EV Landshut, der nicht ganz klassische Aufsteiger - oder...?Aufsteiger aus Niederbayern wird zur DEL2-Rückkehr Tabellenletzter

Leif Carlsson folgt Axel Kammerer als Headcoach des EV Landshut. (Foto: Stefan Eriksson, Färjestad BK)Leif Carlsson folgt Axel Kammerer als Headcoach des EV Landshut. (Foto: Stefan Eriksson, Färjestad BK)
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Fünf Jahre ist es nun her, dass der EV Landshut aufgrund von fehlender Wirtschaftlichkeit keine Lizenz für die DEL2 erhielt und den Gang in die Oberliga antreten musste. Mit dem Abwenden der Insolvenz war die klare Zielsetzung, den Verein in erster Linie zurück zu finanzieller Gesundheit zu führen, ehe man zurück zur Zweitklassigkeit kehren würde, klar. Das Kronjuwel der eishockeyverrückten Stadt Landshut, die für Namen wie Gerd & Bernd Truntschka, Alois Schloder, Tom Kühnhackl oder auch Marco Sturm steht, hatte die Pflege und Führung mit Sinn und Verstand aus dem Abgrund bitterer nötig als je zuvor. So war es im Jahre 2019 soweit, dass die von Axel Kammerer geführte Truppe die niederbayerische Hauptstadt zurück auf die Landkarte der DEL2 brachte.

Dass sich die erste Spielzeit für einen Aufsteiger nie einfach gestaltet, ist kein Geheimnis. So kamen für den frisch gebackenen Zweitligisten jedoch weitere Hürden dazu. Mit der Sanierung der Eishalle, die im Sommer 2019 begann, musste eine Lösung zur Überbrückung der Heimspiele gefunden werden. Für die Kufen-Cracks gab es somit bis zum 12. Spieltag Mitte Oktober ausschließlich Gastauftritte und ab dem Abschluss des ersten Bauabschnittes der Eishalle am Gutenbergweg mehrere Spiele, die neben dem normalen Spielplan der Liga unter der Woche nachgeholt werden mussten.

Bereits im Sommer wusste man für Furore zu sorgen. Von den Fischtown Pinguins aus der DEL kam der erfahrene Jaroslav Hübl (37 Jahre), der zusammen mit Aufstiegsheld Patrick Berger das Torwartgespann bilden sollte. Kurze Zeit später wurde das frisch gebackene Meister-Duo um Robbie Czarnik und Mathieu Pompei vorgestellt. Mit dieser Personalentscheidung verpflichtete man nicht weniger als 125 Scorerpunkte des bis dato amtierenden DEL2 Meisters Ravensburg Towerstars; Verpflichtungen, die für den klassischen Aufsteiger eher untypsich sind und bei dem einen Fan die Hoffnung auf hochklassisches Eishockey, wenn nicht sogar den Traum von Playoffs aufleben ließ. Die skeptische Variante des Landshuter Eishockey-Fans machte sich, mit den Bildern aus 2015 im Hinterkopf, vor Beginn der Saison bereits das erste Mal Sorgen darum, ob man sich finanziell nicht schon übernahm. Gegen diese These sprach die Struktur und Mannschaftszusammenstellung selbst, die Jahr für Jahr junge, talentierte Spieler abwirft, die auch maßgeblich am Aufstieg beteiligt waren. Alexander Ehl (einer der Top 3 zur Auswahl zum Rookie des Jahres der DEL2), Luca Trinkberger, Marc Schmidtpeter oder auch Marco Sedlar sind nur eine Auswahl an beim EVL aktuell aktiven Landshuter Eigengewächse. In die Saison führte das Aushängeschild schlechthin- Kapitän Maximilian Forster. Mit 29 Jahren ist er bereits elf Jahre im Profibereich des Landshuter Eishockey vertreten und zuletzt sieben aneinander folgende Jahre seinem Ausbildungsverein treu.

Während der „normale“ Aufsteiger im ersten Jahr in der höheren Klasse meist das Ziel des Nichtabstiegs ausgibt, ging man das Ganze am Gutenbergweg etwas ambitionierter an und gab Platz 10 und somit die Teilnahme an den Pre-Playoffs aus. Wenngleich viele diese Zielsetzung für etwas überheblich hielten, so kann man sie mit Berücksichtigung des Ehrgeizes des Klubs genauso auch vertreten. Mit 52 Spielen vor der Brust könnte man auch von fehlendem Biss, zu frühem Ergeben oder nicht vorhandener Fokussierung sprechen, wenn man sich vom ersten Tag an mit den Playdowns beschäftigt.

Im Laufe der Saison wurde auf und neben dem Eis immer wieder an den Stellschrauben gedreht: So musste man auf den langfristigen Ausfall von Josh McFadden (Kreuzbandriss) reagieren, der durch den Ex-Tölzer Kevin Wehrs ersetzt wurde. Nach sportlicher Talfahrt trennte man sich von Aufstiegstrainer Axel Kammerer und präsentierte den Schweden Leif Carlsson, der für die ursprünglich bevorstehenden Playdowns noch Robert Hoffmann (vorher Lausitzer Füchse) zur Seite gestellt bekam. Auf die Leistungen im Tor, mit denen man nicht vollkommen einverstanden war, folgte die Verpflichtung des ehemaligen Nationalspielers Dimitri Pätzold. Des Weiteren kamen Dominik Bohac (Schwenninger Wild Wings), „Der General“ Tomas Plihal, Matic Podlipnik, Lukas Löfquist und Jeff Hayes (Ravensburg Towerstars) an die Isar, während Tadas Kumeliauskas und der unter der Saison erst verpflichtete Kevin Wehrs den Verein wieder verließen. Dass die Verantwortlichen untätig gewesen wären, kann man ihnen sicherlich nicht vorwerfen. Dennoch steht außer Frage, dass all diese Wechselspiele und Umstrukturierungen im Laufe einer Saison nicht einfach umsetzbar sind.

Die Frage, wer das Landshuter Tor hüten sollte, verfolgte den Verein über die gesamte Vorrunde. Jaroslav Hübl, der schlussendlich auf eine Fangquote von 87,98% kam, zeigte zur Mitte der Saison einige sehr durchwachsene Spiele, was auf Grund dessen, dass man dem jungen Publikumsliebling Patrick Berger die DEL2 scheinbar noch nicht vollends zutraute, zur Verpflichtung des großen Namens Dimitri Pätzold verleitete. Eine Verpflichtung, die allein vom Namen her für Aufsehen sorgte und die Hoffnung auf den Anschluss zu den Pre-Playoffs aufs Neue schürte. Dimitri Pätzold brachte leider wenig Glanz seiner beachtlichen Karriere (über 400 Spiele in der DEL, Deutsche Nationalmannschaft, über Jahre hinweg über 90% Fangquote) mit an die Isar. Lediglich 83,1% Fangquote standen unter dem Strich für ihn zu Buche. Warum man beim so gut aufgestellten Ausbildungsverein trotz nicht zufriedenstellender Leistungen des einen und nachweislich nicht der besten Form seiner Karriere des anderen so selten auf Eigengewächs Patrick Berger mit ebenfalls 87,97% Fangquote zurückgriff, bleibt offen. Dass der junge Goalie die Chancen, die er bekam, zumeist mit guten bis sehr guten Auftritten zu nutzen wusste und unter den Anhängern, die vor allem ihre „Landshuter Jungs“ so sehr lieben, wurde seitens der Verantwortlichen nur wenig quittiert.

Wenn man vom Publikumsliebling spricht, ist die Überleitung zur Zuschauerkulisse am Gutenbergweg nicht schwierig. In dieser Kategorie gehörte man definitiv zur Spitze der Liga. 77.741 Zuschauer fanden im Laufe der 26 Heimspiele den Weg auf die Ränge des Stadions. Mit durchschnittlich 2990 Zuschauern sahen lediglich in Frankfurt, Dresden und Kassel mehr Eishockeybegeisterte zu. Rechnet man das Winter-Game der Dresdner Eislöwen gegen die Lausitzer Füchse raus, landen die hockeybegeisterten Landshuter sogar in der Top 3 der DEL2. Einziger Wermutstropfen bei dieser Thematik ist die Tatsache, dass die „Stimmungs“-Fraktion der Fans sich nach erneuten Krawallen gegen die gleiche Fraktion der Ravensburger Towerstars und Konsequenzen von Stadt und Verein dazu entschloss, die Mannschaft in der wichtigsten Phase der Saison die Unterstützung zu verwehren. Zu den entscheidendsten Begegnungen der vergangenen Spielzeit war somit trotz gut gefühlter Eishalle kaum spürbare Atmosphäre vorhanden.

Das absolute Glanzlicht der Saison bildete das Duo um Robbie Czarnik und Mathieu Pompei (Platz 4 der Topscorer DEL2). 55 Tore wurden allein von den Schlägern der beiden Kontingent-Stürmer erzielt. Dass man bei diesem brandgefährlichen Duo von der Lebensversicherung der Niederbayern sprechen konnte, zeigt die Tatsache, dass auf 160 geschossene Tore der gesamten Mannschaft allein 130 Torbeteiligungen das Siegel Czarnik oder Pompei trugen. Perfektioniert wurde die Top-Reihe der Landshuter dann Anfang Februar. Der „General“ Tomas Plihal, der im Aufstiegsjahr bereits zur Mannschaft der Landshuter gehörte, komplettierte die erste Sturmformation, die in den ersten vier Spielen dieser neu formierten Reihe 25 Scorerpunkte einbrachte. Leider konnte dieses Feuer für die entscheidende Phase der Saison nicht hoch gehalten werden, was auch daran lag, dass man sich für die Gegner in der zweithöchsten Liga Deutschlands zu berechenbar machte. Vor allem in den direkten Duellen um die hart umkämpften Pre-Playoff-Plätze gegen die Eispiraten Crimmitschau (1:2), die Lausitzer Füchse (0:3) und die Bayreuth Tigers (1:3) war deutlich zu spüren, dass der Gegner seine Hausaufgaben machte und mit dem Ausschalten der Topformation für bittere Niederlagen sorgte. So wurden die Kufen-Cracks vom EV Landshut im Laufe einer vernünftig gestarteten Saison (Nach sieben Spieltagen noch Platz 7) bis zum 52. Spieltag auf den letzten Tabellenplatz durchgereicht.

Vor allem nach dem im Januar stattgefundenem Trainerwechsel und den immer wieder kehrenden Rückschlägen in der brisanten Phase der Saison hätte man sich sicherlich das ein oder andere Experiment der Reihen-Zusammenstellungen gewünscht. Mit dem für den Gegner gut ausmachbarem komplettem Tafelsilber in der ersten Formation kam über die weiteren Offensivreihen trotz vernünftiger Spielzeiten von beispielweise Kapitän Maximilian Forster (47 Scorerpunkte) oder Jungspieler Alexander Ehl (31 Scorerpunkte) zu wenig Zählbares und Belebendes nach. Rückblickend ist nicht zu beurteilen, ob überraschende Umstellungen und die Trennung der Top-Formation, um ausgeglichenere Reihen zu erzielen, gefruchtet hätte, jedoch wirkte man ohne diese Versuche, als wolle man sich ergeben, und für Außenstehende durfte die individuelle Handschrift des neuen Trainers auf der Eisfläche durchaus vermisst werden.

Woran es nicht gelegen hat, sind die Special Teams der Niederbayern. Trotz einer mäßigen Powerplay-Quote von 19,1% (42 Tore aus 220 Situationen ergibt Platz 10 im Liga-Vergleich) kam man durch ein sehr sattelfestes Penalty Killing, was auch aufgrund des hohen Grades an Disziplin (540 Strafminuten/Platz 2 hinter dem EHC Freiburg in der Fair-Play-Tabelle) basiert, von 83,2% (40 Gegentore in 238 Situationen ergibt Platz 2 im Liga-Vergleich) auf eine gesamte Effektivität von 102,3%, womit man hier auf direkter Playoff-Teilnahme (Rang 6) rangierte.

Dieses sehr solide Penalty Killing fand sich in diesem Maße leider nicht in der kompletten Defensive wieder. Mit 183 Einschlägen im eigenen Gehäuse kann man nur schwer vollkommen zufrieden sein. Bei genauerem Hinsehen muss man jedoch berücksichtigen, dass man es vor allem auf dieser Position im Laufe der Saison besonders schwer hatte. Der frühe Ausfall von Josh McFadden, die Nachverpflichtungen von Dominik Bohac und Kevin Wehrs, welcher den Verein bereits vor Ende der Vorrunde wieder verließ, und die Vielzahl der jungen Spieler (Christian Ettwein, Mario Zimmermann, etc.), denen man die Chance, an den Erfahrenen wie beispielweise neben Elia Ostwald oder neben Mathieu Pompei zu wachsen, zugestehen musste, zeigten durchaus auf, dass nie wirklich Ruhe in die Hintermannschaft kam und selten über längere Zeiträume mit festen Verteidigerpärchen agiert werden konnte. Blindes Verständnis für das Aufbauspiel oder das Lösen von Drucksituationen ließ sich kaum entwickeln sowie einige selbstverständliche Dinge kompliziert und langwierig wirkten.

Abschließend darf man an einem der traditionsreichsten Standorte Bayerns mit einem aus sportlicher Sicht wenig erfreulichem, jedoch glücklichem Ausgang der Saison durchatmen. Der in Deutschland herein gebrochene Corona-Virus sorgte für den Abbruch der laufenden Spielzeit und schob den Playdowns der DEL2 wie in fast allen Sportligen der Welt den Riegel vor. Nach Bekanntgabe des offiziellen Saisonendes stand somit quasi fest, dass die Angst vor dem Abstieg zurück in die Oberliga beendet werden konnte. In welcher Form die Playdowns für die Truppe von Trainer Leif Carlson geendet hätten, bleibt reine Spekulation. Betrachtet man jedoch die Form der drei anderen Play-Down-Kontrahenten der Abstiegsrunde, steht die Schwere der Aufgabe, die bevorgestanden hätte, außer Frage. Im Laufe der Saison gab es sicherlich auch Höhepunkte, so zum Beispiel beim 7:1-Erfolg gegen die Lausitzer Füchse im Oktober, oder das 6:1 gegen die Roten Teufel Bad Nauheim im Dezember, als auch gleichermaßen Tiefschläge wie beispielsweise eine herbe 8:0-Niederlage bei den Frankfurter Löwen – ebenfalls im Oktober 2019. Blickt man auf die nackten Zahlen, fällt schnell die Schwäche beim Spiel Fünf gegen Fünf auf. Mit starken Statistiken bei den Special-Teams hätte man durchaus trumpfen können, was die fehlende Effektivität bei Gleichheit der Spieler auf dem Eis unterstreicht. Dass Landshut mit den Zuschauerzahlen, den verpflichteten Namen und dem Ruf, dem der EVL vorauseilt, nicht der klassische Aufsteiger war, ist keine Überraschung. Trotzdem landete man in der Premieren-Saison der DEL2 auf dem letzten Tabellenplatz, was mit Blick auf das Saisonziel für Ernüchterung sorgte und das Fazit zulässt, mit etwas Glück die Klasse gehalten zu haben.

Wie es für die Niederbayern in der kommenden Spielzeit weiter geht, hängt selbstverständlich vom Ausmaß der aktuell anhaltenden, schwierig einzuschätzenden Situation des Corona-Virus ab. An der Bande wird sich auf jeden Fall nichts ändern. Mit dem Erreichen des Klassenerhaltes hat sich der Vertrag von Trainer Leif Carlsson automatisch um ein Jahr verlängert. Sehr unwahrscheinlich ist jedoch der Verbleib des kongenialen Duos um Robbie Czarnik und Matthieu Pompei. Beide haben im Laufe der Saison Werbung in eigener Sache betrieben und das Interesse einiger Klubs in- und außerhalb Deutschlands geweckt. Auch wenn zwölf Spieler bereits gültige Arbeitspapiere für die kommende Spielzeit besitzen, halten sich am Gutenbergweg hartnäckig die Gerüchte um die ein oder andere Vertragsauflösung. So wie mit dem sicheren Verbleib des Kapitäns Maximilian Forster oder dem frisch verlängerten Stephan Kronthaler zu rechnen ist, darf man die Rückkehr von beispielsweise Jaroslav Hübl oder Erik Gollenbeck trotz gültiger Verträge in Frage stellen. Mit der Tatsache, dass auch bei den Importstellen aktuell keine Position vergeben ist, stehen die Zeichen auf Umbruch, welcher mit dem nicht zufrieden stellenden Platz in der Abschlusstabelle sicher auch vom Publikum gefordert werden dürfte. Welchen Weg man in der Drei-Helme-Stadt auch einschlagen wird, um die zahlreichen Baustellen der Kader-Zusammentellung zu lösen, unterschätzt werden sollte der bayerische Kult-Klub aus Landshut in der nächsten Saison sicher nicht – wenn man seine Hausaufgaben macht.