Das ewige Duell

Manche Spiele lassen dich nicht mehr los. Findet Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak. Sie bleiben. In deiner Stimme. In deinem Kopf. Irgendwo zwischen Herzschlag und Erinnerung.
Seit Jahrzehnten begleitet ihn dieses Duell. Eisbären Berlin gegen Adler Mannheim. Verbotene Stadt.
Lieblingsrivale. Ein Spiel, das keines ist. Die Luft knistert, bevor es beginnt. Und wenn es vorbei ist, ist es noch lange nicht vorbei. Ganz Deutschland spürt es. Weil jeder merkt: Mehr geht nicht. Es gibt Abende, da reicht das Schwarz nicht mehr.
Da tragen selbst Raben plötzlich Farbe. Ich stehe seit 35 Jahren am Eis der Eisbären Berlin. Am Anfang schreibst du noch mit Abstand. Block in der Hand. Blick klar. Du glaubst, du kannst das ordnen.
Irgendwann merkst du, dass das nicht stimmt. Es kriecht in dich rein. Der Lärm.
Die Kälte, die keine ist, weil alles brennt. Diese Sekunden, in denen du vergisst, warum du eigentlich hier bist. Und dann fällt ein Name. Mannheim. Die Adler Mannheim.
Verbotene Stadt. Du sagst das nicht laut. Musst du nicht. Es liegt sowieso schon in der Luft. Seit der BSC Preussen Berlin weg ist, fehlt etwas. Früher hattest du dein Derby vor der Tür. Jetzt fährst du ihm hinterher.
Und irgendwann merkst du: Es ist längst hier. Das ewige Duell. Nicht auf der Landkarte. Aber im Kopf. Im Bauch. In der Stimme, die am nächsten Morgen weg ist. Neben mir einer, den ich nicht kenne. Bier in der Hand, seit Minuten nichts gesagt. Nur geschaut. Als würde gleich etwas passieren, das ihn elektrisiert.
2002. Viertelfinale.
1:3 gegen Mannheim.
Raus. Kein großer Abgang. Kein Pathos. Nur dieses Gefühl, das sich nicht abschütteln lässt. Dass da etwas angefangen hat. Du gehst raus in die Nacht und merkst: Das war noch nicht alles.
2005. Wellblechpalast. Zu eng, zu laut, zu voll. Genau richtig.
5:3.
4:0 in Mannheim.
Zwei Tage später wieder aufs Eis. 4:1.
Das geht zu schnell für Gedanken. Ich sehe Ricard Persson auf der Bande, als wäre das Spiel längst vorbei. Ist es aber noch nicht. Ist egal. Ich sehe Sven Felski, wie er diesen Pokal hochzieht, als würde er ihn nie wieder loslassen.
608 Spiele stecken da drin. Vielleicht mehr. Ich schaue ihm in die Augen. Er weint. Vor Glück. Zugegeben: Ich auch. 5.000 Menschen (manche sagen 7000) schreien nicht. Sie tragen dich. Draußen ist Berlin. Drinnen ist etwas anderes entstanden.
Und wieder Mannheim.
Immer wieder Mannheim. Irgendwann hörst du auf, die Jahre zu zählen. Du erkennst nur noch das Muster. Dieses Wiedersehen, das sich nicht vermeiden lässt.
2012. Du sitzt in Mannheim. 13.600 Stimmen um dich herum. Sie singen schon.
5:2.
Neben mir derselbe Typ wie Jahre zuvor, kommt mir jedenfalls so vor. Oder ein anderer, egal. Bier warm. Hände fest um den Becher. Er sagt nichts. Ich auch nicht.
Dann ein Tor. Jimmy Sharrow. Später Barry Tallackson. Du merkst es zuerst im Körper. Nicht im Kopf. Da ist auf einmal wieder Platz. Die Halle wird unruhig.
So ein feines Zittern, das durch die Ränge geht. Tyson Mulock. 5:5. Verlängerung. Und dann dieser eine Moment.
3:26.
Schuss.
Drin.
6:5.
Travis James Mulock. Wieder ein Mulock. Kurz ist alles still in dir. Dann zu laut. Du sitzt da und weißt nicht mehr, wie lange schon. Und dann passiert etwas, das du nie vergisst:
Diese Stille.
13.600 Menschen — und keiner sagt was.
Als hätte jemand den Stecker gezogen. Nur ein paar Meter weiter explodiert alles. Du stehst. Du schreist. Du weißt nicht wohin mit dir. Zwei Tage später. Zu Hause.
Eigene Halle. Andere Luft. Titel. Im tausendsten und letzten Spiel von Sven Felski. Mehr Legende geht nicht. Ich schreibe das alles auf, weil ich Angst habe, dass es sonst verschwindet. Diese Spiele. Diese Abende.
Sie sind zu groß, um einfach weg zu sein. Vielleicht sind sie wie Blumen. Aber keine stillen. Eher solche, die durch Asphalt brechen. Zu laut, zu widerspenstig, um zu verwelken. Elf Meisterschaften inzwischen. Und immer wieder dieses Duell.
Die Eisbären Berlin gegen die Adler Mannheim.
Ganz Deutschland schaut dann hin. Auch die, die sonst weitergehen.Weil sie merken:
Hier passiert etwas. In der Kurve rücken sie enger zusammen. Brüder. Fremde. Egal. Ein Blick reicht. Du brauchst keinen Plan mehr, keine Tabelle. Du brauchst nur diesen Moment. Weil du weißt, warum du hier bist. Nicht für die Ruhe danach. Nicht für das Ergebnis. Sondern für genau das hier.
Für den Lärm.
Für das Kippen.
Für dieses Gefühl, dass es jederzeit wieder passieren kann.
Und es wird wieder passieren. Weil es Mannheim gibt. Und weil solche Abende nicht aufhören.
Sie warten nur.














