Miracle on Ice - Facts zum Film

World Cup: Kader USAWorld Cup: Kader USA
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Der zurzeit in den Kinos laufende Film "Miracle-Das Wunder von Lake Placid" mit Kurt Russel basiert auf dem Olympiasieg der US-Eishockeymannschaft 1980. Was geschah damals eigentlich wirklich?
Do you believe in miracles?

Überraschungen gibt es immer wieder, vor allem im Sport. Doch wenn sportliche Überraschungen unter ganz besonderen Umständen geschehen, werden sie zu Wundern und die gescheiterten Favoriten wundern sich. Für uns Deutsche war es das "Wunder von Bern", für die Amerikaner ist es das Wunder von Lake Placid. Dort gewann das Eishockeyteam der USA im Jahr 1980 eine Goldmedaille bei den Olympischen Winterspielen. Doch erst ein Blick auf die Hintergründe lässt erahnen, warum dieser Erfolg in Amerika als größtes Sportereignis des 20. Jahrhunderts eingestuft wurde.

Weltmacht ohne Selbstvertrauen

In den Jahren vor Lake Placid musste die Weltmacht USA ungewohnte Rückschläge hinnehmen. Watergate, der Abzug aus Vietnam, die Katastrophe mit dem Atomkraftwerk Harrisburg und die zunehmende Energiekrise nagten am Selbstbewusstsein einer Nation, für die Stolz und Patriotismus so ungemein wichtig sind. Es kam noch schlimmer: 1979 besetzten Studenten die US-Botschaft in Teheran, nahmen amerikanische Geiseln und die Weltmacht USA sah ohnmächtig zu. Wenige Wochen später marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein und niemand konnte sie daran hindern. Der kalte Krieg war nun eiskalt geworden und suchte sich seine Schauplätze außerhalb der konventionellen Schlachtfelder, wodurch die nur drei Monate nach dem Sowjetischen Einmarsch stattfindenden Olympischen Winterspiele auf amerikanischem Boden eine Bedeutung erhielten, die weit über das sportliche Ereignis hinaus ging.

Unschlagbare "Amateure"

Immerhin ein Triumph war der Sowjetunion so gut wie sicher: Die Goldmedaille im Eishockey. Das Team der UdSSR war praktisch unschlagbar. Nicht einmal die All-Stars der nordamerikanischen Profiliga NHL hatten sie schlagen können, die sogenannte "Challenge Trophy", an der die besten Spieler beider Seiten teilnahmen, ging nach Moskau. Und die NHL-Profis durften bei Olympia nicht einmal mitspielen, dort waren nur Amateure zugelassen. Die Sowjets waren offiziell Amateure, da sie der Armee angehörten. Doch die Mannschaft des legendären Trainers Viktor Tichonov spielte ausschließlich Eishockey, wie ihr ebenfalls legendärer Torhüter Vladislav Tretjak bestätigte: "Wir waren neun Monate im Jahr zusammen und trainierten zweimal täglich. Ich sah meine Frau und die Kinder kaum, aber ich liebte Eishockey und wusste, dass wir auf diese Weise Erfolg haben würden." Lake Placid sollte das fünfte Gold in Folge für die Sowjets bringen.

Der Übermacht des technisch und läuferisch perfekten Teams in den roten Trikots konnten die USA nur eine Auswahl von Studenten entgegen setzen...

Die Mission des "Aussortierten"

Herb Brooks, damals bester College-Trainer der USA, bekam die Aufgabe, eine Nationalmannschaft zusammenzustellen. Für Brooks war das kein Job, sondern eine Mission: Er hatte 20 Jahre zuvor, beim bis dahin letzten Olympiasieg der USA, im Nationalteam gestanden und war am Tag vor Beginn der Spiele noch aus dem Kader gestrichen worden. Lake Placid war die große Chance für ihn, die größte Enttäuschung seines Lebens zu besiegen. Brooks führte ein Trainingscamp mit Studenten aus Michigan und Minnesota durch, doch das genügte ihm nicht. Der US-Coach holte noch Spieler von der Ostküste dazu, vom Boston College. Dies war nicht ganz unproblematisch, denn zwischen Boston und Minnesota bestand eine traditionelle Rivalität. "Meine Feinde kamen nicht aus der UdSSR, sondern aus Boston", war die wütende Reaktion einiger Spieler. Herb Brooks schweißte die rivalisierenden Spieler zusammen, indem er ihnen einen gemeinsamen Feind schuf: Sich selbst. Während der Trainingscamps verging kein Tag, an dem er seine Spieler nicht demütigte. Einige Cracks hielten die Sprüche ihres Coaches sogar in einem Buch fest und nannten sie "Brooksisms". "Du wirst von Tag zu Tag schlechter und heute hast du gespielt, als sei es schon nächste Woche", lautete einer der wenigen jugendfreien "Brooksisms".

"Herbies" selbst im dunkeln

Das US-Team absolvierte einige Testspiele mit guten Ergebnissen, doch dann spielte man 3:3 gegen Norwegen, den vermeintlich schlechtesten Gegner. Brooks kochte vor Wut, er ließ seine Spieler hinter dem eigenen Tor antreten und über die gesamte Eisfläche laufen. Über alle Linien bis zum anderen Ende und wieder zurück. Runde für Runde, stundenlang. Selbst als der Hausmeister das Hallenlicht ausschaltete, mussten die Jungs Runde um Runde weiterlaufen. Die Spieler verpassten den Runden einen Spitznamen, nannten sie "Herbies". Brooks hatte sein Ziel erreicht, die Spieler hassten ihn. "Wir haben uns nur noch gesagt: Er wird uns nicht brechen", sagte Stürmer Dave Silk, der später erfolgreich in Mannheim und Berlin spielte. Brooks erhöhte den Druck auf die Spieler, indem er weitere Kandidaten ins Trainingscamp holte, obwohl er von den bereits vorhandenen Jungs nur 20 für Olympia nominieren durfte. Nicht einmal Kapitän Mike Eruzione hatte seinen Platz im Team sicher.

Debakel gegen die "Roten Roboter"

Wenige Tage vor Beginn der Spiele traf das US-Team dann im New Yorker Madison Square Garden erstmals auf den großen Gegner aus der UdSSR. Das Spiel wurde zu einer Demonstration der Überlegenheit. "Sie waren in ihren roten Trikots mit dem CCCP auf der Brust sehr einschüchternd", erinnerte sich Dave Silk. "Die waren wie eine Maschine und haben uns nur übers Eis gejagt." Andere Aussagen bestätigten den Eindruck. "Die waren wie Roboter, wenn sie ein Tor schossen, lächelten sie nicht einmal." "Wir waren wie Zuschauer und während des Spiels hieß es nur hast du das Tor gesehen, hast du den Spielzug gesehen". Am Ende lautete das Ergebnis 10:3 für die "roten Roboter" und dieses Resultat schmeichelte den USA noch.

Rettung in letzter Minute

Das olympische Eishockeyturnier hätte dann um ein Haar den erwarteten Verlauf für die Sowjets genommen, denn das US-Team stand in der Vorrunde gegen Schweden kurz vor dem Ausscheiden. In der Schlussminute lag man 1:2 zurück, eine Niederlage hätte das Aus bedeutet. Als die US-Boys mit der Brechstange den rettenden Ausgleich erzielten, standen noch 27 Sekunden auf der Uhr. Doch nun stand man in der Medaillenrunde und trat gegen die damalige Tschechoslowakei an, das vermeintlich einzige Team, das überhaupt in der Lage war, die Sowjets zu fordern. Mit 7:2 wurde die CSSR vom Eis gefegt und plötzlich wurde die Amerikanische Öffentlichkeit aufmerksam. Da stand eine Mannschaft auf dem Eis, die mit Herz und Kampf überzeugte, geführt von einem gnadenlos besessenen Coach... ging da etwa was?

"Das waren doch nur Studenten"

Nun kam es zum Showdown, man schrieb den 22. Februar 1980 und hatte keinerlei Ahnung, dass dieses Datum in die Olympische Geschichte eingehen würde. Die ungeschlagenen Sowjets trafen nicht einmal zwei Wochen nach dem 10:3 von New York erneut auf das Team von Herb Brooks. "Sie waren doch nur Studenten, wir haben sie nicht respektiert", blickt Vladislav Tretjak zurück. "Und das kannst du im Eishockey nicht machen."

Herb Brooks erkannte die Überheblichkeit des Gegners ebenso wie dessen einschüchternde Wirkung auf seine Spieler. Um die sowjetischen Spieler weniger respekteinflößend erscheinen zu lassen, verglich er deren Gesichter auf einer Leinwand vor versammelter Mannschaft mit amerikanischen Komikern. "Der eine hatte eine Nase wie Stan Laurel und ich sagte hey, ihr könnt doch nicht gegen Stan Laurel verlieren."

"Das ist unser Moment, nicht ihrer"

Unmittelbar vor dem Spiel hielt Herb Brooks vor seiner Mannschaft die Rede seines Lebens. "Vergesst sie, das ist unser Moment, nicht ihrer!". Den ganzen Tag waren die Spieler mit dem Hass gegen die Sowjets konfrontiert worden. "Wir bekamen ein Telegramm in dem stand: Schlagt die kommunistischen Bastarde", erinnert sich Mike Eruzione. Im ersten Drittel der Begegnung ging zunächst alles seinen sozialistischen Gang. Die UdSSR führte Sekunden vor der ersten Pausensirene mit 2:1, Spieler beider Mannschaften bewegten sich bereits zum Pausentee, als Mark Johnson die Situation erfasste und den Puck noch an Tretjak vorbei zum 2:2 ins Tor schoss. Eine einzige Sekunde blieb noch auf der Uhr stehen. Die Sowjets waren nun sichtlich verwirrt und Trainer Tichonov reagierte – er wechselte Tretjak aus, den besten Torhüter der Welt. Sein Nachfolger Wladimir Myshkin hatte zunächst wenig zu tun, denn sein Team dominierte das zweite Drittel, wollte nun endgültig alles klar machen. US-Goalie Jim Craig wuchs über sich hinaus und hielt sein Team im Spiel. Mit 12:2 Torschüssen wurden die US-Boys an die Wand gespielt, doch nach dem 2. Drittel stand es nur 3:2 für die UdSSR.

10 endlose Minuten

Dann kam die 49. Spielminute, plötzlich war wieder Mark Johnson zur Stelle und erzielte den Ausgleich, nur 81 Sekunden später war Kapitän Mike Eruzione zur Stelle und schoss sein Team in Führung. Die Halle stand Kopf, die Reaktion war wie ein Erdbeben, die Sensation lag in der Luft. Doch noch waren zehn Minuten zu spielen und die Sowjets waren selbstverständlich gut genug, das Spiel noch zu drehen. "Bis zur letzen Minute dachte ich, wir würden das Spiel noch gewinnen", sagt Vladislav Tretjak. Herb Brooks versuchte immer wieder, sein Team in der nun folgenden Abwehrschlacht auf Kurs zu halten. "Play your game", beschwor er sein Team immer und immer wieder. Als die letzten 5 Sekunden des Spiel heranbrachen, zählten die Zuschauer mit, der Jubelschrei des TV-Kommentators ging im ohrenbetäubenden Jubel unter: "Do you believe in miracles? YES!" Alle Dämme brachen, die Spieler des siegreichen Teams fielen übereinander her, auf den Tribünen taumelten die Menschen im Jubel. Die unterlegenen Spieler der UdSSR standen fassungslos und geschockt beieinander und beobachteten die Ereignisse. Nur einer unter ihnen wirkte überhaupt nicht geschockt, er stand auf seinen Schläger gestützt und mit einem Lächeln im Gesicht auf dem eis und schien die Szene sogar zu genießen. "So eine Begeisterung kannten wir gar nicht, weil wir schon so oft gewonnen hatten."

"Bis in eure verdammten Gräber"

Die amerikanische Öffentlichkeit wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Sensation, denn das Spiel wurde nicht einmal live übertragen, da es an einem Nachmittag stattfand und zeitversetzt am Abend gezeigt werden sollte. Doch die Welle der Begeisterung wurde nur verzögert, nicht aufgehalten. "Wo immer wir in den folgenden Tagen hinkamen, wurden wir unglaublich gefeiert. Es hieß plötzlich nicht mehr, unser Team hätte die Russen geschlagen. Es hieß nur noch, WIR haben die Russen geschlagen." In ihrem Jubel vergaßen viele Amerikaner, dass mit dem Sieg über die UdSSR noch gar nichts gewonnen war, denn das Team benötigte noch einen Sieg über Finnland, um Gold zu holen. Herb Brooks war sich dieser Tatsache bewusst: "Wenn Ihr gegen Finnland verliert, werdet Ihr das mit in Eure verdammten Gräber nehmen", beschwor er sein Team vor dem letzten Spiel in der Kabine, ging ein paar Schritte zur Tür, drehte sich noch einmal um und wiederholte: "In Eure verdammten Gräber!" Seine Worte fielen zunächst nicht auf fruchtbaren Boden, die Finnen führten 2:1 doch in der zweiten Pause rissen sich die US-Boys noch einmal zusammen und siegten am Ende mit 4:2.

"Ein Wunder"

Ein Jahr später, nach 14 Monaten Gefangenschaft kamen die Geiseln in Teheran frei. Einer von ihnen war Barry Rosen, dem man während der Geiselnahme die Augen verbunden hatte, dem man eine Maschinenpistole an den Kopf gehalten hatte, um dann langsam von 10 herunter zu zählen. "Wir bekamen vom State Department ein Video, auf dem die Ereignisse der vergangenen 14 Monate festgehalten wurden", erinnerte er sich. "Am Ende des Videos befand sich das Eishockeyspiel und es war für uns alle der Höhepunkt, ein Wunder. Das einzige was ich jetzt noch bereute war, nicht dabei gewesen zu sein."
Alexander Brandt

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