WM 1954: Die Russen kommen - Sbornaja erstmals dabei

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Vor 50 Jahren gab es bei der Weltmeisterschaft 1954 in Stockholm nur ein Thema, „Die Russen kommen!“ Erstmals sollten die geheimnisumwitterten Neulinge aus Moskau bei einem WM-Turnier aktiv dabei sein. Wie spielen die Sowjets gegen Titelverteidiger Kanada war die große Frage bei diesem Turnier. Und dann kamen sie. Die großen weißen Buchstaben CCCP (übersetzt: SSSR /Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) leuchteten auf den roten Trikots. Auf dem Kopf trugen die kräftigen Cracks aus dem Osten diesen ledernen Radrennfahrer-Kopfschutz oder Kappen der Panzerfahrer. Die Stöcke waren riesige Prügel. Dann begann die Aktion: „Die Sbornaja kam, sah und siegte.“ Gegen Gastgeber Schweden gab es ein 1:1, die restlichen Gegner wurden deklassiert: CSSR 5:2, Finnland 7:1, BR Deutschland 6:2, Norwegen 7:2 und Titelverteidiger Kanada 7:2. Der erste Weltmeistertitel konnte nach Moskau gemeldet werden. Der Begriff „Russisches Eishockey“ war geboren. Sie zauberten mit dem Puck, beherrschten alle taktischen Anweisungen ihres großen Lehrers Arkadi Chernyshev. Fast körperlos tricksten sie ihre Gegner aus, waren schnell und hatten eine tolle Kondition. Der Kopf des Teams war Vsevolod Bobrov, ein genialer Centerstürmer, der auch im Bandy- und Fußball-Nationalteam der UdSSR spielte. Dazu der überragende Verteidiger Gennik Sidorenko und Puckzauberer Evgeni Babitsch. Den Kern der Mannschaft bildeten, wie später auch, die Pucksoldaten des Armeeklubs CSKA Moskau. Ein Neuling als Weltmeister, das gab es noch nie in der WM-Geschichte. Die „Federazija Hokkeja SSSR“ wurde erst 1952 in den Weltverband aufgenommen. Das „kanadische Eishockey“ wurde nach Aussage der Russen erst nach 1945 begonnen. Davor spielte man nur Bandy. So ganz stimmte das nicht, denn Russland war schon 1911 Mitglied im Weltverband, wurde aber wieder ausgeschlossen, weil es kein Verband war, der sich da angemeldet hatte, sondern nur der Petersburger Schlittschuhclub. Es gibt auch Fotos von Eishockeyspielern, die 1940 agierten. Aber „offiziell“ nannten die Politfunktionäre aus Moskau eben 1945/46 als Startjahr. 1954 begann eine sensationelle Serie von Medaillen und Titelgewinnen für die Sbornaja, wie man die Eishockey-Nationalmannschaft Zuhause nannte. Achtmal Olympiasieger, 24 Mal Weltmeister (UdSSR/GUS) und 27 Mal Europameister, sowie ein Sieg beim Canada-Cup (1981). Dazu weitere vier Olympia- und 13 WM Silber- oder Bronzemedaillen. Die Trainer wie „Schleiffer“ Anatoli Tarasov, „Väterchen“ Boris Kulagin oder bis heute „General“ Viktor Tichonov prägten das Spiel der Sbornaja.

Superstars wie der weltbeste Torhüter aller Zeiten, Vladislav Tretjak, die Super-Blueliner Alexander Ragulin, Valeri Vasiljev, Vyacheslav Fetisov oder Alexander Kasatonov und die Puckkünstler der Paradereihe mit Boris Michailov, Vladimir Petrov und Valeri Charlamow in den 70er Jahren, oder die Superlinie mit Sergej Makarov, Igor Larionov und Vladimir Krutov in den 80er Jahren gehören zu den Unvergessenen der Sbornaja. Nach der politischen Wende Anfang der 90er Jahre ließ die Erfolgsserie nach. Die Stars wanderten in die nordamerikanische Profiliga NHL ab und der militärische Druck, der hinter den Trainern stand, war vorbei. 1992 gab es noch einmal olympisches Gold, 1993 gewann die Sbornaja den letzten WM-Titel. Die Plätze fünf bis zum skandalösen neunten Rang bei der WM 2000 sprangen heraus. Trainer scheiterten, Spieler streikten oder wollten nicht – kurz gesagt, die Russen verwandelten sich von der Puck-Wundernation in ein ganz gewöhnliches Land.

Für die WM 2004 in Prag hat der 73-jährige Altmeister Viktor Tichonov wieder das Traineramt übernommen. Der alte Glanz soll zurückkommen. Man darf gespannt sein auf das 50. Jahr russisches Eishockey. (Horst Eckert)

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