Und es stimmt doch: Es gibt Eishockey in Israel

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Wenn wir es nicht gelesen hätten, man hätte irre werden können. Auf der Suche

nach dem israelischen Eishockey-Team, das im April gegen Deutschland bei der

B-WM in Frankreich antritt, muss man etliche Hürden überwinden. Kein Mensch

scheint überhaupt zu wissen, dass es Eishockey in Israel gibt. Fußball spielt

die Hauptrolle, Macabee Haifa hat da die Nase vorn, im Stadion mitten im

Wohngebiet überzeugen wir uns von der Güte der Kicker. Die haben einiges zu

bieten, die Arena ist voll mit glücklichen Grüngekleideten, aber dem Eishockey

bringt uns das auch nicht näher. Fußballfans winken nur ab: "Nein, den

Sport gibts bei uns nicht."


Eine russische Israelin gibt uns eine Nummer von einem Spieler. Begeisterung.

Wir rufen an, erwischen erst die Mutter, dann die Frau und finden schließlich

heraus, dass es sich um einen Feldspieler handelt. Sportlehrer Shlomi geht der

Sache nach und er findet erste Spuren: In Hebräisch im Internet. Das nützt

Leuten, denen die Zeichen spanisch vorkommen, nicht viel. Aber immerhin findet

irgendjemand eine Nummer. Von einem Menschen, der nur russisch spricht, auch

dies nicht eben eine der Sprachen, die wir fließend beherrschen, wir verstehen

nur Bahnhof. Ein israelischer Freund schafft das schier Unmögliche. Er erhält

die Nummer von einem amerikanischen Israeli.


Jetzt geht es vorwärts: Der junge Mann heißt Mike, er ist der Kapitän der

Jugendnationalmannschaft, die sich soeben beachtlich geschlagen hat bei

einem Turnier in Kanada und er lädt uns zum Training ein. In Metula. Da türmen

sich weitere Hindernisse auf. Dann nach Metula fährt eigentlich

nichts. Das Dörfchen liegt an der libanesischen Grenze ganz oben im Norden und

der "good fence" der gute Zaun, sprich die Grenze, über die erst

jetzt wieder scharf geschossen wurde, ist erschreckend nahe. Ein Tor soll, so

steht es geschrieben, um 22 Uhr geschlossen werden. Ein Bus fährt bis neun

Kilometer vor Metula, danach muss ein Taxi her und nach dem Training geht nichts

mehr.


Wir mieten ein Avis-Auto in Haifa und bewältigen die 150 Kilometer auf diese

Weise. Es ist stockdunkel, als wir in Metula ankommen. Genauer gesagt, beim

Canada-Center, einem prächtigen Bau, den kanadische Juden spendiert haben. Um

Himmels Willen, warum in  Metula? Hierher kann eigentlich keiner zum

Training kommen, einfach, weil der Ort so weit ab liegt. Ja, sagt Boris Mindel,

der Coach des Teams, ein wenig traurig, das sei eine eigene Geschichte. Die

Kanadier wollten den Leuten im Norden etwas Gutes tun. Schließlich lebten sie

in permanenter Gefahr und außerdem hätten die im Süden doch schon so viel.

Mindel muss jetzt schauen, dass er mit dem fertig wird, was er vorgefunden hat.


Der russische Israeli, ein Mann mit Herz, Kompetenz und Engagement, spielte früher

in der russischen Armee Eishockey, bevor er in den Siebziger Jahren nach Israel

kam und einer der Väter des dortigen Eishockey wurde. Er hat erstaunliche

Erfolge eingefahren unter den Bedingungen, die er meistern muss. Der Aufstieg in

die B-WM-Gruppe gilt als kleines Wunder, obgleich die meisten der Akteure gute

Spieler sind. Aber sie treten an in Europa, in Übersee oder in Russland und

kommen nur vor Wettbewerben zum Training nach Metula. Jean Peron von den

Montreal Canadians jettet dann ebenfalls heran und eilt  Mindel zur Seite.


An diesem späten Nachmittag steht Mindel drei Stunden auf dem Eis. In der

zweiten Hälfte trainiert linker Hand das Juniorenteam, verstärkt von

Seniorenspielern, auf der rechten kommt der Nachwuchs zum Zuge. Da tun sich Abgründe

auf, denn manche der Kids stolpern noch über ihre eigenen Füße, warum auch

nicht, aller Anfang ist schwer. Allerdings gibt es auch jene Talente, bei denen

man merkt, dass sie Großes vor sich haben könnten. Mindel ist nicht eben glücklich

über die Bedingungen, eigentlich sagt er Hockeyweb, sei es ganz und gar unmöglich,

allen gerecht zu werden. Eiszeiten gibts auch nicht genug, und gleich anschließend

kommen die kleinen Eiskunstläufer und drehen ihre Kringel. Es mag nicht viel

los sein in Metula, im Center trifft das nicht zu.


Mike Horowitz, der 17-jährige Kapitän der Jungs, der bei der WM auf einen

Platz im Nationalteam der Älteren hofft, ist ein Talent, das sieht man auf den

ersten Blick. Und wenn er erzählt, dass er bis vor kurzem noch Feldhockey

spielte, mag man es nicht glauben, so gut und wendig tritt er an. Der Papa gab

den Impuls, Horowitz senior spielte in den USA Eishockey, bevor er nach Israel

umsiedelte. Drei Israelis amerikanischer Herkunft sind im Team, natürlich auch

ein paar Russen, die von zu Hause aus fit sind, ansonsten aber Jungs aus dem

Metula-Sportprogramm.


Auf die WM setzen die Israelis große Hoffnungen. Nicht, dass sie auf einen

Platz weiter oben hoffen, "Deutschland und wir, das sind zwei Klassen",

sagt Mindel, aber wenn sie ein paar gute Spiele leisten, dann kann die Presse

nicht mehr schweigen. Mindel ärgert sich, dass nordamerikanische Zeitungen mehr

über Eishockey in Israel schreiben als die Israelis selber. Man werde, moniert

er, regelrecht totgeschwiegen. Wenn aber der Klasseneerhalt geschafft würde,

dann ginge das nicht mehr, dann müssten die einheimischen Journalisten

berichten. Und dann gäbe es vielleicht einen Ruck und das lang geplante

Eisstadion in Tel Aviv würde gebaut und die 1000 Feldhockeyspieler würden

umsatteln, schöne neue Welt. Derzeit gibt es 500 Eishockeyspieler in Israel,

darunter auch solche, die längst in Sportrente nur noch zum Spaß spielen. Fünf

Amateurteams treten in einer Liga gegeneinander an, in Metula, wo sonst.

Schlachtenbummler sind Angehörige, aber auch etliche Russen, die

in der Gegend wohnen und ihren Lieblingssport vermissen. 80 bis 100 Kids unter

18 Jahren ziehen sich die Schlittschuhe an. Mindel hat es geschafft, aus diesen

Quellen zu schöpfen, mit sehr viel Enthusiasmus. Auf die WM freuen sich die

Israelis. Danach könnte es sein, dass man wirklich jemanden trifft im Lande,

der sagt: "Eishockey in Israel, ja das gibt es." Es wäre den

einsatzfreudigen Cracks und ihrem Trainer, die ganz Erstaunliches leisten, zu wünschen.

Angelika von Bülow

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