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Nach dem Tod von Claude Lemieux

CTE: Oder die Angst vor dem nächsten Check!

Lesedauer: 5 Minuten
Ein Foto, das erst wenige Tage alt ist. Claude Lemieux bei einem Play-off-Spiel der Montreal Canadiens. Kurz darauf beendete er sein Leben.
Ein Foto, das erst wenige Tage alt ist. Claude Lemieux bei einem Play-off-Spiel der Montreal Canadiens. Kurz darauf beendete er sein Leben. (Foto: dpa/picture alliance /The Canadian Press via AP)

Hockeyweb-Mitarbeiter Ronald Toplak erinnert sich angesichts des Todes von Claude Lemieux an die Fälle Stefan Ustorf und Florian Busch. Der Suizid des NHL-Stars erschüttert die Sportwelt und holt das Thema Gehirnerschütterungen ins Bewusstsein zurück.

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Ich erinnere mich noch an diese Pressekonferenz im Olympiastadion, als hätte jemand das Licht einen Moment zu scharf eingestellt. Stefan Ustorf, damals Profi bei den Eisbären Berlin, hatte geladen. Kein Auftritt im klassischen Sinn, eher ein Zusammenkommen von Menschen, die dieses Spiel kennen – und von anderen, die es nur aus der Distanz begleiten. Ustorf stand da und sprach ruhig, fast sachlich, und genau darin lag die Wirkung. Es ging um Gehirnerschütterungen, um das, was danach kommt, um das, was bleibt, wenn der Körper längst weiterläuft, aber etwas im Inneren nicht mehr im Takt ist.

Der ehemalige NHL-Star machte uns auf etwas aufmerksam, von dem wir damals noch nicht viel wussten. Eigentlich: von dem selbst viele Aktive, viele Profis, noch nicht viel wussten. Nicht im Sinne eines medizinischen Fachbegriffs, sondern im Sinne eines Zusammenhangs. Dass sich da etwas summiert. Dass der Sport, den wir als schnell, sauber, kontrolliert erfassen, in den Köpfen der Spieler Spuren hinterlässt, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

Chronisch-traumatische Enzephalopathie. Kurz: CTE. Ein sperriger Begriff für etwas, das sich nicht sperren lässt. Etwas für die NFL, für das Boxen vielleicht. Dachten wir. Aber nicht für „unser“ Eishockey, das wir doch als so schnell, so modern, so kontrolliert erfassten. Ustorf öffnete uns die Augen. Über eine Krankheit, die sich nicht zeigt wie ein Bruch, sondern wie ein langsames Verrutschen der eigenen Welt. Ustorf sagte sinngemäß, er müsse täglich damit leben. Manche Dinge gingen nicht weg. Sie blieben. Man gewöhne sich nicht daran, man arrangiere sich nur. Er erklärte einen Sport, der bis dahin eher von Routine und Härte geprägt war. Und plötzlich stand da etwas im Raum, das nicht mehr verschwand.

Lange blieb das nicht greifbar genug, um sich wirklich festzusetzen. Aber es war gesetzt. Zuletzt wurde diese Problematik bei mir durch Florian Busch wieder ins Bewusstsein geholt. Ein Spieler, der seine Karriere nicht aus freien Stücken beendete, sondern weil der Kopf nicht mehr mitmachte. Gehirnerschütterungen, wiederholt, nicht als einzelne Ereignisse, sondern als Verlauf. Und mit ihm kehrte etwas zurück in die Diskussion, das man vielleicht zu früh wieder an den Rand geschoben hatte: dass es nicht nur um Härte geht, sondern um Grenzen. Körperliche, aber eben auch mentale.

Zwischen diesen beiden Punkten spannt sich etwas auf, das im deutschen Eishockey lange eher nebenbei verhandelt wurde. Ustorf auf der einen Seite, der heute als Sportdirektor arbeitet, als Experte, als jemand, der im Spiel geblieben ist, aber mit einem anderen Wissen. Ein Mann, der nicht aus der Welt gefallen ist, sondern in ihr weiterlebt – nur anders. Gebremster, bewusster, mit einem Schatten, der sich nicht wegtrainieren lässt. Busch auf der anderen, dessen Karriere an genau dieser Grenze endete.

Und dann kommt Claude Lemieux. Eine Figur, die für das internationale Eishockey all das verkörpert, was man mit Härte, Play-off-Hockey, Grenzbereichen verbindet. Vier Stanley Cups, unzählige Spiele, die sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt haben. Ein Name, der sofort Bilder auslöst: Checks an der Bande, Serien, Rivalitäten, Eskalationen. Eine der großen Figuren dieses Sports, ohne Einschränkung.

Nun die Nachricht: gestorben mit 60 Jahren. Selbstmord.

Die Eishockeywelt reagiert erschüttert. Nicht nur wegen der Endgültigkeit, sondern wegen der Fragen, die sich plötzlich dahinter auftun, ohne dass sie beantwortet wären. Die Familie stellt sein Gehirn der Forschung zur Verfügung, in der Hoffnung, dass daraus Erkenntnisse entstehen, die über den einzelnen Fall hinausreichen. Der Versuch, etwas sichtbar zu machen, das sich dem Sichtbaren oft entzieht.

Vielleicht liegt darin etwas Hoffnungsvolles. Vor 20 oder 30 Jahren wurde über Gehirnerschütterungen oft gesprochen wie über einen verstauchten Knöchel. Kurz schütteln, weiterspielen. Heute werden Spieler aus dem Spiel genommen. Es gibt Protokolle. Neuropsychologische Tests. Diskussionen über Schutzmaßnahmen. Die Gefahr ist nicht verschwunden, aber sie wird endlich ernst genommen.

Und damit schließen sich die Linien. Ustorf, der uns auf etwas aufmerksam machte, das noch kaum verstanden war. Busch, der es später schmerzhaft zurück ins Bewusstsein holte. Die vielen anonymen Karrieren, die sich in den unteren Ligen, in den Kabinen, in den Körpern von Spielern fortsetzen, die nie im Rampenlicht standen. Und Lemieux, dessen Tod die internationale Dimension dieser Frage noch einmal mit einer Wucht sichtbar macht, der man sich kaum entziehen kann.

Es gibt keine einfachen Erklärungen in diesem Geflecht. Keine geradlinige Ursache, keinen bequemen Schluss. Aber es gibt eine Verschiebung im Blick. Früher war Härte ein Bild. Heute ist sie auch eine Frage. Die Angst vor dem nächsten harten Check und das Gefühl, dem enormen Tempo auf dem Eis physisch und mental nicht mehr folgen zu können. Der Punkt, an dem aus Sport plötzlich etwas anderes wird: etwas, das nicht nur im Körper stattfindet, sondern im Verhältnis zu sich selbst.

Und irgendwo zwischen diesen Wahrnehmungen liegt ein Sport, der beginnt, sich selbst anders zu sehen. Die Frage nach dem, was ein Körper im Profisport aushält, ist längst gestellt. Die Frage nach dem, was ein Kopf aushält, ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit kann sie das auch nicht sein, solange die Antworten erst nach dem Tod möglich werden.

Die Familie von Lemieux weist ausdrücklich darauf hin, dass aus der Gehirnspende keine Diagnose abgeleitet werden soll. Aber allein die Entscheidung, sein Gehirn der Forschung zur Verfügung zu stellen, zeigt, wie ernst sie die Frage nimmt.

Das ist ein Vermächtnis, das weit über Tore, Checks und Meisterschaften hinausgeht. Eines, das Lemieux selbst wichtig gewesen wäre.

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