Ravensburg Towerstars erleben das typische Kater-Jahr nach der MeisterschaftKleiner Umbruch trotz solidem sechstem Platz für die Süddeutschen möglich

War nur kurz Trainer der Ravensburg Towerstars: Tomek Valtonen.  (Foto: Ravensburg Towerstars)War nur kurz Trainer der Ravensburg Towerstars: Tomek Valtonen. (Foto: Ravensburg Towerstars)
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Nach einer wilden Party auf und neben dem Eis und Tagen, die sicher nicht zu den schwersten des Ravensburger Eishockeys gehörten, begannen auch schon die Planungen für die neue Spielzeit. Hinter der Bande kam es zum bereits länger eingetüteten Trainerwechsel: Der im Laufe der Spielzeit bereits verpflichtete Finne Tomek Valtonen ersetzte den Meistertrainer Rich Chernomaz, von dem man sich in Ravensburg jedoch nicht zu lang verabschieden musste. Ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg war schon immer die Bindung zwischen Trainerteam und Mannschaft, was man bei der Lösungsfindung ein halbes Jahr später zu berücksichtigen wusste. Die Rufe und Wünsche der Kufencracks nach der „Cherno“-Rückkehr sorgten für ein Umdenken der Entscheidungsträger und so kam es statt der im Raum stehenden Kandidaten nach der Ablöse von Tomek Valtonen zur Rückkehr durch Meistermacher Chernomaz in die Puzzlestadt.

Nach einer sehr erfolgreichen Saison kam es bei den Oberschwaben aus verschiedenen Gründen auch zum Umbruch auf dem Eis. Bei den Abgängen waren vor allem die Leistungsträger Robbie Czarnik, welcher kein neues Vertragsangebot vorgelegt bekam, sowie Mathieu Pompei, der sich schlichtweg zu viel Zeit bei der Entscheidungsfindung nahm (lehnte bereits zwei Angebote zur Vertragsverlängerung ab), erwähnenswert. Als Doppelpack fanden diese beim Aufsteiger aus Landshut ein neues Engagement. Dass es auch nach einer sehr erfolgreichen Saison immer wichtig ist, neue Reize zu setzen, ist kein Geheimnis. Die Verantwortlichen des DEL2 Meisters von 2019 schafften dies direkt zur Meisterfeier. Lubor Dibelka, der als wichtige Säule der Mannschaft angedacht war,  kam mit 101 Scorerpunkten aus zwei Spielzeiten in der zweithöchsten Klasse Deutschlands und einer großen Portion Erfahrung neu zum Team. Genau dieser sorgte jedoch auch für die erste richtige Aufgabe, als er Ende Juni aus persönlichen Gründen um Auflösung des Vertrages bat. Einen Spieler zu halten, der nicht zu 100% hinter seiner Aufgabe steht, macht nie Sinn – und so wurde Thomas Brandl nur kurze Zeit später als Ersatz verpflichtet. Mit Matias Haaranen, Jeff Hayes sowie dem erfahrenen Tero Koskiranta konnte man zusammen mit Jakub Svoboda, welcher als einziger Kontingentspieler mit in die neue Spielzeit ging, die Importspieler komplettieren und statistisch enorme Torgefahr verpflichten. Zudem gelang eine gesunde Mischung aus Potenzial, Talent und Erfahrung. Die Zutaten stimmten und machten Hoffnung auf eine erneut erfolgreiche Saison.

In einer Saison, in der man sich etwas im Schatten der vorauseilenden Kassel Huskies und Heilbronner Falken sowie der Überraschung der Spielzeit aus dem Schwarzwald, dem EHC Freiburg, aufhielt, kann man von einer grundsoliden Vorrunde sprechen, wäre nach der Meisterschaft der DEL2 und der vielversprechenden Zusammenstellung der Mannschaft der Hunger nach deutlich mehr nicht da gewesen. Trotzdem bewegte man sich durchweg auf Playoff-Kurs an der Schwelle der direkten Teilnahme. Es gelang immer wieder auf Ausfälle, Abgänge oder unvorhersehbare Geschehnisse zu reagieren, auch wenn hierfür vermutlich tief in die Tasche gegriffen werden musste. So wurde Rob Flick beispielsweise zum Entfachen des Konkurrenzkampfes der Importspieler verpflichtet, welcher vor allem beim 6:5-Sieg nach Penalty schießen mit vier Toren und einem verwandeltem Penalty für Furore sorgen konnte. Die Abgänge von Jeff Hayes (EV Landshut), Michael Fomin (Deggendorfer SC), welcher erst im Laufe der Saison aus Düsseldorf kam, Calvin Pokorny (ESV Kaufbeuren) oder Timo Gams, der nach unkommentiertem Vorfall den Verein verließ, wurden durch Jungs wie Daniel Stiefenhofer (zuvor EC Bad Nauheim) und Shawn O‘Donell (von den Allen Americans – ECHL) ersetzt. Man war immer wieder in der Lage, die Zeichen zur richtigen Zeit zu setzen und ließ somit nie das Gefühl aufkommen, dass etwas nicht stimmte. Selbstverständlich machte es die Sache einfacher, dass man im Vergleich zu einigen anderen Clubs der Liga die finanziellen Mittel hierfür auch zur Verfügung hatte.

Waren es nun die alten oder neuen Kufencracks der Towerstars, mit 171 Einschlägen wussten diese auf jeden Fall, wo das gegnerische Tor stand. Maßgeblich daran beteiligt war vor allem der etwas ungewöhnliche mannschaftsinterne Topscorer Sören Sturm, welcher am Ende mit neun Toren und 45 Assists jedoch erst auf Platz 28 der gesamten Liga zu finden war – und ungewöhnlich aus dem Grund, weil Ravensburg keinen Stürmer aufwies, welcher nach 52 Spieltagen über dem 30-jährigen Verteidiger stand. Ein weiterer Grund dafür, dass die Puzzlestädter trotz des sechsten Tabellenplatzes erst auf den unteren Rängen der besten Punktesammler zu finden waren, lag vor allem daran, dass der Erfolg der Mannschaft vor allem im Scoring auf vielen Schultern verteilt war und die Ausgeglichenheit des Teams aufzeigte. Mit Jakub Svoboda (36 Punkte), Robin Just (49 Punkte), Andreas Driendl (46 Punkte), Vincenz Mayr (41 Punkte) oder auch Verteidiger Matias Haaranen (40 Punkten) verstanden es viele der Jungs, ein gewisses Scoring-Potenzial aufzuweisen.

Dahinter standen 155 Gegentore, welche im Ligavergleich für Platz 4 reichten. Dass man vor allem in dieser Kategorie so gut abschnitt, lag neben einer sehr sattelfesten Defensive und einem soliden Unterzahlspiel von 80,2% vor allem am neu gebildeten Torwart-Duo um Ex-Lausitzer Olafr Schmidt und den aus Schwenningen verpflichteten Marco Wölfl. Die Zahlen der beiden Schlussmänner unterstrichen, dass man auch hier eine ausgewogene Mischung finden konnte. Während OIafr Schmidt mit einer Fangquote von 89,55% und 2,65 Gegentoren pro Spiel zu Werke ging, bewegte sich Marco Wölfl mit 88,97% und 2,97 Gegentoren pro Spiel nur knapp dahinter.

Will man die gesamte Effektivität der Special Teams ermitteln, fehlt zur oben genannten Unterzahl-Quote der Towerstars die Überzahl-Effektivität. Hier hatte man in Baden-Württemberg wenig Gnade für seine Gegner im Gepäck. Mit 24,3% landete in fast jedem vierten Überzahlspiel die Hartgummischeibe im Netz.

Aber auch eines der größten Probleme der abgelaufenen Saison war nicht weit weg. Fast 13 Minuten pro Spiel befanden sich Spieler der Puzzlestädter auf der Strafbank; nur vier Teams verbrachten mehr Zeit in der Kühlbox, von welcher aus man nach altbewährter Weisheit keine Spiele gewinnt.

Eine durchweg solide Saison wurde auch vom Publikum honoriert, und so fanden insgesamt 72139 Zuschauer den Weg in die CHG Arena. Durchschnittlich konnte man sich in der Folgesaison des Meisterjahres also auf eine Kulisse von 2775 Zuschauern (2828 im Vorjahr) freuen. Trotzdem zählten die Heimspiele nicht zum Erfolgsrezept der Oberschwaben. Mit lediglich 15 Siegen (zehn nach regulärer Spielzeit) vor den heimischen Fans belegte man in der Heimtabelle gerade mal Platz 9. Wenn man in der Abschlusstabelle trotz der Heimschwäche auf Platz 6 abschnitt, bedeutete das, dass man in der Fremde sehr erfolgreich gewesen sein musste. Zwölf Mal (neun nach regulärer Spielzeit) enterten die Oberschwaben die gegnerischen Stadien und landeten in der Gast-Tabelle auf Rang 2.

Das Jahr nach einer Meisterschaft ist, egal in welcher Sportart oder Spielklasse, noch nie ein Einfaches gewesen. Trotzdem gelang den Verantwortlichen der Ravensburg Towerstars eine gelungene Saison mit erfolgreichem Ausgang. Die direkte Playoff-Teilnahme wurde erreicht und man hätte, wäre da mit dem eingefallenen Corona-Virus keine Planänderung gekommen, gespannt in die Endrunde starten können, in der man es mit dem EHC Freiburg zu tun bekommen hätte. Wo die Reise dann noch hin geführt hätte, kann man nur schwer einschätzen. Die bevorstehenden Gegner der Towerstars hätten es auf jeden Fall mit einer Mannschaft zu tun bekommen, die in den Playoffs durchaus noch eine Schippe hätte drauf legen können. „Cherno“ bewies bereits im Vorjahr, dass er es zu verstehen wusste, die Mannschaft zu fokussieren und für die Endspiele in die richtigen Bahnen zu lenken. Dazu gehörten natürlich die Jungs auf dem Eis, die Verantwortung übernehmen konnten und das Geforderte umzusetzen wussten. Dass und ob dies wieder hätte gelingen können, blieb nun offen, ist jedoch nicht fernab der Realität. Den Gegnern hätte auf jeden Fall eine Mannschaft gegenübergestanden, die durch die Ausgeglichenheit der Torgefahr schwer zu berechnen ist und es dem Gegner durch solide Defensivarbeit und einem starken Torhüter-Duo nie einfach gemacht hätte, erfolgreich zu werden. Die Special-Teams hätten den Unterschied machen können. Beim Powerplay der Oberschwaben wäre es ratsam für die Gegner gewesen, sich von der Strafbank fern zu halten, auf welcher sich die Towerstars in der Vorrunde jedoch recht wohl fühlten. Mit überzeugenden Special Teams liegt es unterm Strich sehr nahe, dass man im Spiel Fünf gegen Fünf eine nicht unerhebliche Baustelle vorfand, welche man für die „Geilste Zeit“ des Jahres noch angehen hätte müssen. Abschließend wäre mit einer Mischung aus konzentrierter Arbeit, dem Lokalisieren und Abstellen der Schwachstellen, Setzen des richtiges Fokus sowie einer Portion Glück vom Ausscheiden im Viertelfinale bis zur Verteidigung der Meisterschaft wohl alles für die Puzzlestädter möglich gewesen – die Wahrheit hätte dennoch auf dem Eis gelegen, fernab der spröden Theorie.

Die kommende Saison der Ravensburg Towerstars bewegt sich schon heute zwischen Umbruch und Bekenntnis. An der Bande bleibt alles beim Alten und auch auf der Eisfläche bleibt ein stattliches Gerüst der Mannschaft bestehen. Zwölf Spieler, darunter Leistungsträger wie David Zucker, Robin Just, Sören Sturm oder auch Andreas Driendl, haben bereits neue oder noch bestehende Arbeitspapiere für die Spielzeit 2020/2021 unterschrieben. Bei den Kontingentspielern jedoch setzt man auf frischen Wind, da keiner der fünf Importspieler einen neuen Vertrag vorgelegt bekam. Mit der Rückholaktion von Jonas Langmann von den Thomas Sabo Ice Tigers gelang es den Verantwortlichen bereits, eine bewährte Lösung für das Tor zu präsentieren. Der 28-jährige Schlussmann, der maßgeblichen Anteil an der DEL2 Meisterschaft der Saison 2018/2019 hatte, bekam in der DEL nicht die gewünschte Spielzeit und schließt sich ganz zur Freude „Chernos“ erneut den Oberschwaben an. Dass man in Ravensburg mit ambitionierten Zielen in die neue Spielzeit starten wird, steht außer Frage – und man darf gespannt sein, welche fehlenden Puzzlestücke die Oberschwaben zum Erreichen der Ziele in Ravensburg noch zu präsentieren wissen.