Köpfe der Clubs: Josef Hintermaier (EC Bad Tölz)Hockeyweb hautnah

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Steckbrief

Alter: 65 Jahre

Geburtsort: Bad Tölz

Familie: verheiratet, 1 Tochter (40 Jahre), 1 Sohn (37), 4 Enkel (12, 8, 5, 2 ½)

Beruf: IT-Geschäftsbereichsleiter im Ruhestand

Hobbies: Tölzer Löwen, Skifahren, Radfahren


Hockeyweb: Herr Hintermaier, Sie sind Tölzer, wie kamen Sie zum Eishockey? Haben Sie selbst einmal gespielt?

Hintermaier: „Nein, spielen durfte ich nicht. ‚Wir lernen!’ hat mein Vater dazu immer gesagt. Heute weiß man, daß Sport und Schule kein Widerspruch sein müssen – im Gegenteil. Deshalb habe ich als Kind immer Stadionprogramme verkauft, um die Spiele sehen zu können. Seit 1956 bin ich begeisterter Zuschauer. Und seit ich im Beruf etwas kürzer treten konnte, engagiere ich mich im Vorstand des ECT: 2003 zunächst als Beisitzer, dann als 2. Vorstand und seit 2006 bin ich Vorsitzender.“

Hockeyweb: Dann haben Sie als 1. Vorstand die letzte Insolvenz des Tölzer Eishockeys erlebt?

Hintermaier: „Ja und nein: Die Insolvenz betraf doch nur die für die 1. Mannschaft zuständige TEG [Tölzer Eissport GmbH, d. Red.]. Da war der Club damals nur einer von ganz vielen Minderheitsgesellschaftern, ohne Einfluß auf die Geschäfte. Erst seit 2009 haben wir die Stimmenmehrheit, in der Gesellschafterversammlung. Da konnten wir viele Anteile zu einem symbolischen Preis erwerben, weil man wohl sah, daß im Club vernünftig gewirtschaftet und die Tradition des Tölzer Eishockeys mit seiner starken Nachwuchsarbeit gelebt wird.“

Hockeyweb: Andere traditionsreiche Clubs empfinden ihre Vergangenheit oft als Fluch, weil sie stets daran gemessen werden. Sie hingegen betonen Ihre Tradition und stellen sie auch in den Vordergrund. Von ‚Tradition mit Zukunft’ ist in diesem Zusammenhang oft zu lesen. Warum?

Hintermaier: „Ich weiß gar nicht, woher dieser Spruch kommt. Ich sage immer: ‚Tölz ist Eishockey und Eishockey ist Tölz’. Ein Bankvorstand, der neu nach Bad Tölz kam, sagte mir einmal: ‚Ich habe schnell gelernt, daß es in Tölz nur zwei Themen gibt, über die man sich stets unterhalten muß, St. Leonhard und Eishockey.’ [Die Leonhardifahrt findet seit 1855 alljährlich am 06. November zu Ehren des Heiligen Leonhard in Bad Tölz statt und ist mit über 25.000 Besuchern die größte ihrer Art, d. Red.] Man schaut hier also stets auf den Club, jeder hat jemanden in der Familie oder in der Nachbarschaft, der mal Eishockey spielte. Dem können wir uns gar nicht entziehen. Also pflegen wir diese Tradition; dies gibt uns schließlich auch Bedeutung und Anerkennung in der gesamten Region.“

Hockeyweb: Wie sieht diese Pflege denn konkret aus?

Hintermaier: „Das geschieht auf vielfältige Weise. Einerseits binden wir überall ‚echte’ Tölzer in die Arbeit des Clubs ein: schauen Sie nur mal auf unsere Trainer und die sportliche Leitung. Die Funks sind eine Institution in Bad Tölz. Darüber hinaus halten wir auch Kontakt zu unseren Ehemaligen: Allein die Feier zum fünfzigsten Jahrestag unserer ersten Deutschen Meisterschaft, kürzlich, mit der Traditionstrikotversteigerung und dem Festakt für die Mannschaft ist so ein Beispiel. Und in unserem Stadtmuseum findet gerade bis Ende März eine Ausstellung zur Eishockeytradition in Tölz statt, an der wir mitgearbeitet haben.“

Hockeyweb: Wie ist vor diesem Hintergrund denn Ihre Philosophie , welche Entwicklungsperspektive sehen Sie für den Club?

Hintermaier: „Wir wollen auf breiter Front, also auch mit allen Nachwuchsteams ambitioniertes Eishockey spielen. Natürlich hat dies für Jugendliche auch eine Erziehungsfunktion, aber den Leistungsgedanken wollen wir zumindest in den jeweiligen ersten Mannschaften jeder Jahrgangsstufe pflegen. Und für unsere Herrenmannschaft, die wir fast ausschließlich mit Tölzer Buam bestücken, heißt das, in der höchsten für uns finanzierbaren Liga immer in der Spitze zu spielen.“

Hockeyweb: Das ist ein hoher Anspruch. Wieviel Geld wenden Sie denn jährlich dafür auf?

Hintermaier: „Unser Gesamtetat beträgt etwa 1,2 Millionen Euro. Davon entfällt allein auf den Nachwuchs eine halbe Million.“

Hockeyweb: Da ist jeder Teil für sich ja schon ein kleines mittelständisches Unternehmen. Wie ist denn die Führung bei Ihnen organisiert?

Hintermaier: „Der Geschäftsführer der TEG ist für alles Kaufmännische zuständig und bekleidet dafür eine halbe Stelle. Ich selbst wende ehrenamtlich täglich gut sechs Stunden für den Club auf und erledige vor allem die Themen Sponsoring und Öffentlichkeitsarbeit. Mein Stellvertreter, Manfred Klar, hat mit 499 Spielen die drittmeisten in der Tölzer Geschichte absolviert; er liefert den sportlichen Sachverstand. Und unsere Finanzen sind beim Schatzmeister Anton Lindmayr in besten Händen. Auf Vorschlag des Trainers bereitet Franz Fritzmeier die Verträge mit den Spielern vor und regelt organisatorische Dinge in diesem Zusammenhang.“

Hockeyweb: Mike Daski, der inzwischen 82-jährige, ‚eingemeindete’ Tölzer Trainer-Vater sagte kürzlich, Sie seien „der beste Vorsitzende, den Bad Tölz je hatte“. Was bedeutet Ihnen das?

Hintermaier: „Mike Daski ist ja eine große Persönlichkeit, hier in Tölz. Bis vor zwei Jahren hat er immer noch Nachwuchsmannschaften bei uns trainiert. Dann freut es mich natürlich, wenn ein Lob aus solchem Munde kommt.“

Hockeyweb: Zur Zeit wird ja mal wieder viel über die Ligenstrukturen im deutschen Eishockey gesprochen. Welche Ansicht vertreten Sie?

Hintermaier: „Also für die Oberliga Süd ist es wichtig, daß im nächsten Jahr wieder mindestens 12 Mannschaften daran teilnehmen. Und für die 2. Liga würden wir uns eine Zweiteilung wünschen. Mit unserer jungen Mannschaft, in der viele Spieler sich in der Berufsausbildung befinden, sind lange Reisen in den Norden, Westen und Osten schwer zu bewerkstelligen. Die müßten sich ja immer am Freitag oder Montag frei nehmen; das geht auf Dauer nicht.“

Hockeyweb: Sie sprechen Ihre junge Mannschaft an, in der sich viele Förderlizenzspieler befinden. Kollegen von Ihnen sehen darin ja eine Wettbewerbsverzerrung. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Hintermaier: „Als Tölzer bin ich natürlich für eine solche Regelung. Für die Ausbildung und Entwicklung unserer jungen Spieler ist die natürlich förderlich. Wichtig ist aber auch ein gutes Verhältnis der Clubs, die haben wir mit Nürnberg und München. Außerdem kommt uns das frühe Ausscheiden dieser Partner in der DEL in diesem Jahr natürlich entgegen. So können wir in der entscheidenden Saisonphase mit voller Besetzung auflaufen. Das kann in anderen Jahren natürlich ganz anders aussehen.“

Hockeyweb: Damit kommen wir zum Sportlichen. Wie fällt denn Ihr Zwischenfazit der Saison aus?

Hintermaier: „Wirtschaftlich befinden wir uns im Rahmen unserer Kalkulation und sportlich haben wir bislang schönes, attraktives Eishockey geboten. Mit dem zweiten Platz in der Hauptrunde bin ich sehr zufrieden, zumal wir ja selten mit unserer kompletten Mannschaft antreten konnten.“

Hockeyweb: Und wie lautet Ihre Prognose für das Saisonfinale? Wer wird Meister, wer steigt auf?

Hintermaier: „Ich fürchte, daß der Meister aus dem Westen kommt. Mein Tip war ursprünglich Bad Nauheim, mit denen uns ja auch eine große, lange Tradition verbindet, aber das hat sich ja nun erledigt, weil ich davon ausgehe, daß wir die erste Play-off-Runde sicher überstehen [schmunzelt]. Optimal wäre natürlich, wenn unsere Mannschaft das Endspiel erreicht und auch gewinnt , das Potenzial dazu hat sie.“

Hockeyweb: Abschließend noch ein unangenehmes Thema: Es gab während eines Spiels hier in Tölz eine Messerattacke auf einen Deggendorfer Fan. Wie geht es dem Opfer und welche Lehren ziehen Sie aus dem Vorfall?

Hintermaier: „Zunächst: Dem Opfer geht es gut. Der junge Mann hatte Glück im Unglück, daß ihn die Klinge auf einem Knochen traf und keine inneren Organe verletzt wurden. Die Tat selbst war, das hat die Polizei ermittelt, ein persönlicher Einzelfall, der nicht eishockeyspezifisch war. Sie ereignete sich auch nicht im, sondern vor dem Stadion nach einer verbalen Auseinandersetzung. Wir haben dann eine Sicherheitskonferenz mit Polizei und Behörden gehabt; künftig werden wir danach einen Ordner auch vor dem Stadion im Raucherbereich postieren. Mehr können wir zur Verhinderung solcher Fälle nicht tun. Ich selbst hatte eine schwere Woche nach dem Vorfall, und für mich steht fest, daß ich sofort aufhören würde, wenn sich hier eine gewaltbereite Fan-Szene durchsetzen würde. Nach Gesprächen mit den Fans und den Behörden bin ich mir aber sicher, daß dies nicht zu befürchten ist.

Hockeyweb: Herr Hintermaier, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für den restlichen Saisonverlauf!


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