Top-Eishockey mit ungewohnten VorzeichenSaisonstart in der Schweizer NL

Mehr als 700 Spiele absolvierte Mikkel Bödker in der NHL - nun geht er für Lugano auf Torejagd. (dpa / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Jp)Mehr als 700 Spiele absolvierte Mikkel Bödker in der NHL - nun geht er für Lugano auf Torejagd. (dpa / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Jp)
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Eishockey auf dem höchsten Niveau ist zurück in der Schweiz. Bis zur Normalität ist es aber noch ein weiter Weg. Zwei Maßnahmen zeigen deutlich, dass über dem Ganzen das Damoklesschwert mit der Corona-Klinge schwebt: Zum einen wird nur, nach Kantonalvorgaben, ein gewisser Teil der gewohnten Zuschaueranzahl in die Stadien gelassen, daneben sind keine Gästefans zugelassen und auch dem Alkohol darf nur vor dem Stadion gefrönt werden. Und in dieser Saison kann zwar ein Team aus der Swiss League, bei verifizierten finanziellen Möglichkeiten, aufsteigen, aber kein Erstligist muss Angst haben, in der nächsten Saison im Unterhaus spielen zu müssen.

Auch die Play-Offs wurden umgestaltet und werden zu einem großen Teil ähnlich gespielt wie vielen anderen Ländern, unter anderem auch Deutschland. In der Vorrunde werden zunächst zwei Doppelrunden mit jeweils 22 Partien (44 Spiele in der Hauptrunde) durchgeführt. Dazu kommen, eingestreut in die Vorrunde, sechs weitere Spiele gegen Vereine, die in regionaler Nähe liegen. Nach der Vorrunde haben die beiden Teams auf den Plätzen elf und zwölf Sommerpause, während die Teams der Plätze sieben bis zehn eine Pre-Play-Off-Runde im Best-of-three-Modus spielen. Ab dem Viertelfinale werden die Play-Offs wie gewohnt im Best-of-seven-Modus durchgeführt.

Auch wenn vieles anders ist in dieser Saison, eine Sache bleibt: Auch in diese Spielzeit ist das Oberhaus in der Schweiz mit zwölf Teams gestartet, die hier im Überblick vorgestellt werden - zunächst die beiden Clubs aus dem Tessin.

 

HC Ambri-Piotta: Die letzte Saison in der "Valascia" 

Die Leventiner, die 2021 in ihre neue, 60 Millionen Franken (rund 52 Millionen Euro) teure neue Halle einziehen werden, mussten aufgrund von Corona ein größeres Sparprogramm auflegen. Zumindest aber blieben die Macher Luca Cereda und Paola Duca erhalten. 

Tor: Als Ergänzung zur verletzungsanfälligen Nummer Eins Benjamin Conz wurde aus Langnau mit Damiano Ciaccio ein erfahrener Back-up geholt. 

Verteidigung: Die Defensive könnte Probleme machen, kann sie doch mit Michael Fora nur einen echten Star aufweisen. Dazu kam Zaccheo Dotti zurück zu seinem Bruder Isacco, Talent Rocco Pezzullo erhielt einen Vertrag mit Option bis 2023. Hier wird Trainer Luca Cereda häufiger kreative Lösungen finden müssen.

Sturm: Hier gibt es gleich mehrere Fragezeichen. Wird Robert Sabolic nach einem schwachen Debütjahr endlich Dominik Kubalik vergessen machen? Wundertüten sind zudem Danielle Grassi, der Ambri 2016 verließ, aber in Kloten und Bern nicht glücklich wurde, und der Slowake Stanislav Horansky: Er kam als bester Zweitligascorer aus Olten, will nun den Sprung in die NL schaffen. Und dann ist da noch Julius Nättinen: Der 22jährige finnische Nationalspieler kam aus Jyväskylä und will, wie Kubalik vor zwei Jahren, die NL und hier speziell Ambri als Sprungbrett für die NHL nutzen.

Aktuell: Nach sechs Spielen stehen fünf Punkte zu Buche. Vor allem die Heimschwäche - drei Niederlagen mit nur zwei geschossenen Toren - muss abgestellt werden. Den einzigen Saisonsieg gab es ausgerechnet beim Geheimfavoriten Genf.

Fazit: Die direkte Play-Off-Qualifikation wird ein Traum bleiben. Nur bei normalem Verlauf sollte das Team aber um die erste Runde mitspielen können.

HC Lugano: Mit mächtiger Offensivpower mindestens ins Halbfinale

In den letzten Jahren waren die Tessiner immer so etwas wie die Wundertüte der Liga. Absoluten Topergebnissen standen unverständliche Niederlagen gegenüber – und immer wieder stand die Abwehr in der Kritik. Dieser Punkte hat sich Sportchef Hnat Domenichelli angenommen und ein Team aufgebaut, das weit kommen kann – vor allem durch seine gnadenlose Offensiv-Power.

Tor: Mit Niklas Schlegel, der schon in der letzten Saison aus Zürich kam, und Sandro Zurkirchen stehen dem HCL zwei Toptorhüter mit viel Erfahrung zur Verfügung, die zudem noch den Vorteil haben, dass sie mit 26 und 30 Jahren auch noch etliche gute Jahre vor sich haben werden.

Verteidigung: Hier fand ein, für HCL-Verhältnisse, extremer Austausch statt. Benoit Jecker verließ den HCL Richtung Fribourg, Massimo Ronchetti und Julien Vauclair beendeten ihre Karrieren. Dafür kamen mit Bernd Wolf und Eliot Antonietti zwei gestandene NL-Defender sowie drei Junioren-Nationalverteidiger.

Sturm: Schon den letzten Jahren waren die Angreifer die beste Abteilung der Luganeser. Domenichelli hat sie aber noch weiter verbessert. Zwar verließen mit McIntyre (Zug) und Klasen (Lulea) gleich zwei Topspieler die Tessiner, aber dafür kam mehr als guter Ersatz. Supertalent Philipp Kurashev wurde aus Chicago ausgeliehen, aus Österreich fand Raphael Herburger den Weg in die NL.

Ebenfalls aus der NHL wurde Mikkel Bödker geholt. Der Däne absolvierte mehr als 700 Spiele in Nordamerika für Phoenix / Arizona, Colorado, San Jose und Ottawa. Aus Lausanne kam Tim Traber (vorerst wie Carr bis November) und als Edeleinkauf kann Mark Arcobello bezeichnet werden: Der langjährige Berner ist pro Spiel für einen Punkt gut. Dazu kommen fast ein gutes Dutzend weiterer starker Stürmer, so dass es niemand überraschen würde, wenn die Bianconeri am Ende den stärksten Sturm stellen.

Aktuell: Der Start war phänomenal. Nach zwei Spielen standen sechs Punkte und 7:0 Tore zu Buche. Dann kassierte Niklas Schlegel ausgerechnet gegen den Ex-HCL-Star Gregory Hoffmann in seiner 122. Saisonminute das erste Gegentor. Im vierten Spiel durfte dann Sandro Zurkirchen zwischen die Pfosten und kassierte gleich vier Gegentore. Jetzt wird es spannend, wem HCL-Trainer Serge Pelletier in Spiel fünf gegen Davos das Vertrauen schenkt. Wegen dreier Corona-Fälle im Team des HCL mussten drei Spiele verschoben werden.

Fazit: Mit dieser Offensivpower ist das Halbfinale drin. Wenn dann noch die Verteidigung funktioniert, sogar das Finale und damit der Angriff auf den ersten Titel seit 15 Jahren.

Jetzt die Hockeyweb-App laden!