Gaddafi und der ECD Iserlohn

Das Trikot des ECD Iserlohn mit der Werbung für das Grüne Buch im Eishockeymuseum. (Foto: Oliver Schwarz)Das Trikot des ECD Iserlohn mit der Werbung für das Grüne Buch im Eishockeymuseum. (Foto: Oliver Schwarz)
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Was das mit Eishockey zu tun hat? Vor etwas über 23 Jahren prangte für exakt ein Spiel „Das Grüne Buch“, in dem Gaddafi seine Weltanschauung verbreitete, auf der Brust der Eishockeyspieler des ECD Iserlohn.

„Sodom und Gomorrha“ überschrieb der SPIEGEL damals seine Geschichte zu diesem Thema. Und traf damit den Kern des Ganzen. Wirtschaftlich stand es um den damaligen Bundesligisten schlecht. Das Nachrichtenmagazin beschrieb damals, wie die Spieler der Sauerländer einzeln beim damaligen Vereinschef Heinz Weifenbach vorstellig werden mussten, um ihr Geld zu bekommen. 1986 verschlimmerte sich die Lage beim ECD. Das Finanzamt forderte eine Steuernachzahlung in Höhe von 5,8 Millionen Mark. Und schon vor der Saison 1987/88 drohte das Aus des Vereins. Weil die anderen Bundesligisten aber auf alle Ansprüche verzichteten, sollten die Iserlohner nicht in der Lage sein, die Saison bis zum Ende zu spielen, durfte der ECD doch noch ran.

Was danach geschah, klingt nach einem schlechten Film jener Zeit. Heinz Weifenbach, ein Mann mir Schnäuzer und Dauer-Zigarre, flog mit einem Lokalpolitiker aus Hemer nach Libyen, um einen Sponsoring-Deal zu vereinbaren. Angeblich zumindest. Denn auch die Umstände dieser Verbindung verschwanden im Filz der Zeit. Angeblicher Verhandlungspartner sei, so berichtete der SPIEGEL damals, ein Sekretär des Weltzentrums zur Verbreitung des Grünen Buchs gewesen. Und tatsächlich lief der ECD Iserlohn am 4. Dezember 1987 zum Spiel gegen den Sportbund Rosenheim mit einem Trikot auf, auf dem vorne das Grüne Buch zu sehen war. Da Gaddafis Verbindungen zum internationalen Terrorismus längst klar waren, war der öffentliche Aufschrei riesig. Selbst Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann empörte sich über das Gebaren des ECD Iserlohn und seines Chefs Heinz Weifenbach. Zwei Tage später traten die Sauerländen noch zum Spiel gegen Eintracht Frankfurt an – allerdings ohne Werbung für Gaddafis Buch. Danach war trotz aller zwischenzeitlich noch aufgetretenen Gerüchte Schluss.

Der ECD Iserlohn ging in Konkurs und wurde vom Spielbetrieb zurückgezogen. 26 von 36 Hauptrunden-Spielen hatten die Sauerländer bis dahin bestritten und lagen mit 32:20 Punkten (damals gab es noch das Zwei-Punkte-System) locker auf Play-off-Kurs.

Posse also beendet? Nein. Denn tatsächlich flog Weifenbach dann noch selbst nach Libyen, wollte die Finanzspritze aus Nordafrika endgültig unter Dach und Fach bringen. Sein Treffen mit Gaddafi in einem Zelt ging damals durch die Nachrichten. Kurzfristig schien es gar so, als würde der DEB dem Ansinnen Weifenbachs, mit dem neu gegründeten ECD Sauerland in der Bundesliga-Abstiegsrunde wieder an den Start zu gehen, zustimmen – was letztlich aber doch nicht erlaubt wurde. Stattdessen musste der ECD Sauerland in der Oberliga neu starten, dann auch ganz ohne Verbindung zu Gaddafi, der – so sagen Gerüchte – sogar zeitweise davon ausgegangen sei, einen Tennisclub zu sponsern. In den 90ern hat sich dann auch Weifenbach endgültig aus dem Eishockeygeschäft zurückgezogen.

Der ECD Iserlohn war übrigens der erste Verein, der aus dem laufenden Spielbetrieb der 1. Eishockey-Bundesliga ausgeschlossen wurde. Alle vorherigen Pleiten von Mannschaften aus dem Oberhaus, führten entweder nach einer Saison oder wie im Fall von Preußen Krefeld vor einer Saison (1971/72) zum Rückzug. Selbst im Rahmen des Passfälscher-Skandals (1980/81) wurde die Saison komplett zum Ende gebracht. Erst Weifenbach, Gaddafi und der ECD Iserlohn sorgten für ein verfrühtes Saisonende eines Bundesligisten.

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