Landsberg: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Peter Klemm (links) in einem Spiel der vergangenen Saison gegen die SG Lindenberg/Lindau. Mittlerweile ist der HC Landsberg von Bezirks- in die Landesliga aufgestiegen - und die neue Heimat für den Nachwuchs des insolventen EVL. (Foto: Roland Krivec - wwwPeter Klemm (links) in einem Spiel der vergangenen Saison gegen die SG Lindenberg/Lindau. Mittlerweile ist der HC Landsberg von Bezirks- in die Landesliga aufgestiegen - und die neue Heimat für den Nachwuchs des insolventen EVL. (Foto: Roland Krivec - www
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Es hat etwas von Marcel Prousts melancholischen Erzählungen, als ich in der Frische und einsetzenden Dämmerung eines zuvor wunderschönen sonnigen Herbst-Sonntags die wenigen Schritte von der kleinen Bahnstation hinüber zur Eissporthalle im Sportzentrum Landsberg zurücklege. Sechs Kinder, etwa im Eishockey-Schüleralter, turnen denselben Weg entlang. Eine gedrungene Gestalt versucht an den freien Scheiben der Eishalle das Geschehen darin zu verfolgen. Kurz danach am Eingang haben zwei der Mini-„River Kings“ ihre Nachwuchsspieler-Ausweise „zu Hause auf dem Küchentisch“ vergessen – sie dürfen trotzdem passieren. Soviel selbstbewusstem jugendlichen Charme kann sich der Ordner nicht widersetzen.

Zwei freundliche ältere Damen, die für Karten- und Fan-Artikel-Verkauf zuständig sind, händigen mir meine Pressekarte aus; wegen der Mannschaftsaufstellungen solle ich mich in der ersten Drittelpause noch mal melden. Später stellt sich heraus, dass sie damit den Nachdruck zweier überholter Kaderlisten meinen. Sie machen ihr Versehen aber durch die Aushändigung des sehr professionell gestalteten, bunt bebilderten „Kingsider“ wieder gut: ein Saison-Infoheft, das in der Landesliga seines gleichen suchen dürfte.

Gut eingewiesen erklimme ich sodann die Pressetribüne und fühle mich in die erste Liga versetzt: große beheizte Kabine, Garderobe, saubere Stühle und Tische, beste Sicht auf das Eis. Und wieder werde ich freundlich empfangen, diesmal von einem Reporter des Senders Radio Lechtal, der live von diesem Fünftliga-Spiel berichtet. Er hilft mir mit den Mannschaftsaufstellungen aus und muss dann flugs wieder auf Sendung. Gemäß seiner Schilderung befinde ich mich gerade auch in keiner Eissporthalle, sondern im „Hungerbach-Dome“ – wusste ich gar nicht.

Wo bin ich nun eigentlich? In der vergangenen Saison wurde der EV Landsberg (EVL), seit 55 Jahren traditionelles Dauermitglied der jeweils zweiten deutschen Eishockeyliga, sportlich in die Viertklassigkeit geleitet. Finanziell überlebte der Verein diesen Weg jedoch nicht. So erwies es sich im Nachhinein für die etwa 150 Nachwuchsspieler des EVL als Segen, dass ihr Vorstand ein Jahr zuvor einer Gruppe Ehemaliger die Aufnahme als 1b-Mannschaft verweigerte und diese gezwungen war, einen eigenen Verein aus der Taufe zu heben, um ihrem nunmehrigen Hobby in Bayerns unterster Liga nachgehen zu können: der Hockeyclub Landsberg (HCL) war geboren und stieg zum ersten Geburtstag gleich in die Landesliga auf.

Aus dem Spaß wurde in diesem Sommer Ernst: Je ein Junioren- und Jugendbundesligist, ein Schüler-Bayernligateam, Knaben-, Klein- und Kleinstschüler aus der erfolgreichen Nachwuchsförderung standen mit dem EVL am Abgrund und baten um Einlass beim HCL, um ihrer Leidenschaft und Eishockeyausbildung weiter nachgehen zu können. Es war wohl die Erinnerung an den eigenen Werdegang, der die Handelnden des HCL nun ins persönliche Risiko gehen ließ. Neben den formalen Voraussetzungen musste in nur wenigen Wochen aus dem Stand ein sechsstelliger Nachwuchsetat gesichert werden – alles geschafft. Erster Lohn für diese Leistung ist das Geleitwort des Bürgermeisters für die neue Saison im „Kingside“.

Nun kann endlich der Spaß wieder im Vordergrund stehen: Der 1. Vorsitzende sitzt gerade auf der Strafbank. Sein Stellvertreter steht als Co-Trainer hinter der Bande. Der 3. Vorsitzende ist Herr über den Regieraum, nebenan. Der Schriftführer fungiert heute als „Backup“ und der Marketingchef bläst zum Angriff gegen die River-Rats . – „Back to the roots“ at its best! Und ansonsten tummeln sich dort unten Namen wie Alexander Wedl, Roland Hanemann, Ferdinand Speckamp, um nur einige zu nennen. Moment, war da nicht was? Genau, sie sind es tatsächlich: Frühere Erst- und Zweitligaspieler, die sich aus reiner Freude am Spiel beim HCL versammeln.

Ja, und das Spiel? Spannend ist es, bis zum Schluss. Zwei vermeintliche Tore der Gäste werden nicht anerkannt: das erste fiel nach einsetzender Schlusssirene des ersten Durchgangs. Für das zweite hätte es wohl einer Torkamera bedurft, doch damit konnte man hier ausnahmsweise nicht dienen. Tatsächlich hat Geretsried, als Dritter des Vorjahres nur knapp am Aufstieg gescheitert, mehr vom Spiel. Die heimischen Aufsteiger siegen aber knapp und erzielen mit ihrem zweiten auch das schönste Tor des Abends: ein schnell vorgetragener Angriff über wenige Stationen, schönes Passspiel, von Michael Hess – auch so ein „Ehemaliger“ – gekonnt vollendet. Das Ergebnis spricht für eine gewisse Spielkultur und gute Torhüter. Tatsächlich verstehen Michael Falkenberger auf Seiten der „River Kings“ und Andreas Fischer ihr Handwerk.

Zaghaft wird dieses Angebot von den verwöhnten Landsberger Zuschauern angenommen. Ein EVL-Fan-Club hat sich zum HCL bekannt, die Orientierung des zweiten ist offen. Der Weg zurück zur kleinen Bahnstation führt mich vorbei an der benachbarten Sportzentrumsgaststätte, wo ein Plakat noch immer auf das erste Heimspiel des HCL vor neun Tagen hinweist. Laut Wikipedia sind jetzt die viertklassigen Basketballer des DJK und die fünftklassigen Fußballer des TSV das „sportliche Aushängeschild der Stadt“.

Im Zug treffe ich einen unschwer zu erkennenden Eishockey-Fan, der mir gleich stolz berichtet, dass ihm für seinen blau-weißen Schal „schon viel Geld geboten“ wurde: Aufnäher der Düsseldorfer EG, des EHC Dynamo Berlin, des SB Rosenheim und des EV Landsberg befinden sich zum Beispiel darauf – Zeugnisse einer vergangenen Zeit. Doch „als echter Landsberger Eishockey-Fan geht man auch in die fünfte Liga“, das sei für ihn selbstverständlich. Und die Insolvenz? „Das musste irgendwann so kommen“, „das war absehbar“, erklärt er mir, während seine Gedanken langsam entschwinden. Die Augen dieses gestandenen Mannsbilds werden glasig, während er seine Sätze langsam wiederholt. Ich merke, seine Seele braucht nun Ruh’, um sich zu sammeln. Und mir wird klar: er taugt als Sinnbild für die Situation des Eishockeysports im herbstlichen Landsberg des Jahres 2011.

Tore: 0:1 (8.) Köhler (Stowasser), 1:1 (35.) Endress (Haschka, Simmler), 2:1 (41.) Hess (Augst, Dollhofer), 2:2 (53.) Lechner (Deglmann), 3:2 (58.) Hess (Augst, Hanemann)

Strafen: Landsberg 14, Geretsried 4 + 10 (Hölzl)

SR: Saal, Zann