Schnee, Autos und Skier – Weßlings große Eishockey-SehnsuchtVor 60 Jahren war der SC Weßling Gründungsmitglied der Bundesliga

Der SC Weßling - offiziell als EG Weßling/Starnberg in der Bundesliga-Saison 1958/59. Alle Namen unten im Artikel. (Foto: privat)Der SC Weßling - offiziell als EG Weßling/Starnberg in der Bundesliga-Saison 1958/59. Alle Namen unten im Artikel. (Foto: privat)
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Die Eishockey-Bundesliga bestritt in der Saison 1958/59 ihre erste Spielzeit – und war damit nicht nur fünf Jahre vor den Fußballern am Start, sie war sogar die erste Liga überhaupt, die diesen Namen trug. Es passt ein wenig zur Ironie dieser Geschichte, dass alle, die sich mit der Geschichte der Eishockey-Bundesliga, die 1994 von der Deutschen Eishockey-Liga abgelöst wurde, befassen, den Namen SC Weßling nicht kennen – wohl aber die Bezeichnung EG Weßling/Starnberg. „Das hat man damals gemacht, weil man hoffte, dass dann die Bereitschaft größer sei, im Landkreis Starnberg ein Kunsteisstadion zu bauen“, berichtet Alfred Riedl junior. Sein Vater Alfred Riedl (83 Jahre) ist – neben Hans Buchner (92) und Armin Hasler (77) – einer von drei heute noch lebenden Spielern dieser Bundesliga-Mannschaft. Sportlich war der vorübergehende Zusammenschluss mit dem TSV 1880 Starnberg unnötig. Der SC Weßling war schon vor der Bundesliga-Gründung erstklassig, der TSV Starnberg kam nie über die untersten Spielklassen hinaus.

Seit 1953 in der Oberliga

Vor der Bundesliga hieß die oberste Spielklasse Oberliga, wurde in einigen Jahren bereits eingleisig ausgetragen, ehe die Liga von 1956 bis 1958 wieder geteilt wurde. Dann entschlossen sich die Eishockey-Macher im Deutschen Eissport-Verband, aus dem einige Jahre später der Deutsche Eishockey-Bund hervorging, dazu, die neue Bundesliga zu organisieren. Der SC Weßling stieg 1953 in die Oberliga auf, ließ in der Qualifikationsrunde Mitaufsteiger LTTC Rot-Weiß Berlin, den Harvestehuder THC und, man lese und staune, den Mannheimer ERC hinter sich. 1958 qualifizierte sich Weßling als Vierter der Süd-Gruppe der Oberliga für die neue Bundesliga.

Das alles war nicht gerade selbstverständlich. Am 6. Dezember 1936 wurde der Sport-Club Weßling ins Leben gerufen – gespielt wurde auf dem zugefrorenen Weßlinger See. „Zum Eishockey brauchte man zunächst eine Bande als seitliche Begrenzung des Spielfeldes. Dazu verwendete man circa 15 Zentimeter breite Bretter, die mit Sturmhaken aneinander gehängt und von Holzklötzen am Umfallen gehindert wurden. Auch die Tore bastelte man aus Holz und Maschendraht“, schrieb Roland von Rebay, eine der Weßlinger Eishockeylegenden, in einem Beitrag für das Heimatbuch „Am Weßlinger See“. Als Umkleidekabine diente damals eine Backstube.

Wie Natureis in einem Stadion entsteht

Ab 1948 entstand das Eisstadion – das aber ein Natureisstadion war. Wie entsteht denn dort eine Eisfläche? „Wenn es geschneit hat“, erklärt Alfred Riedl junior, „wurde der Schnee in das Stadion geschaufelt – und dann mit Autos festgefahren. Mit Skiern wurde der Schnee dann noch in den Ecken festgetreten. Danach wurde Wasser mit einem Schlauch auf diesem Untergrund eingelassen. Das hat man schließlich zwei, drei Tage frieren lassen. Es wurde dann noch so lange Wasser aufgetragen, bis die Fläche glatt war.“

Eishockey-Romantikern geht dabei das Herz auf – für den SC Weßling waren das allerdings keine leichten Voraussetzungen. Um im Konzert der Großen mithalten zu können, wurde im Münchner Prinzregentenstadion trainiert – meist nachts ab 23 Uhr. Als Ausweichspielstätten – auch in der Bundesliga-Saison – dienten zudem das Münchner Weststadion in Parsing und das Eisstadion in Landsberg.

Umso bemerkenswerter ist der Erfolg des SC Weßling. Die großen Stars waren damals Willi und Toni Edelmann. Willi brachte es als Torhüter auf 20 Einsätze in der A-Nationalmannschaft, sein zwei Jahre jüngerer, stürmender Bruder Toni lief ebenso zweimal für Deutschland auf wie Verteidiger Hans Schneider. 1956 spielte die Weßlinger Mannschaft sogar als deutsche B-Nationalmannschaft in Jesenice und trennte sich 5:5 von Jugoslawien.

Der einzige Bundesliga-Sieg: 6:2 gegen die Düsseldorfer EG

Was aus dem SC Weßling nun wurde? Nach nur einer Saison in der Bundesliga stieg die EG Weßling/Starnberg ab. Weil der Bau eines Kunsteisstadions kein Thema war, zerbrach die Zweckehe mit Starnberg nach nur einem Jahr und der SC Weßling spielte noch einige Jahre in unteren Spielklassen, zuletzt in der Natureis-Bayernliga, ehe 1984 der Spielbetrieb eingestellt wurde. Natureisstadien waren in den regulären Ligen einfach nicht mehr erlaubt. Gänzlich unerfolgreich war das eine Jahr in der Bundesliga aber nicht. Denn einen Sieg feierten die Weßlinger Jungs, die – und das ist ebenfalls eine dieser kuriosen Geschichten – bis auf wenige Ausnahmen von der gleichen Hebamme auf die Welt gebracht worden waren, dann doch. Am fünften Spieltag empfing die EG Weßling/Starnberg die Düsseldorfer EG und gewann durch die Tore von Toni Edelmann, Thomas Schaberer und Raimund Ressemann, die alle doppelt trafen, mit 6:2 (1:0, 1:1, 4:1) in Landsberg gegen die Düsseldorfer EG.

Das Unglaubliche: „Der Landkreis Starnberg ist noch heute der einzige Landkreis Bayerns, in dem es kein Kunsteisstadion gibt“, sagt Alfred Riedl junior. Damit haben sich die Weßlinger abgefunden – das Eishockey haben sie dennoch nicht aufgegeben. „Bis nach Germering sind es nur zehn, elf Kilometer.“ Und so sind über die Jahre etliche Spieler der heutigen Wanderers Germering – was für ein passender Name – aus Weßling gekommen. „Auch viele Sponsoren kommen aus Weßling.“ Zwei Jungs sind aktuell sogar auf dem Sprung in die große Eishockeywelt. „Korbinian Geibel spielt in der DNL für die Eisbären Berlin Juniors, Ludwig Müller für den EV Regensburg“, berichtet Riedl über die Nachwuchstalente.

Zwei Weßlinger Talente in der DNL

Ob die beiden Teenager wissen, welche Eishockeygeschichte hinter ihrem Heimatort steckt? „Natürlich. Wir Älteren haben ihnen ja das Eishockeyspielen beigebracht. Und auch alle Geschichten erzählt“, schmunzelt Riedl, der selbst lange Zeit für Germering gespielt hat. „Mein Freund Dr. Steffen Breusch und ich waren die ersten Spieler, die mit 16 Jahren zum EV Germering, den heutigen Wanderers, gewechselt sind. In den nachfolgenden Jahren wechselten die erste Mannschaft und circa drei Nachwuchsmannschaften nach Germering, so dass hier das Weßlinger Eishockey seinen Lauf nahm. Aktuell spielen rund 20 Spieler aus Weßling in den Nachwuchsmannschaften der Wanderers Germering.“

Und wenn in diesem Jahr der Weßlinger See zufriert, werden die Weßlinger erneut dem Lockruf des Eises folgen. Sie werden Schlittschuh laufen, Eisstock schießen und sie werden Eishockey spielen. Und zwischendurch werden sie, ganz in der Nähe der Stege, einen Glühwein am legendären Wasserberghäusl bei Wirt Claudius Brudnjak trinken.

Und sie werden sich die Geschichten des legendären SC Weßling erzählen, der sich vor 60 Jahren anschickte, die Großen des Eishockeys in der nagelneuen Bundesliga herauszufordern.

Auf dem Foto sind zu sehen:

Hinten von links: Paul Jakob, Hans Dallmeyer, Roland von Rebay, Josef Riedl, Raimund Ressemann, Thomas Schaberer, Hans Buchner. Vorne von links: Anton Brendle, Albert Dellinger, Manfred Schneider, Willi Edelmann, Toni Edelmann. Es fehlt: Alfred Riedl. 


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