Plötzlich im FokusDie deutsche Frauen-Eishockey-Nationalmannschaft vor Sotschi

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Mehr Medieninteresse also? „Ja, das merken wir ganz deutlich“, sagt Frauen-Bundestrainer Peter Kathan. „Wir hatten erst vor wenigen Tagen ein Trainingslager in Füssen. Da waren sehr viele Journalisten, auch Fernsehteams.“ Beinahe wird es schon zu viel. Aber auch nur beinahe. „Es ist ja verständlich, dass sich nun alle für die Frauen-Mannschaft interessieren. Das haben die Spielerinnen auch verdient. Dennoch ist natürlich schade, dass die Männer nicht dabei sind.“

Das Aus der Männer ist eine Chance für die Frauen

So aber interessiert sich sogar TV-Moderator Stefan Raab für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Torhüterin Viona Harrer war bei TV Total zu Gast, präsentierte Trikot und Ausrüstung; dann schoss der Fernseh-Tausendsassa ein paar Mal auf Harrers Tor. Viel mehr war bei diesem Auftritt nicht zu erfahren. „Aber so merken die Leute mal, dass es auch Frauen-Eishockey gibt“, sagt Kathan. Und das ist schon eine ganze Menge. Denn im Vergleich mit anderen großen Sportarten hinkt Frauen-Eishockey gegenüber Frauen-Fußball und Frauen-Handball doch etwas hinterher. Schon 2006, vor den Olympischen Spielen in Turin, war ein Raab-Auftritt mit den Damen geplant. „Das hat aber nicht geklappt. Stattdessen hat er etwas mit den Kölner Haien gemacht“, erinnert sich Kathan. Das Aus der Männer ist also tatsächlich eine Chance für die Frauen.

Kader offizell bestätigt

Nervös wird Viona Harrer nicht gewesen sein, tippt Kathan. „Sie kennt das ja schon. Für einige andere Spielerinnen dürfte so etwas neu sein.“ Seit dem heutigen Donnerstag ist auch der offizielle Kader der deutschen Nationalmannschaft durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bestätigt worden. Letztlich eine Formsache, denn den Kadervorschlag hatte Kathan schon zuvor eingereicht. Am Kader, der aus 18 Spielerinnen und drei Torhüterinnen besteht, hat sich erwartungsgemäß nichts mehr geändert. Nur die „Abrufliste“ ist verkleinert worden. So halten sich Torhüterin Franziska Albl, Verteidigerin Ronja Richter und Stürmerin Lisa Schuster für den Notfall bereit. Sie dürfen allerdings nicht mit nach Russland reisen. „Müssten wir im Verletzungsfall nachnominieren, würden sie erst dann nach Sotschi fliegen“, so Kathan.

Am 31. Januar geht der Flieger nach Russland

Los geht es in rund einer Woche. Am 30. Januar reist das Team nach Frankfurt, einen Tag später geht der Flieger nach Russland. Die beiden „Nordamerikanerinnen“ im Team reisen am 28. Januar nach Deutschland. Denn die Verteidigerinnen Anja Weißer (University of Prince Edward Island, Kanada) und Tanja Eisenschmid (University of North Dakota, USA) studieren und spielen in Übersee.

Sieben Teams in der Bundesliga

Das ist freilich eine große Chance, denn die Vereine und Ligen in Deutschland, die sich dem Frauen-Eishockey widmen, sind überschaubar. In der 1. Bundesliga spielen mit dem ESC Planegg-Würmtal, ECDC Memmingen, OSC Berlin, EC Bergkamen, ERC Ingolstadt, SC Garmisch-Partenkirchen (nicht zu verwechseln mit dem SC Riessersee) und der ESG Esslingen sieben Mannschaften. Den zweiten Level bildet die 2. Liga Nord (sieben Teams aus NRW, Niedersachsen und Sachsen) sowie die Landesligen Bayern und Baden-Württemberg; darunter sind noch die NRW-Liga, 1. Liga Nordost (beide 3. Spielklasse) und Bezirksliga NRW (4. Spielklasse) zu finden. Das war es dann auch schon. „Daher ist es auch ungeheuer wichtig, dass die Mädchen im Jungen-Nachwuchs mitspielen können“, sagt Kathan. Anders geht es auch gar nicht, da es für reine Mädchenmannschaften an einem Standort in einer Altersklasse gar nicht genügend Spielerinnen gibt. Im Knabenalter versucht der DEB Turnierteilnahmen für Mädchen-Auswahlen bei Jungen-Turnieren zu organisieren. „Das geht aber nur zweimal im Jahr.“ Wichtig sind daher die verschiedenen Sichtungen. „Inzwischen haben wir ja auch ein weibliches DEB-U15-Team“, sagt Kathan, der bereits seit 2002 Cheftrainer der Frauen-Nationalmannschaft ist.

Zwölf Spielerinnen bei der Sportförderkompanie

Angesichts dieses „versteckten Daseins“ ist jede Hilfe wichtig. „Inzwischen gehören zwölf unserer Nationalspielerinnen zur Sportförderkompanie der Bundeswehr. Das ist ungeheuer wichtig. Auch die Sporthilfe unterstützt uns. Dennoch müssen die Spielerinnen immer noch sehr viel selbst investieren.“

Auch in anderen Ländern, einschließlich der großen europäischen Eishockey-Nationen, ist Frauen-Eishockey eher eine kleine Nummer. Groß ist es in den USA und in Kanada. Und dann kommt erstmal lange nichts. „Finnland ist die beste europäische Nation. Kürzlich gelang den Finninnen sogar ein Sieg gegen die USA. Russland hat aufgeholt, seit klar ist, dass die Spiele in Sotschi stattfinden. Früher waren wir auf Augenhöhe, haben oft gegen Russland gewonnen. Von den letzten zehn Spielen haben wir aber nur noch zwei für uns entschieden.“

Platz fünf als Ziel

Das eigene Ziel lautet Platz fünf. „Das ist realistisch“, sagt Kathan. Viona Harrer sprach bei TV Total von einem offenen Rennen um Bronze. „Das ist vielleicht etwas hochgegriffen. Aber man braucht schließlich Ziele. Und 1976 hat auch keiner damit gerechnet, dass die Männer Bronze holen“, sagt Kathan mit einem Lächeln.

Leitwölfe – oder besser Leitadler – sind Bettina Evers, die schon ihre dritten Olympischen Spiele bestreitet, und Maritta Becker, die aktuell die meisten Scorerpunkte für die Frauen-Nationalmannschaft verbucht hat. „Wirklich Weltklasse sind wir auf der Torhüterposition“, sagt Kathan. Denn mit Ivonne Schröder (Tornado Niesky, Oberliga Ost), Viona Harrer (Tölzer Löwen, Oberliga Süd) und Jennifer Harß (ERC Sonthofen, Bayernliga) spielen alle drei in Männerteams. Dazu kommt eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen.

Und auf ihnen ruht nun die Hoffnung deutscher Eishockeyfans. Mehr als jemals zuvor.

Der Kader

Torhüterinnen: Ivonne Schröder (Tornado Niesky), Viona Harrer (EC Bad Tölz), Jennifer Harß (ERC Sonthofen).

Verteidigerinnen: Jessica Hammerl (TSV Erding), Bettina Evers (ESC Planegg-Würmtal), Anja Weißer (University of Prince Edward Island), Susann Götz (OSC Berlin), Susanne Fellner (ECDC Memmingen), Daria Gleißner (ECDC Memmingen), Tanja Eisenschmid (University of North Dakota).

Stürmerinnen: Sophie Kratzer (ESC Planegg-Würmtal), Manuela Anwander (ERC Ingolstadt), Nina Kamenik (OSC Berlin), Julia Zorn (ESC Planegg-Würmtal), Jacqueline Janzen (ECDC Memmingen), Andrea Lanzl (ERC Ingolstadt), Sara Seiler (ERC Ingolstadt), Kerstin Spielberger (EHC Klostersee), Franziska Busch (ECDC Memmingen), Monika Bittner (ESC Planegg-Würmtal), Maritta Becker (ERC Ingolstadt).

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