Mit Moral und Charakter – aber ohne BartNeuwieder Bären bezwingen Saale Bulls nach Rückstand

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Und plötzlich wird es hektisch. Zweite Drittelpause. Die Bären liegen gegen Halle mit 2:3 zurück. „Wir brauchen dringend einen Langhaarschneider.“ Ratlose Blicke, erfolglose Suche. „Haben wir nicht.“ Plötzlich: „Tegkaev hat einen im Auto.“ Thomas Ziolkowski, verletzter Neuwieder Verteidiger, läuft auf den Parkplatz. „In einer roten Tasche. Beeil dich.“ Wenig später ist „Zetter“ zurück. Die Mission „Aberglaube“ kann beginnen. „Seit ich dieses Ding hatte, seit Anfang November lief es nicht mehr rund“, sagt EHC-Keeper Björn Linda. Im „Movember“ den Schnauzer wachsen lassen – eigentlich eine gute Idee für die gute Sache. Doch jetzt war Schluss. „Heute doch schon wieder – das eine Ding von einem Schoner abgefälscht, der nächste rutscht mir unter dem Arm durch.“ Der Schnauzer musste weg. Sofort. „Klingt vielleicht verrückt, aber die Jungs haben gesagt, ich hatte danach direkt wieder eine andere Körperspannung“, berichtet Linda später. Ziolkowski ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits, was passieren würde. Noch bevor beide Teams auf das Eis zurückkehren der kurze Blick auf die Anzeigentafel: „Wir liegen 2:3 zurück? Wir gewinnen 5:3.“ Eine gute halbe Stunde später ist das Spiel vorbei. EHC Neuwied 5, Saale Bulls Halle 3. Ein Heimsieg der Moral, ein Heimsieg des Willens. Verdient obendrein. Die Bären haben Charakter bewiesen gegen starke Bulls – und sich mit dem Sieg auf den dritten Platz in der Oberliga Nord verbessert. Dem Langhaarschneider von Tegkaev sei Dank.

Das Spiel begann mit 45 Minuten Verspätung. Halle steckte auf der Autobahn im Stau, später im Schneechaos fest. „Tschuldigung dafür“, sagt Bulls-Trainer Ken Latta später auf der Pressekonferenz. Geschenkt. Höhere Gewalt. Und im bunten Bulls-Teambus verging die Zeit sicherlich wie im Fluge. So, wie auch das erste Drittel. Der EHC drückte von der ersten Minute an mit hohem Tempo, Halle versuchte mit aller Ruhe erst einmal, ins Spiel zu finden. EHC-Trainer Craig Streu vertraute erneut allen Jungs auf der Bank, ließ konsequent mit vier Reihen spielen. Schon da deutete sich an, dass besonders die jüngsten im Team den vielen Zweitliga-erfahrenen Akteuren bei den Gästen an diesem Abend kräftig auf den Zeiger gehen würden. Deion Müller (20), Maurice Keil (19) und Max Wasser (18), ab und an defensiv abgesichert von Garret Pruden (16), sorgten mit hohem Einsatz, viel Tempo und schönen Kombinationen für staunende Gesichter. „Es waren vor allem die ganz Jungen, die dem Team heute die Kraft gegeben haben für diesen Sieg“, gibt Streu später zu Protokoll. „Sie haben die ganze Mannschaft mitgerissen.“

Von mitreißen alleine gewinnst du jedoch keine Spiele – und machst auch keine Tore. 0:0 stand es nach dem ersten Drittel, damit war Halle gut bedient. 3:1 für die Bulls stand es kurz vor der zweiten Drittelpause, damit war Halle richtig gut bedient. Ja, auch die Gäste hatten ihre klaren Chancen. Die aber nutzten sie nicht. Dafür gingen Dinger rein, die normalerweise an irgendeinem Spieler oder Ausrüstungsgegenstand hängenbleiben. Michal Schon traf so zum 0:1 (24.), Travis Martell zum 1:2 (35.). Und wenn es gerade nicht so läuft, dann kassierst du auch mal einen Konter in Überzahl – so wie den Shorthander für Halle von Philipp Gunkel zum 1:3 (38.).

Moralisch wichtig in dieser Phase: EHC-Kapitän Brian Gibbons traf zwischenzeitlich in doppelter Überzahl zum 1:1, Felix Köbele verwandelte zudem einen Penalty (kann man geben, muss man nicht) zum 2:3-Anschlusstreffer kurz vor der zweiten Pause (39.). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der EHC drei kleine Strafen kassiert, zwei davon wegen Spielverzögerung. Die Disziplin sollte an diesem Abend erneut ein Faktor sein auf dem Weg zum Sieg.

Und der Langhaarschneider von Artur Tegkaev – an dieser Stelle bereits ausführlich gewürdigt. Danach konnte ohnehin nichts mehr schief gehen. Während bei den Bären die vierte Reihe mit Moritz Schug für den immens wichtigen 3:3-Ausgleich sorgte (43.), verlor auf der Gegenseite Bulls-Trainer Ken Latta offensichtlich immer mehr das Vertrauen in sein spielendes Personal. In der entscheidenden Phase ließ er minutenlang quasi nur noch mit zwei Reihen spielen. Streu schickte derweil bis zum Schluss auch die jungen Kerle auf das Eis. „Weil wir so lange mit vier Reihen spielen konnten, hatten wir am Ende die Kraft, die Partie zu drehen. Kraft, die Halle in dieser Phase nicht mehr hatte.“ Josh Myers brachte den EHC zum ersten Mal in Führung (48.), Stephan Fröhlich machte mit einem Empty-Net-Goal – müde Bulls konnten Fröhlich nicht mehr folgen – den 5:3-Sieg perfekt (59.). Dass EHC-Keeper Björn Linda Sekunden vor dem Ende mit einem Schuss von hinter dem eigenen Tor das leere Bulls-Tor nur um Zentimeter verpasste, war verschmerzbar. Warum auch alle kuriosen Geschichten an einem Abend erzählen. Die Saison ist noch lang.

„Glückwunsch an Neuwied“, sagte Latta auf der Pressekonferenz. „Neuwied hat hart für den Sieg gearbeitet. Machen wir das 4:1, geht das Spiel vielleicht anders aus. Aber Unterzahlsituationen und der Penalty zum 2:3 haben uns aus dem Rhythmus gebracht. Im letzten Drittel hat Neuwied unsere Fehler ausgenutzt.“ Craig Streu freute sich derweil über ein „ganz besonderes Spiel. Wir waren zum Schluss fitter. Wir hatten die Power dank unserer vier Reihen. Der Treffer von Moritz Schug hat jede Menge Energie gebracht. Unsere Philosophie ist es, den jungen Spielern Vertrauen zu geben – und dann kriegst du es auch zurück. Für unseren Erfolg brauchen wir jeden einzelnen Spieler und nicht nur eine einzelne Reihe.“

Draußen, auf dem Eis, hatten die Fans die Mannschaft derweil zur Humba gebeten. Der „Mann“ am Mikro: Garret Pruden, Förderlizenzspieler aus Bad Nauheim. Der 16-Jährige hatte nach dem Ausfall von Ziolkowski dienstags das erste Mal mit dem EHC trainiert, war in Erfurt und gegen Halle voll zum Einsatz gekommen. „Das war überragend“, fand der Verteidiger. „Die Mannschaft hat mich super aufgenommen.“ Da fiel auch der Griff zum Mikro nicht schwer. Pruden, die Bären und ihre Fans machten die Humba – nach einem durchaus denkwürdigen Abend in der Bärenhöhle.

Tore: 0:1 (23:22) Michal Schon (Matt Abercrombie, Travis Martell/5-4), 1:1 (26:52) Brian Gibbons (Artur Tegkaev, Josh Myers/5-3), 1:2 (34:51) Travis Martell (Matt Abercrombie), 1:3 (37:43) Philipp Gunkel (Matt Abercrombie, Travis Martell/4-5), 2:3 (38:40) Felix Köbele (Penalty), 3:3 (42:29) Moritz Schug (Jens Hergt, Dimitry Butasch), 4:3 (47:21) Josh Myers (Artur Tegkaev, Stephan Fröhlich), 5:3 (58:29) Stephan Fröhlich (ENG). Strafen: Neuwied 6, Halle 10. Zuschauer: 1042.

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