Der erfolgreichste Trainer der Welt ist nur noch "Berater"

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Oberst a.D. Viktor Wasiljewitch Tichonov, geboren am 4. Juni 1930, stand über 60 Jahre auf dem Eis. Er begann 1945 im Nachwuchs von CSKA Moskau, wurde aber ein Jahr später als "körperlich zu schwach" zum Nachbarklub Moskau Burevestnik abgeschoben. Es war also keine große Karriere als Spieler, die der spätere Meistertrainer vorweisen konnte.
1948-53 verteidigte er für WS Moskau und wechselte dann zum Erstligisten Dynamo Moskau, den Klub der Staatspolizei. Zehn Jahre stand er im Team und kam sogar zu einem Länderspiel für die UdSSR. Zu mehr reichte es nicht. Nach 296 Ligaspielen in denen er 35 Tore erzielte, beendete er seine aktive Zeit als Spieler, betätigte sich aber schon in den letzten drei Jahren als Nachwuchstrainer bei Dynamos Knabenteam. Sein Lehrer als Trainer war der legendäre Arkadij Tschernytschev, der auch das Nationalteam betreute. Er machte Viktor Tichonov zu seinem Assistenten bei Dynamo. Man hatte das Talent in dem langen dürren, vor Ehrgeiz brennenden Mann erkannt.

1968 begann dann eine beispiellose Karriere als Cheftrainer. Endlich konnte er seine Pläne verwirklichen, konnte neue Methoden verwenden und demonstrieren. Er ließ seine Cracks Basketball spielen und übertrug die Spielzüge dann auf das Eis. Er ließ aber auch Krafttraining machen - und das bis zur Erschöpfung. »Wenn wir mehr arbeiten als die anderen Spieler, spielen wir auch besser«, war sein Gedanke. Wer nicht mitmachte wurde ausgemustert

Hier die Erfolgsstationen des Viktor Tichonov:

1968-76: Daugawa Riga das später in Dynamo umbenannt wurde. Aufstieg in 1.Liga, Klassenerhalt und im 3. Jahr Siege gegen Moskauer Klubs. 4. Platz.

1976-2004 CSKA (Klub der Roten Armee) Moskau. 13 x Landesmeister, 13x Europacup-Sieger

1976-92 + Olympia 1994 + WM 2004: Nationalteam UdSSR /Russland: Olympia Gold 1984,1988,1992 ; Olympia Silber 1980
WM-Gold 1978,1979,1981,1982,1983,1986,1989,1990 (8) WM-Silber 1987
WM-Bronze 1985,1991
10x Europameister 1978,1979,1981,1982,1983,1985,1986,1987,1989,1991
Canada-Cup 1976 (3.), 1981 (Sieger), 1984 (3.), 1987 (2.), 1991 (5.)

Die umstrittenen Methoden des Viktor Tichonov

Die Spieler haßten ihn. Sie bekamen für unsere Begriffe untragbare Strafen. Selbst Ohrfeigen auf der Spielerbank waren keine Seltenheit. Igor Larionov, Profi in der NHL: »Tichonov war mehr als ein Diktator, er war ein Tyrann. Wir waren elf Monate im Jahr im Trainingscamp, einer Kaserne außerhalb von Moskau, oder auf Reisen mit Klub und Nationalteam. Wenn wir nach Hause kamen, kannten uns unsere Kinder nicht mehr !«
Tichonov hatte einen eigenen Überwachungs-Stab, der neben den Aktiven auch die Familie ausspionierte. Spieler die nicht linientreu zu ihm hielten, wurden brutal aussortiert. Wohnung und Auto bekam man nur über ihn.
Alle Spieler mußten zur Armee und waren damit unter Befehlsgewalt des Herrn Oberst Tichonov - und sie konnten nicht abhauen, weil das Fahnenflucht war.

Tichonov war der Erfinder des Superblocks. Die fünf Cracks vor dem Goalie mußten sich blind verstehen, mußten Spielzüge, die tausendmal geprobt waren, mit geschlossenen Augen demonstrieren können. Sie waren zwar alle große Puckkünstler, aber die Kunst mußte dem Kollektiv untergeordnet werden.
So schuf er den perfektesten Block aller Zeiten. Vor Starkeeper Tretjak spielten die Verteidiger Vyacheslav Fetisov und Alexej Kasatonov. Dann die Wunderwaffe, das Sturmtrio mit Rechtsaußen Sergej Makarov, Center Igor Larionov und Linksaußen Vladimir Krutov.

Er ließ keinen seiner Stars in die NHL, obwohl Millionenangebote vorlagen. Er akzeptierte sogar den Rücktritt von Stargoalie Vladislav Tretjak, der unbedingt zu den Montreal Canadiens in die NHL wollte. »Wenn nicht, trete ich zurück« beschwor er Tichonov. Antwort "njet".

Im Rahmen der Perestrojka wurde er etwas entmachtet, regierte aber eisern weiter. Aber seine Stars verließen ihn in Richtung NHL. Die Nationalmannschaft brachte keine Medaillen mehr ein und CSKA rutschte in der Tabelle 1993 auf Rang 24 ab!
Kein Spieler wollte mehr zu CSKA. Früher wurde man einfach zum Militär einberufen und zu CSKA versetzt. Diese Zeit war vorbei.Tichonov hatte scheinbar seine Macht verloren. 1996 wurde er "wegen Erfolglosigkeit" entlassen. Aber nicht lange, dann ließ er sich zum CSKA-Präsidenten wählen und setzt sich wieder als Chefcoach ein.
Auch die Unstimmigkeiten zwischen dem Armeeklub CSKA und dem Privatklub CSKA & uuml;berlebte er unbeschadet. Heute ist er mit CSKA wieder in der obersten Spielklasse, hat aber mit der Titelvergabe nichts zu tun. Er muß ständig willige junge Spieler zusammenholen und arbeitet fast wie früher mit ihnen - nur etwas friedlicher ist der alte Mann geworden.
Heute produziert er Spieler für die anderen Klubs, denn CSKA hatte zu wenig Geld um Stars zu bezahlen. Sein Sohn Vasili Viktorowitch (45) ist sein Assistent. Der Junior war wie der Papa kein überragender Spieler, wurde aber ein guter Lehrer. Er trainierte u.a. Ässät Pori in Finnland und lernte "Kanadisches Hockey" als Assitent-Coach bei San Jose (NHL) und war Chefcoach bei den Thoroghbladers Kentucky in der AHL.

Viktor Tichonov aber ist und bleibt der erfolgreichste Trainer der Welt. Mit welchen Methoden wird einst vergessen sein. Er lebt nach wie vor wie ein Asket und kann ohne Eishockey nicht leben. Das macht ihn etwas sympatischer.
2004 bei der WM in Prag coachte er wieder die Sbornaja. Wegen des schlechten Abschneidens wurde er, obwohl er Vertrag bis 2006 hat, zum "Berater" zurückgestuft. Fast gleichzeitig gab sein Klub CSKA Moskau bekannt, das Vyacheslav Bykov als Nachfolger von Tichonv neuer Trainer ist. Das war das Ende des Viktor Tichonov - ein Ende das er so nicht verdient hat!