Der letzte Tanz: Wie Korbinian Holzer mit Graz Geschichte geschrieben hat

Als Korbinian Holzer im Sommer 2023 nach Graz wechselte, war der Plan klar: zwei Jahre, ein Projekt, ein Ziel. Dass er zwei Jahre später als Meister aufhören würde, war wohl kaum absehbar, als der NHL-erfahrene Veteran den Schritt in die ICE Hockey League wagte.
Über drei Ecken nach Graz
Der Kontakt zu den Graz 99ers entstand nicht durch ein klassisches Transferangebot. „Das war eigentlich so ein bisschen über drei Ecken“, erzählte Holzer. Jemand erzählte ihm, dass in Graz etwas Neues aufgebaut werde – neuer Präsident, neues Mindset. Und dann fiel ein Name: Harry Lange als neuer Cheftrainer. Die Verbindung war schnell hergestellt, denn Harrys Bruder Matthias hatte gemeinsam mit Holzer zum Beginn seiner Karriere in Düsseldorf gespielt.
Ein Telefonat mit Lange reichte, um auf eine Wellenlänge zu kommen. Danach lief die Kommunikation über Sportdirektor Philipp Pinter, auch „Fipo” genannt, und die Gespräche brachten schnell Klarheit. „Es hat sich sehr schnell herauskristallisiert, dass das eigentlich genau das ist, was ich machen wollte – nochmal zum Ende meiner Karriere einen Standort mit aufbauen.“ Graz kannte Holzer bis dahin kaum. Ein paar Spiele bei der Steiermark-Trophy mit den Adlern Mannheim, mehr nicht.
Einen Punkt hatte Holzer von Anfang an klar kommuniziert: Er wollte unbedingt zwei Jahre unterschreiben. Nicht aus Absicherung, sondern aus Überzeugung. „Beim ersten Jahr zeigt sich, was passt, was nicht passt, und jeder lernt dazu. Und im zweiten Jahr ist eigentlich die Richtung, wo du dann wirklich vorne angreifen kannst.“
16 neue Gesichter, ein neues Kapitel
Was dann in Graz ankam, war ein Projekt im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade einmal eine Handvoll Spieler blieben aus dem Vorjahr übrig – darunter Nicolas Wieser und Michi Schiechl. Drumherum: 16 Neuzugänge, eine fast komplett neue Mannschaft.
Die erste Saison startete unter erschwerten Bedingungen. Der österreichische Kern fehlte in weiten Teilen der Vorbereitung, weil viele Spieler der österreichischen Nationalmannschaft bei der Olympiaqualifikation im Einsatz waren. „Wenn du dann nicht zusammen vorbereitet hast, ist es schwieriger, schnell zusammenzuwachsen“, sagt Holzer rückblickend. Trotzdem gelang der Sprung vom letzten Platz in die Top 6 – ein erster Beweis, dass das Projekt Fahrt aufnimmt.
Im zweiten Sommer wurden gezielt Stellschrauben gedreht. Gewisse Positionen wurden nachjustiert, die Lerneffekte aus Jahr eins mitgenommen – und diesmal stand die gesamte Mannschaft von Beginn an gemeinsam auf dem Eis. „Wir hatten eine komplette Vorbereitung zusammen, und das hat uns nochmal geholfen.“ Der Rest ist Geschichte: Playoffs dominiert und die Meisterschaft geholt.
Das C auf der Brust – Ehre, aber nicht das Ziel
Dass Trainer Harry Lange ihn relativ frühzeitig zum Kapitän ernannte, war für Holzer eine Ehre, aber keineswegs der Grund, warum er nach Graz gekommen war. „Mir persönlich war es nicht so wichtig, dass ich direkt Kapitän bin. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich einen gewissen Anspruch an mich selbst habe und ein Führungsspieler sein wollte.“
Das C auf der Brust ändert für ihn wenig an dem, was er ohnehin tut: in der Kabine vorangehen, Erfahrung weitergeben, auf dem Eis Verantwortung übernehmen. Einen klaren Vorteil brachte er dabei mit: seine Zweisprachigkeit und die Kenntnis beider Welten – Nordamerika und Europa. „Ich konnte beide Seiten bedienen, wenn es um die Imports geht und auch um die Einheimischen. Das hat geholfen.“ Führung, sagt Holzer, passiert hauptsächlich auf dem Eis – und dann in der Kabine. Nicht durch den Buchstaben auf der Brust.
Eine Kabine wie eine zweite Familie
In einer Mannschaft mit so vielen Neuzugängen aus unterschiedlichen Ländern und Hintergründen ist Teamchemie keine Selbstverständlichkeit – sie muss aktiv gestaltet werden. Holzer weiß das aus Erfahrung: „Es kommt immer auf die Charaktere an, die du in der Mannschaft hast.“
In Graz wurde bewusst investiert. Team-Events über die Saison, ein internes Golfturnier, das Ausländer und Österreicher gleichermaßen einband, gemeinsame Aktivitäten, die von beiden Seiten initiiert wurden. „Du brauchst diese gewisse Offenheit – und du musst es über die Saison pflegen und aufbauen.“ Die Früchte zeigten sich ab November, Dezember. „Da hast du wirklich gemerkt, wie dynamisch die Kabine ist. Jeder ist reingekommen und hat irgendeinen Witz gemacht. Kein Groll, keine Missgunst. Das war wie eine zweite Familie, eigentlich.“
Diese Atmosphäre übertrug sich auf das Eis. Training mit Spaß, Spielfreude im Match, eine Kultur, in der jeder seine Rolle kannte und akzeptierte – auch derjenige, der gerade nicht im Lineup stand. „Keine Missgunst gegenüber den anderen, sondern jeder kommt rein, weiß seine Rolle und gibt Vollgas. Und wenn er mal nicht spielt, pusht er im Training trotzdem weiter.“ Erstklassige Mannschaften, sagt Holzer, entstehen genau so.
Der Competitor und die Playoffs
Die Playoffs offenbarten, was über zwei Jahre gewachsen war. Alle Serien gesweept, kein einziger Umweg auf dem Weg zum Titel. Im Halbfinale verpasste Holzer krankheitsbedingt mehrere Partien – und erlebte hautnah, wie die Mannschaft ohne ihn einfach weitermarschierte. „Die Jungs haben es mir leichter gemacht durch ihre Leistung auf dem Eis.“
Dass er dennoch so nah wie möglich dabei blieb – in der Kabine, im ständigen Austausch mit der Mannschaft – sagt viel über seine Rolle. Und seine Ehrlichkeit darüber, wie er als Competitor tickt, noch mehr. „Ich kann euch alle anlügen und sagen: Nein, im Leben nicht. Aber ich kenne mich einfach.“ Wäre der Serienstand auf 3:2 angewachsen, hätte er es wohl drauf angelegt, früher zurückzukehren – ob medizinisch vertretbar oder nicht. „In den Playoffs machst du halt alles. Ob das immer clever ist, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten.“
Der Vorfall mit dem Kanadier Jordan Murray, der beim Viertelfinalstart am 10. März in Klagenfurt einen Herzstillstand erlitt und reanimiert werden musste, hatte das Thema Gesundheitsrisiko in den Playoffs für alle Beteiligten nochmal in ein anderes Licht gerückt. Umso mehr Respekt verdient Holzers Entscheidung, sich auszukurieren – auch wenn sie ihm alles andere als leichtfiel.
Meister. Ende. Und der perfekte Abschluss
Zwei Jahre Aufbau, eine Meisterschaft, ein Karriereende – auf diesen Dreiklang lässt sich das Grazer Kapitel von Korbinian Holzer herunterbrechen. Aber wer mit ihm spricht, versteht: Es war mehr als das. Es war ein bewusst gewähltes Projekt mit dem Ziel, einen Standort nachhaltig zu formen. Die Meisterschaft war das Ergebnis – aber die zweite Familie in der Kabine war das Fundament. „Wenn du von oben bis unten eine gute Kultur hast, sich jeder wohlfühlt und seine beste Leistung bringen kann – dann gibt es eine sehr, sehr gute Chance, dass du am Ende ganz vorne stehst.“ Graz stand ganz oben. Korbinian Holzer war mittendrin. Bis zum letzten Schritt.
Nach dem letzten Tanz auf dem Eis folgt der nächste Schritt, diesmal hinter der Bande. Holzer schließt sich dem Deutschen Eishockey-Bund an und wird bei der U20-Nationalmannschaft als Berater und Assistenztrainer tätig sein. Er ist in die Kaderzusammenstellung involviert, in die Spielphilosophie, und wird bei der U20-WM im Dezember 2026 in Kanada hinter der Bande stehen. „Ich freue mich brutal drauf, mit den Jungs zu arbeiten“, sagt er. Was er ihnen mitgeben will, klingt vertraut: Kommunikation, ein Umfeld, in dem sich jeder wohlfühlt, und die Überzeugung, dass harte Arbeit den Unterschied macht. Wer zwei Jahre lang in Graz gezeigt hat, wie man eine Mannschaft von innen heraus formt, bringt dafür wohl die besten Voraussetzungen mit. Ob daraus eine langfristige Trainerkarriere wird, lässt Holzer offen. Vorerst gilt: „Schauen wir mal, wie es läuft.“













