Carsten Billigmann: Geschichte eines im positivem Sinne Eishockey-Verrückten Manager der Bären Neuwied lebt und liebt seinen Klub.

In Neuwied wird Eishockey gelebt. (privat)In Neuwied wird Eishockey gelebt. (privat)
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Als ich Carsten Billigmann zu einem Gespräch treffe, kommt er im Anzug auf mich zu. Zugegeben, ich fühle mich etwas underdressed. Aber der Anzug ist einer Taufe "geschuldet". Carsten Billigmann ist General Manager der Bären Neuwied. Genauer, in der Regionalliga West.

Die Sonne spendet heute aus allen Kübeln und wir sind uns schnell einig, dass das kein Wetter für Eishockey ist. Aber der Spielplan ist unerbittlich und der Neusser EV gibt sich hier heute die Ehre. Aber wir setzen uns trotzdem in den VIP-Raum vor die Pressewand und reden. Carsten, worauf er besteht, braucht nicht viele Vorlagen um sich mitzuteilen. „Ich habe hier Torwart gespielt. Mein Leben lang. Selbst letzte Saison saß ich zwei Spiele auf der Bank als Backup.“ Und so erzählt Carsten und kommt schnell in Fahrt.


Carsten lebt und liebt diesen Verein. Das merkt man sofort. Für keinen anderen Verein hat er seine Schoner geschnürt. Das prägt. Drei Jahre musste er Pause machen. Ein Bandscheibenvorfall hat ihn gehindert. Aber danach ging es wieder mit Vollgas aufs Eis.

Mein Interviewpartner ist motiviert. Und das meine ich mit vollem Ernst. „Perfektionist trifft es eher. Ich hasse es, wenn Jobs nicht gemacht werden oder nur mit 50% erledigt werden.“ Der GM ist ein Freund der klaren Kante. Aber wie wird man Manager? „Damals nach unserer Horror-Saison 2012/13 bin ich da reingerutscht. 'Carsten, willst nicht...' und so. Mit viel Rücksprache und Verständnis von zuhause, habe ich den Job angenommen. Vom Eis an den Schreibtisch. Klar, ich wusste, dass ich auch mal auf die Nase fallen werde. Gerade im Rookie-Jahr. Aber nach und nach habe ich mir ein Netzwerk aufgebaut, um Geschäftsbeziehungen zu pflegen.“

Seit 6 Jahren ist er hier jetzt tätig und macht laut eigener Aussage einen guten Job. „Sonst wäre ich nicht mehr hier.“ Ein rational lebender Mensch. Endlich.

Bei aller Wirtschaftlichkeit muss es natürlich auf dem Eis stimmen. Da bringen dir 1000 Sponsoren auch nichts. „Ich habe mal Lance Nethery kennengelernt. Und der war immer der Überzeugung, dass es drei Faktoren für einen erfolgreichen Verein gibt. 1. Sportlicher Erfolg. 2. Sportlicher Erfolg und 3. Sportlicher Erfolg. Da ist etwas dran.“

Das Team machts. „Mental haben wir hier in Neuwied eine Mannschaft, die wieder zur Spitze der Liga zählt. Und wenn ich die ersten Spiele Revue passieren lasse, stehen wir in der Tabelle momentan nicht unverdient hinter Hamm auf Platz zwei.“

Mit Michael Jamieson und Martin Brabec hat man bei den Bären Neuwied einen Amerikaner und einen Tschechen im Kader. Mehr Ausländer gehen nicht in dieser Liga. Eishockey in Neuwied. Das ist nicht gerade der Sport, der einem Unbeteiligten in der Fußgängerzone in Hamburg einfällt, wenn man ihn nach der Deichstadt fragt. „Im eishockeyverrückten Neuwied sind wir eine Nummer. Die erkennen jeden Spieler auf der Straße. Aber wenn du mal in Koblenz fragst..." Carsten schüttelt den Kopf. „Der Koblenzer kommt nicht hier nach Neuwied zum Eishockey. Der geht lieber Fußball gucken zur TuS. Da befindet sich im Neuwieder Umkreis noch viel Potenzial. Und wenn wir neue Leute erst einmal in unsere Bärenhöhle bekommen, kommen sie wieder. Das garantiere ich.“

Zuschauer/Fans sind Carsten wichtig. So kommt es nicht selten vor, dass er sich in sozialen Medien auch mal zu Wort meldet, den direkten Kontakt sucht und wenn es angebracht ist auch mal Tacheles redet. „Das gefällt nicht jedem. Aber ganz ehrlich, manches nervt mich echt und dann schreibe ich einen sachlichen, aber bestimmten Kommentar. Ganz einfach. In Neuwied identifizieren sich alle mit den Bären - Spieler als auch Fans." Und seit Januar auch Coach Daniel Benske. „Der ist genauso bekloppt wie ich! Und einen guten Coach habe ich, wenn ich selber kaum eingreifen muss. Daniel und ich sind da auf einer Wellenlänge. Das tut gut.“

Die kürzlich erwähnten Pläne, die Liga nach Belgien und den Niederlanden auszuweiten, traf bei den Bären aus Skepsis. „Die Regionalliga ist der Unterbau zur Oberliga. Hier geht es um Nachwuchs. Und der ist durch solche Pläne gefährdet.“ Aber sollten die Pläne tatsächlich eintreten, sind die Bären dabei. Vielleicht startet man schon zur Saison 19/20. Aber: „Die werden sich wundern. Gerade die das alles angetrieben haben. Wir haben da drüben zwei Vorbereitungsspiele gehabt. Das geht von der ersten Minute an auf die Fresse! Die Liga ist da knüppelhart.“ Bei Carsten beginnen seine Augen vor Ehrgeiz an zu leuchten. „Aber wir sind bereit und würden da mitziehen. Ich muss nur meinen Kader aufstocken, weil wir in jedem Spiel gegen die einen Verletzten oder eine Spieldauer kassieren werden.“ Wie gesagt, klare Kante.

Ich könnte Carsten den ganzen Abend zuhören. Vermutlich ist es diese erfrischende Ehrlichkeit gepaart mit seiner Fähigkeit Stories leidenschaftlich zu kommunizieren. Aber es gibt bis zum nächsten Spiel noch einiges zu tun. Dann wird Carsten mit Argusaugen das Spiel verfolgen und hoffen, das jeder seinen Job macht und mindestens 100 Prozent gibt.

Jetzt die Hockeyweb-App laden!