Ein Goalie-Talent am Scheideweg Teil 1 unseres Nachwuchs-Portraits

Erik Pannach als junger ETC-Goalie. (Foto: privat)Erik Pannach als junger ETC-Goalie. (Foto: privat)
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Was in Kanada, Russland und skandinavischen Ländern als selbstverständlich gilt –  die  harte, strapaziöse Ausbildung voll mitzunehmen – um später, zur Zeit des Erwachsenwerdens, den Blick auf die kanadischen Profiligen oder auf der ganzen Welt und des Geldverdienens zu diesen zu richten – kann in Deutschland schnell auf wackligen Beinen stehen, denn hierzulande  steht der Weg auf Messers Schneide: dem Sprung des Ambitionierten, des Talents in die höheren sportlichen Ebenen steht der sichere Weg im Berufsleben neben dem Eis entgegen. Zu jener Lebenszeit, in der in den eishockeybegeisterten Ländern mit dem großen Geld gelockt wird, stehen deutsche Talente häufig am Scheideweg. So auch der Landshuter Erik Pannach, der als Goalie seine Laufbahn beim ETC Crimmitschau durchlief – und plötzlich nicht nur zwischen den Pfosten, sondern auch zwischen den Stühlen stand, was seine berufliche Zukunft angeht. Im ersten Teil unseres Zweiteilers steht der Hockeyweb-Reporter und EVL-Fan, seines Zeichens einstiger Nachwuchs-Goalie im Dress der Eispiraten Crimmitschau, Erik Pannach Rede und Antwort zu den Problemen, mit denen er nach der Schulausbildung konfrontiert wurde, die Gründe für seine Entscheidung ins Berufsleben zu wechseln und damit die Schlittschuhe an den Nagel zu hängen und wie er als junger Mensch mit der Situation lernen musste umzugehen.

Mit fünf Jahren erstmals auf Schlittschuhen

Bereits mit fünf Jahren steht Erik erstmals auf Schlittschuhen. Als regelmäßige Gäste im Crimmitschauer Sahnpark war es für Papa eine Selbstverständlichkeit, die Begeisterung des Sohnes auch ins Aktive zu übertragen – nicht zuletzt die Derbys wie gegen Weißwasser bleiben dem damals kleinen Erik noch heute hängen.  „In einer damals noch sehr eishockeyverrückten Stadt wie Crimmitschau kam man um den Eishockeysport eigentlich gar nicht herum. Der Verein selbst machte zusätzlich in Schulen auf sich aufmerksam und die meisten Freunde waren auch schon auf Schlittschuhen unterwegs. Irgendeine der genannten „Fallen“ schnappte dann auch bei mir mit fünf, sechs Jahren zu und mein Papa, der selber regelmäßiger Gast im Sahnpark war, zögerte nicht lang und stellte mich für ein Probetraining auf die Kufen. Wenn man den Sport erst einmal ausübt und sich richtig damit befasst, ist man sowieso sehr schnell im Bann dieser Sportart“, blickt Pannach zurück.

Schnell fand sich Erik als Goalie des Crimmitschauer Nachwuchses wieder und durchlief sämtliche Jugend-Mannschaften des ETC – und lernte sämtliche Strapazen des Sports kennen. „Im Sommer war es selbstverständlich ein wenig ruhiger, da es dreimal wöchentlich Athletik-, Kraft- oder Inlinehockeytraining gab. Im Winter gestaltete sich das etwas anders. In den höheren Altersklassen wurde drei-, viermal wöchentlich trainiert. Dadurch, dass ich auf einer Art Sportschule war, die mit dem Verein eng kooperiert hat, kamen zwei zusätzliche Eiszeiten, die als eine Art Unterrichtsstunde angesehen wurden, pro Woche dazu. Diese fanden nach oder teilweise auch vor dem Unterricht statt. Als Torhüter stand zusätzlich eine Eiszeit mit einem Torwarttrainer auf dem Programm.“ Fast täglich geht es also in der Woche aufs Eis, denn nach den Schultagen folgten die Spiele am Wochenende im ähnlichen Rhythmus wie die Männermannschaften. „Mit der Zeit, die man für Warm-Up und Umziehen benötigt, ging es an den meisten Tagen im Anschluss schon bald ins Bett. In den damaligen Schüler-, Jugend-Bundesligen waren auch die Wochenenden klar im Sinne des Eishockeysports verplant. Da Auswärtsfahrten nach Köln, Düsseldorf oder anderen Standorten mit hohem logistischem und kostentechnischem Aufwand verbunden waren, wurde es so geregelt, dass man an den Wochenenden Samstagnachmittag und Sonntagfrüh gleich zwei Mal aufeinandertraf. So musste man nicht zwei Mal pro Saison in weit entfernte Städte reisen. Meist kam man dann erst Sonntagabend wieder nach Hause und war mit einem Bein schon wieder in der Schule.“ Vor allem die Torhüter-Ausbildung unterlag schon zu Erik Pannachs aktiver Zeit besonderen Merkmalen: „Die Torhüter-Ausbildung ist eine in meinen Augen sehr unterschätzte. Fälschlicherweise gibt es immer noch die Klischees, dass ein Goalie nicht so athletisch sein muss wie ein Feldspieler, Schlittschuhlaufen ja ohnehin keine große Rolle spiele und wichtig sei das Toreschießen. Wer im Eishockey-Sport tiefer in der Materie steckt, weiß natürlich, dass dem nicht so ist. Durch alle Altersklassen und von jedem meiner Nachwuchstrainer habe ich einen ganz besonderen Satz heute noch im Ohr: „Der Torwart muss der beste Schlittschuhläufer auf dem Eis sein“. Im Grunde auch völlig klar. Die Ausrüstung erschwert das Laufen und in den Situationen, in denen der Torhüter im Spiel sein Tor verlassen muss, muss es blitzschnell gehen. Die akrobatischen Bewegungen, die man ausübt, um sehr schwer zu haltende Schüsse abzuwehren, würden ohne die nötige Sicherheit auf den Kufen auch nicht funktionieren. So wurden wir bei expliziten Laufeinheiten kein bisschen geschont und mussten diese genau wie alle anderen Spieler voll durchziehen. Einmal die Woche gab es zusätzliches, spezielles Torwarttraining. Hierfür gab es einen extra Torwarttrainer und in der Regel unterstützte ein Goalie aus der Profimannschaft. Stellungsspiel, Schnelligkeit, Beweglichkeit wurden so Stück für Stück optimiert und jede Fähigkeit auf den Prüfstand gestellt“.

Den Strapazen trotzen

Trotz all der Strapazen sollte Erik nicht nur für kurze Zeit all diese bereitwillig mitmachen. Dennoch folgte die Zeit, die deutsche Talente vermehrt zwangsläufig zum Nachdenken bringt: Riskiert man den Sprung in die Profiligen des deutschen Eishockeys, beißt sich gegenüber Mannschaftskameraden durch mit Blick auf die finanzielle Entlohnung und der Unsicherheit, nach der Karriere – womöglich schnell verletzungsbedingt beendet – erstmals neue berufliche Wege mit Anfang/Mitte 30 einzuschlagen, oder beginnt das Berufsleben schon früher mit gleichzeitiger Einschränkung der eiskalten Leidenschaft bis gar ganz zum kompletten Karriereende? Unsicherheiten wie die eigene  Rolle in den Ligen, in denen selbst heute noch die Oberliga ein Patt zwischen Vollzeitprofi und Ausbildung neben dem Sport darstellen kann, stellen zentrale Überlegungen des Nachwuchses heute dar.

„Als ich immer näher Richtung Schulabschluss unterwegs war, wurde mir immer deutlicher bewusst, dass es so sorgenfrei und unkompliziert nicht weiter gehen würde. Schon im Laufe der 9. Klasse und vor allem dem Abschlussjahr ging es immer mehr um Bewerbungen, Berufsleben und die Zukunft. Auch wenn ich meine ganze Energie in den Sport gesteckt habe, kam ich nicht drum herum, die eine oder andere Bewerbung für eine Ausbildung zu schreiben. Meine Mutter, die schon sehr lange im Raum Landshut gewohnt hat, brachte damals die BMW ins Gespräch, von der ich kurze Zeit später tatsächlich eine Zusage bekam. In dem Moment gingen im Kopf die Gedankenspiele, wie man das alles unter einen Hut bekommen will, los. Die Entscheidung nahm mir das Zeitmanagement und die Vernunft ab. Ich musste einsehen, dass ich das Haus nicht morgens um 5 Uhr verlassen konnte, um nach München zu pendeln, rechtzeitig Feierabend machen kann und pünktlich zu den Trainingseinheiten auf dem Eis stehen konnte. Mit gerade 16 Jahren fehlte mir zusätzlich die Mobilität, um das ganze vielleicht doch unter einen Hut zu bekommen. Also wurde sehr schnell klar, dass es nur den riskanten Weg in den Profibereich oder den sicheren in das Berufsleben geben konnte. Leicht war die Entscheidung nie, aber ich hielt es damals für cleverer, den sicheren Weg für meine Zukunft ein zu schlagen.

Mit Wehmut und Weitblick

Eine richtungsweisende Entscheidung, die mitnichten ohne Wehmut, aber mit Weitblick verlief. „Nach der Ausbildung, die ich erfolgreich bei der BMW abgeschlossen habe, bin ich nun in meinem zwölften Jahr in dem Unternehmen. Eishockey erlebe und genieße ich heute nur noch von den Rängen der Stadien oder der Couch aus. Von der Droge selbst komme ich selbstverständlich nicht mehr weg. Wintersport ist mit meinen beiden Huskies, die ich mittlerweile seit einigen Jahren an meiner Seite habe, immer noch ein Thema, auch wenn es in eine andere Richtung geht. Den Traum des Profi-Eishockeyspielers habe ich nur sehr ungern aufgegeben, aber rückblickend für kein schlechteres Leben eingetauscht. Mit einem Job, für den man gerne aufsteht, der Möglichkeit seinen Hobbies nachgehen zu können und einem geregelten Leben mit mittlerweile auch einer kleinen Tochter, wüsste ich nicht, was mir fehlen würde. Auch wenn Papa und vor allem meine Tante unwahrscheinlich viel Zeit und Geld investierten, um mir alles in dem Sport zu ermöglichen, konnten sie sich mit der Entscheidung, den sicheren Weg zu gehen, sehr gut anfreunden. Ihnen ist die Unsicherheit und das Risiko sicher noch mehr ein Dorn im Auge gewesen und sie waren beruhigt, mich „aufgeräumt“ in einem sehr guten Unternehmen zu wissen.“ So klar die Entscheidung nachträglich erscheint, so deutlich beweisen diese strukturellen Probleme im Eishockey, warum die Nachwuchs-Arbeit als Nation hinter den Top-Nationen nur schwer vergleichbar ist – und vermutlich trotz all der Erfolge in den letzten Jahren – enormer Anstrengung bedarf, diese aufrecht zu erhalten und gar auszubauen.

Erik Pannach und Maximilian Haas

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