WM: Deutschland ist keine SensationsmaschineHockeyweb-Reporter Ronald Toplak über das Vorrunden-Aus der olympischen Siberhelden

Gegen die Großen bleibt es für die DEB-Cracks immer ein großer Kampf. (picture alliance / City-Press GbR)Gegen die Großen bleibt es für die DEB-Cracks immer ein großer Kampf. (picture alliance / City-Press GbR)
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Es ist noch gar nicht lange her, als ich in der Hockeyweb-Redaktion vor dem Bildschirm saß. Aufgeregt. Ohne Schlaf. Olympisches Finale in Pyeongchang. Und die deutsche Mannschaft war dabei. Emotionaler Ausnahmezustand. Hauchdünn scheiterten die DEB-Cracks in einem dramatischen Spiel an Russland, gewannen dennoch Silber, das golden glänzt. Die deutschen Eishockey-Fans wurden reich beschenkt. Aber schon damals war ich mir bewusst, dass ich diese unvergesslichen Momente einfrieren muss. Für die Ewigkeit. Alles war real. Und trotzdem unwirklich. Mir war klar, dass es ein solches Endspiel - so lange ich lebe - nie mehr geben wird. Es war ein Jahrhundert-Ereignis. Nun muss man Olympia abhaken und sich der Realität stellen.  

Platz 11 ist die schlechteste Platzierung seit 2014, als die DEB-Cracks unter Pat Cortina auf Rang 14 landeten. Das ist aber auch kein Super-GAU. Das Verpassen der K.o.-Runde ist vielmehr ein deutliches Signal, dass sich trotz des Silbercoups auf der großen Bühne die Kräfteverhältnisse nicht verschoben haben. Gebetsmühlenartig versuchte dies Bundestrainer Marco Sturm nach den Tagen in Südkorea zu predigen. Der ehemalige NHL-Profi hätte sich fast die Leiste gebrochen beim Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit. „Wir müssen jedes Jahr hart kämpfen um Plätze und Punkte. Das wird sich in naher Zukunft nicht ändern“, diktierte Sturm in Endlosschleife in die nach Olympia plötzlich gigantische Phalanx aus Mikrofonen und Kameras.

Der Umbruch war groß und Sturm hatte wohl selbst nicht mit insgesamt 17 Ausfällen kalkuliert. In Dänemark zeigt sich mal wieder, dass sich Deutschland in Sachen Personaldecke auf sehr dünnem Eis bewegt. Kommen zu viele Absagen, muss der Bundestrainer  improvisieren. Nur zwei Monate nach den einmaligen Emotionen von Pyeongchang und am Ende einer kräftezehrenden Saison mussten sich die Nationalspieler für die jährlich ausgetragene WM aufraffen. Dass Führungsspieler wie Christian Ehrhoff (35), Marcel Goc (34) und Patrick Reimer (35) zurücktraten, war absehbar. Junge Profis füllten in Dänemark auch notgedrungen die Lücken.

Die WM ist nach dem olympischen Sensations-Silber keine Blamage. Fakt ist, dass das Minimalziel Klassenerhalt glückte. Und das ist gut so. Dennoch muss man von einer Enttäuschung sprechen, wenn der Weltranglistensiebte gegen Dänemark, Norwegen und Lettland den Kürzeren zieht. Es lag nicht nur am Scheibenglück, nicht nur an versiebten Penaltys in zwei Spielen, nicht nur an einer Strafenflut im Mitteldrittel gegen die USA. Dem neuen, verjüngten Team mit sieben Spielern aus den Jahrgängen 1995 und 1996 fehlte es an Zielstrebigkeit vor dem gegnerischen Tor, an Cleverness in der Defensive, nach einer langen Saison sicher auch an der nötigen Energie. „Ich falle jetzt keinem in den Rücken“, befand dann auch Leon Draisaitl, der Superstar der deutschen Cracks. „Solange man nicht absteigt, verlässt man eine WM immer mit einem Lächeln“, brachte es der Profi und Führungsspieler von den Edmonton Oilers, selber gerade erst 22 Jahre jung, auf den Punkt. In eine tiefe Depression verfällt beim DEB keiner. Warum auch? Der Verjüngungsprozess ist dringend nötig, um auch in den nächsten Jahren wettbewerbsfähig zu bleiben. Das neuformierte Team reicht (noch) nicht an die Generation heran, die den Kern des Wunderteams von Südkorea gebildet hat. So sehr sich auch Jungstars wie Dominik Kahun, Frederik Tiffels, Marc Michaelis, Markus Eisenschmid und Manuel Wiederer bemühten.

Heißt im Klartext: Sternstunden werden die Ausnahme bilden. Kanadier, Russen, Schweden, Finnland, Tschechien und die USA bleiben eine Klasse für sich. Für Sensationen müssen die Favoriten patzen. Selbst Nationen wie die Schweiz sind dem DEB ein Stück weit voraus, Dänemark, Norwegen oder Lettland mindestens auf Augenhöhe. Fallen Korsettstangen aus, ist dies nur schwer zu kompensieren. Dann werden Spiele eben nicht knapp gewonnen, sondern knapp verloren. Sicher, Deutschland ist immer für Überraschungen gut. Dazu muss aber alles passen. Medaillen-Ansprüche sind unsinnig. Wer das erwartet, ist ein Träumer. In etwa so, als ob man das Fell der Eisbären waschen wolle, ohne dass es dabei nass wird. Die Euphorie nach dem olympischen Silber dürfte schneller verpuffen als erhofft. „Ich denke, damit man einen Boom in Deutschland erhält, muss man wahrscheinlich im Halbfinale stehen. Da brauchen wir uns gar nicht großartig anzulügen”, gab sich Sturm keinen Illusionen hin.  

Das ist schade. Für mich war diese WM alles anderes als ein Debakel. Schon gar kein Drama. Mit dem vorhandenen Kader wäre der Einzug ins Viertelfinale das Maximum gewesen. Eishockey-Talente hat Deutschland unbestritten. Sie müssen nun die Herausforderungen annehmen und Erfahrung sammeln. Aber sie lassen hoffen. Auf mehr. Vielleicht schon bei der WM 2019 in der Slowakei.

Das Jubel-Konfetti von Pyeongchang gehört der Vergangenheit an. Wenn man mehr will, muss man es sich selbst ins Leben pusten. Das weiß Sturm. Und bläst für die Zukunft zum Angriff: „Wir werden nächstes Jahr mehr Erfahrung haben und neu angreifen. Wir wollen mithalten mit den Großen.“ Ist der olympische Silberglanz verblasst? Für mich nicht. Wenn man den Tatsachen realistisch ins Auge schaut. Sturm hat dies auch im allergrößten Hype getan. Er kritisierte und mahnte. Eine Sensations-Maschine mit Medaillen-Abo wird das DEB-Team sicherlich nicht. Es ist zurück im grauen Alltag angekommen. Olympia war ein Ausreißer nach oben. Einer, der nicht nur mir, sondern jedem Eishockey-Fan für immer unvergesslich bleiben wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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