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Steht Sportdirektor Rich Chernomaz in Frankfurt vor dem Aus?Löwen Frankfurt wollen Jugendausbildung größer schreiben

Muss sich Rich Chernomaz im Sommer von den Löwen Frankfurt verabschieden? (Foto: dpa/picture alliance)Muss sich Rich Chernomaz im Sommer von den Löwen Frankfurt verabschieden? (Foto: dpa/picture alliance)
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Fast gleichzeitig verkündete der Nachwuchs-Verein, noch größeren Wert auf die Ausbildung von Talenten setzen zu wollen, sogar zu den besten Ausbildungsvereinen Deutschlands gehören zu wollen. Hockeyweb unterzieht die Causa Chernomaz im Einklang der Ankündigung des Nachwuchs-Vereins einer näheren Betrachtung seiner zweiten Amtszeit und blickt auf Perspektiven.

Die Gründe für weitere Gedankengänge neben einer Weiterverpflichtung „Chernos“ seien trotz des sportlichen Aufstiegs in die DEL2 2013/14 sowie mit der Meisterschaft in der vergangenen Saison beliebig; zunächst habe „Cherno“ nicht immer den Etat des spielenden Personales eingehalten, weiterhin werde ihm mangelndes Netzwerk an deutschen Spielern vorgeworfen. Begrenzt sind die Kontingentstellen in der DEL2 sowieso, jedoch haben die Löwen neben den vier reinen Kontingentstellen acht Spieler mit einer doppelten Staatsbürgerschaft, davon sieben aus dem Eishockey-Mutterland Kanada. Bereits hier greift die Jugendausbildung: kein einziger der verbliebenen deutschen Spieler kommt aus Frankfurt, lediglich der dritte Backup-Goalie Jascha Strobel wurde im Löwen-Nachwuchs ausgebildet und ist für die Profi-Mannschaft lizenziert. Auch die deutschen Verteidiger und Stürmer sind keine waschechten Frankfurter oder dort ausgebildet, durchliefen keine Jugendstation am Main; die meisten der Spieler sind gar Förderlizenzspieler, über die ihre DEL-Stammvereine aus Mannheim (Goalie Florian Proske), Straubing (Maximilian Gläßl) und Köln (Dominic Tiffels, Eric Valentin, Lucas DuMont und Hannibal Weitzmann) verfügen. Lediglich mit dem Finger auf dem Löwen-GmbH zu zeigen, wäre sicherlich der falsche Weg. Lange genug wurde das Potenzial des Nachwuchs-Vereins liegen gelassen und nur wenig qualitativ wertvolle Jugendarbeit geleistet.

Der „Bürgermeister“ Nils Liesegang

Zumindest verfügen die Löwen über eine Handvoll Spieler, die seit langer Zeit in Frankfurt unter Vertrag stehen und neben dem schnöden Mammon auch gerne in Südhessen verweilen – kurzum: sogenannte Franchise-Player, die dem Standort Löwen Frankfurt die Stange halten. Oder wollten; wenn es denn etwas wie einen Franchise-Player gibt, wie man den seit 2012 in Frankfurt spielenden und in die Stadt Frankfurt „eingebürgerten“ Nils Liesegang bezeichnen könnte, muss man diesen als solches Beispiel nennen. Nicht umsonst wird dieser scherzhaft unter einigen Ex-Löwen-Spielern oder derzeitigen Löwen-Spielern als „Bürgermeister“ bezeichnet. Liesegangs Vertrag lief vor der letzten Saison aus. Und Chernomaz wollte diesen nicht verlängern. Für die Fans in Frankfurt wäre dies undenkbar gewesen, nachdem bereits Publikumsliebling Richie Mueller, dessen tosender Empfang am Ratsweg im letzten Gastspiel Mitte November gegen Riessersee allen Beteiligten im Gedächtnis hängen geblieben ist und auch Rich Chernomaz aufgefallen sein müsste. Frankfurt ohne Mueller und Liesegang gleichzeitig hätte das Ansehen des Sportdirektors noch weiter sinken lassen, ist dieser nach der verkorksten Saison 2015/16 doch längst nicht mehr als Heilsbringer des Frankfurter Eishockeys wie 2004, als er kam, sah und siegte bzw. Meister wurde, angesehen.

Frankfurter Talent spielt in Bad Nauheim

Es ist ja nicht so, dass es keine Talente gibt, die dem Frankfurter Nachwuchs entspringen. Schön zu wissen ist, dass ein Marius Erk, der seine Jugend-Laufbahn bei den Young Lions Frankfurt sowie in Folge beim Löwen-Nachwuchs e.V. absolvierte, bevor er zwei Jahre bei den Kölner Haien gefördert wurde, in der DEL2 Fuß gefasst hat und dort nicht lediglich als Hinterbänkler Reihen auffüllt, sondern sogar seine Eiszeit bekommt. Im Kader der Löwen Frankfurt wird man diesen allerdings vergeblich suchen. Umso schmerzhafter für Romantiker erscheint, dass dieser ausgerechnet 35 Kilometer nördlich das Trikot des EC Bad Nauheim trägt und dort seine ersten Schritte im Profi-Eishockey macht. Wohlgemerkt: im Trikot des Lokalrivalen.

Platt formuliert: nur wer gefordert wird, kann gefördert werden. Dies beweist der EC Bad Nauheim an der Stelle blendend, deren Credo, das nicht erst seit gestern voraussetzt, die Jugendförderung von Nachwuchsspielern bis zum Profi-Team durchlässig zu betreiben, durchgesetzt wird. Aber auch abgesehen von den Romantikern, die einen Frankfurter Jungen gerne im Frankfurter Dress sehen würden, muss die bereits aufgeworfene Frage nach der mangelnden Vernetzung des Sportdirektors gestellt werden – ohne gar das Interesse an deutscher Nachwuchsförderung? Einen solchen Spieler kann man durchaus auch in Frankfurt versuchen zu fördern. Ohne eine monetäre Vermutung anstellen zu wollen, hätte man in Erk einen Spieler, über den man eigens verfügt, der keine Förderlizenz nach oben in die DEL hat, auf den man quasi eigene Rechte hält – und indes eine Identifikationsfigur für Fans und Sponsoren.

Änderungen sind möglich

Wie geht es weiter? In Frankfurt hält man sich bedeckt. Man ließ zwar die Möglichkeit offen, dass man Gespräche um eine Vertragsverlängerung mit Rich Chernomaz führe; allerdings schaue man sich natürlich um. Nicht verwunderlich wäre daher auch eine Neuorientierung auf der Position des Managers seitens des gesamten Vereins in Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs-Verein, der zudem Erfahrung in der DEL hat –  ein Ziel der Löwen Frankfurt, das neben der Besetzung der Positionen und Fokussierung auf die Jugend natürlich nicht außer Acht gelassen wird. Die Ankündigung, einer der besten Ausbildungsvereine Deutschlands zu werden, könnte kleiner nicht sein. Wer diesen Weg als Sportdirektor der Löwen-GmbH mitgehen soll, wird dabei interessant. Änderungen sind möglich.

Maximilian Haas