordination, Spielverständnis oder kreative Problemlösung. Selbst einfache Übungen wie einen Purzelbaum schlagen oder einen Ball an die Wand werfen und wieder fangen bereiten vielen Kindern heutzutage Schwierigkeiten.

Frölunda beobachtet, dass junge Spieler technisch hochspezialisiert sind – teilweise sogar besser schießen als Profis, zeigen jedoch Schwächen im freien Spiel, in Entscheidungsfindung und Athletik. Selbst einfache Bewegungsabläufe oder spielerische Grundlagen fehlen zunehmend. Die Ursachen sieht der Klub in zu früher Spezialisierung, zu viel Struktur und zu hohem Leistungsdruck, was bei vielen Jugendlichen früh Stress erzeugt und die Motivation deutlich verringert.

Die Konsequenz: weniger organisierte Eishockeyeinheiten für Kinder, dafür mehr freies Spielen, mehr allgemeine Bewegung und mehr andere Sportarten. Talente sollen später ausgewählt werden und länger in ihrem gewohnten Vereins- und Lebensumfeld bleiben. Für Frölunda bedeutet das, dass die Talentidentifikation später erfolgt – basierend auf Reife und Entwicklungspotenzial statt auf frühen Leistungen. Ziel ist es, der individuellen Entwicklung die Zeit zu geben, die sie benötigt, ohne frühzeitiges Anwerben von Talenten aus anderen Vereinen.

Die Reform basiert auf Erfahrungswerten und sportwissenschaftlichen Erkenntnissen und versteht sich als bewusster Gegenentwurf zur aktuellen Entwicklung. Frölunda will damit die Uhr ein Stück zurückdrehen – und zugleich die emotionale und körperliche Überhitzung im Nachwuchshockey reduzieren, um langfristig bessere, gesündere und spielintelligentere Athleten hervorzubringen.

Dies wirft zwangsläufig auch die Frage auf: Quo vadis, deutscher Eishockeynachwuchs? Zwar gelang bei der U20-Weltmeisterschaft zum dritten Mal in Folge der Klassenerhalt, sportlich jedoch blieb das deutsche Team in der Vorrunde blass und weitgehend chancenlos – sowohl gegen die Topnationen als auch gegen jene Länder, mit denen man sich eigentlich auf Augenhöhe bewegen müsste.

Eine mögliche zukünftige Rückkehr Russlands und Belarus’ ins internationale Wettbewerbsgeschehen würde die Situation kaum entschärfen – das Gegenteil wäre der Fall.

Ein Blick auf die kürzlich von der NHL veröffentlichten Mid-Term-Rankings für den kommenden Draft im Sommer unterstreicht diese Entwicklung. Mit Darian Rolsing taucht nur ein einziger deutscher Spieler in den kombinierten Listen der internationalen und nordamerikanischen Skater und Torhüter auf – und das mit Platz 158 in Nordamerika vergleichsweise weit hinten. Zum Vergleich: Lettland stellt drei Spieler, die Schweiz vier, die Slowakei sogar zwölf – alles Länder, mit denen sich der DEB gemeinsam auf den Rängen hinter den Top-6-Nationen bewegt.

Auch in den bisherigen Prognosen für die Draftjahrgänge 2027 und 2028 ist bislang nur ein deutscher Name verzeichnet: Top-Talent Max Penkin (Adler Mannheim). Zwar handelt es sich dabei lediglich um eine Momentaufnahme, und bis zu den entsprechenden Drafts kann sich noch vieles verändern. Dennoch sollten diese Zahlen aufhorchen lassen. Denn die Mid-Term-Rankings zeigen deutlich: Die internationale Konkurrenz schläft nicht – im Gegenteil, sie scheint derzeit in der Nachwuchsentwicklung konsequenter und erfolgreicher zu arbeiten.

Es drängt sich ebenfalls die Frage auf, wie der DEB im Detail das Nachfolgeprogramm von Powerplay 26 gestaltet, um langfristig konkurrenzfähige und spielintelligente Athleten hervorzubringen. Die U20-Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass sportlich noch viel Luft nach oben besteht. Auch die bevorstehenden Olympischen Spiele, bei denen Deutschland erstmals seit Vancouver 2010 wieder gegen die besten Teams mit ihren besten Spielern antreten wird, werden ein wichtiger Gradmesser sein und zeigen, wie erfolgreich das deutsche Eishockey in der vergangenen Dekade gearbeitet hat.

Top News
International
Werbemittel
Alle Highlights der vergangenen Saison kostenlos auf Sporteurope.TV
Anzeige
Weitere Artikel
Mehr Artikel →
Top-Meldungen
Mehr Artikel →
Anzeige