Es ist DerbyzeitSelber Wölfe

Es ist DerbyzeitEs ist Derbyzeit
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Es ist eine der verbissensten Rivalitäten im deutschen Eishockey. Das Derby zwischen dem VER Selb und dem EHC Bayreuth bedeutet Gänsehaut und Emotionen pur. Schon in den vier Spielen der zurückliegenden Hauptrunde hatten sich die Netzsch-Arena und der „Tigers-Käfig“ in ein Tollhaus verwandelt. In der am Freitag (20 Uhr) in Selb beginnenden Halbfinalserie wird die Stimmung den Siedepunkt erreichen. Die „fünfte Jahreszeit“ für Spieler und Fans wird mit diesem Derby erst so richtig eingeläutet in den oberfränkischen Eishockey-Hochburgen. Mit knapp 4000 Zuschauern dürfte die Selber Eishalle ebenso ausverkauft sein wie am Sonntag (18.30 Uhr) das Bayreuther Kunsteisstadion, wo 4700 Besucher Platz finden. Drei Siege benötigt eine Mannschaft, um in die Aufstiegsrunde einzuziehen.

Ein kurzer Rückblick auf die Viertelfinale-Serien beider Teams: Die Wölfe taten sich als souveräner Hauptrundenmeister zwar schwer gegen den TSV Erding, setzen sich am Ende nach vier Spielen aber doch deutlich mit 4:0 durch. Zwei Spiele mehr benötigten die Tigers gegen den EHC Klostersee (4:2). Dass die Selber deshalb ein paar mehr Tage Zeit hatten zur Regeneration, kann ein kleiner Vorteil sein. Muss aber nicht. Schließlich blieben die Bayreuther im Rhythmus und stecken sicher noch voller Adrenalin nach den umkämpften Spielen gegen Klostersee. „Zwei Tage zur Erholung reichen einem Eishockey-Spieler“, sagt Heiner Krug, der in den 70er-Jahren für den VER verteidigt hatte.

Die Wölfe kommen als souveräner Meister und Rekordjäger in der Hauptrunde nicht umhin, die Favoritenrolle im Halbfinale anzunehmen. Auch wenn die 103 Punkte und 202 Tore längst nichts mehr wert sind. Der Selber Trainer Cory Holden weiß um den Druck, der auf seiner Mannschaft lastet. „Aber das ist kein Problem. Es ist ein positiver Druck, den sich die Spieler auch selbst machen.“ Dass die nächste Hürde auf dem Weg in die angepeilte Aufstiegsrunde zur DEL 2 statt Peiting nun Bayreuth heißt, ist Holden relativ egal. „Es kommt, wie es kommt. Das Leben ist kein Wunschkonzert.“ Dass seine Mannschaft das gute Gefühl von drei Hauptrunden-Siegen gegen die Tigers mit ins Halbfinale nehmen kann, zählt auch nicht so viel für den Selber Coach. „Es geht komplett von Null los. Wir müssen uns neu beweisen und nochmals drei Siege feiern.“

Was den Wölfen niemand nehmen kann, ist das große Selbstvertrauen nach einer bislang konstant starken Saison. Aber auch da können die Bayreuther dagegenhalten. „Sie haben eine starke Mannschaft, sonst hätten sie in der Hauptrunde nicht den vierten Platz belegt und würden jetzt nicht im Halbfinale stehen.“ Kampfbetont, laufstark und aggressiv: Die Spielweise der Waßmiller-Schützlinge ist bekannt in Selb. Doch auch die Wölfe-Cracks haben ein großes Kämpferherz und sind den Tigers zudem spielerisch deutlich überlegen. Holden erwartet auf jeden Fall harte Spiele mit einer hohen Intensität. Was sich der Selber Trainer neben sportlichem Erfolg für die kommenden Begegnungen wünscht, ist ein faires Verhalten auf den Rängen. „Die Zuschauer sollen ihre jeweilige Mannschaft anfeuern, aber friedlich bleiben. Wir sind schließlich beim Eishockey.“ Der VER Selb meldet alle Mann an Bord und alle Mann heiß für die großen Duelle.

Die Verantwortlichen blicken den kommenden Tagen eher zwiespältig entgegen. Eigentlich, sagt Vorsitzender Jürgen Golly, ist das Aufeinandertreffen vom Derby- und Play-off-Charakter her gesehen ein Haupttreffer. „Die Spiele werden bestimmt ein super Ereignis und sorgen für volle Hallen – sie werden aber wohl auch nicht ganz stressfrei ablaufen.“ Nicht nur auf den Rängen, auch auf dem Eis werde es richtig heiß hergehen. „Die Bayreuther werden viel laufen und kämpfen. Sie sind auch brandgefährlich bei Kontern“, zeigt Golly durchaus Respekt vor dem Nachbarn, der nichts zu verlieren habe. Das schlimmste Szenario mag sich der Selber Chef gar nicht vorstellen. „Wenn wir ausgerechnet gegen Bayreuth ausscheiden, ist bei uns drei Wochen die Hölle los und die lachen sich eins.“ Golly ist freilich guter Dinge, dass es so nicht kommen wird. „Bei einem Spiel wäre es gefährlich. Aber in einer best of five-Serie wird sich die höhere spielerische Qualität unserer Mannschaft durchsetzen.“

Der Bayreuther Teammanager Dietmar Habnitt hat schon vor der Saison von diesem Duell im Play-off Halbfinale geträumt. „Dass es jetzt wirklich dazu kommt, ist super. Die Rollen sind klar verteilt: Selb hat eine wahnsinnig starke Mannschaft, uns bleibt da nur die Außenseiterrolle. Wir werden uns aber nicht kampflos ergeben. Wir haben ja bereits gezeigt, dass wir jedes Team schlagen können.“ Dieses Halbfinale sei eine tolle Geschichte für die Region, die Fans und die Vereine. „Auch finanziell ist das sehr lukrativ. Da wäre es umso besser, wenn wir zwei Heimspiele hätten“, sagte Habnitt der Frankenpost. Der EHC-Teammanager hofft auf spannende, umkämpfte und dennoch faire Duelle.

Riesengroß ist die Vorfreude bei VER-Fan Tobias Schröpf. „Das werden die brisantesten Derbys der Geschichte. Es geht erstmals nicht nur um die Ehre, sondern vielleicht um die sportliche Zukunft beider Vereine.“ Und genau solche Play-off-Spiele wünscht sich Schöpf. „Spannung in jedem Spiel, beide Teams immer auf Augenhöhe – und das vor einer tollen Kulisse. Ich tippe auf eine 3:1-Serie für den VER mit engen Ergebnissen.“

EHC-Fan Alexander Pietsch sieht den Spielen gelassen entgegen. „Wir könnten völlig entspannt in diese Play-off-Serie gehen.“ Er ist schon jetzt „total stolz“ auf die Mannschaft. „Es hat doch niemand erwartet, dass wir überhaupt so weit kommen. Jetzt haben wir gar nichts mehr zu verlieren und können befreit aufspielen.“