Schweiz nach WM-Aus schwer enttäuschtErwartungen nicht erfüllt

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Wenn man sich die Entwicklung des Schweizer Eishockeys vor Augen führt, dann überrascht der Absturz, ist aber wohl auch die Konsequenz aus einem strategischen Vorgehen des Verbandes, der nach dem zweiten Platz von 2013 glaubte, dass der Wechsel vom defensiv diszipliniertem Spiel, wie vom Nationaltrainer Ralph Krueger (1998 – 2010) eingeführt zu einem offensiveren Stil das Spiel der Zukunft darstellt und sich vor allem auch besser verkaufen lässt. Bereits bei der WM 2014 in Minsk/Moskau belegten die Schweizer nach der Vorrunde nur Rang Fünf, 2015 kamen sie zwar wieder auf Rang Vier, brachten offensiv mit ganzen 12 Toren in sieben Spielen kaum etwas zustande, zeigten sich lediglich in der Defensive in guter Qualität.

Die Nachfolger von Ralph Krueger, der immerhin die „Swiss Nati“ in 12 Jahren achtmal ins Viertelfinale geführt hatte, Sean Simpson, Glen Hanlon und jetzt Patrick Fischer können von so einer Bilanz eigentlich nur träumen.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ vermutete daher auch: „Es ist ein hoher Preis, den Swiss Ice Hockey da bezahlt, doch die Chefetage um den CEO Florian Kohler scheint mit der Rechnung kein Problem zu haben. Der frühere TV-Produzent Kohler weiß, dass sich spektakuläres Scheitern besser verkaufen lässt, als wenn man ewiglich in Langeweile stirbt.

Niederlagen scheinen für den Verband verkraftbar, solange man sie nur richtig verkauft. Unter diesen Voraussetzungen hat Kohler mit Fischer den richtigen Trainer verpflichtet. Sein Engagement war ursprünglich eine Verlegenheitslösung gewesen, bedingt durch die Unabkömmlichkeit des Wunschkandidaten Kevin Schläpfer.

Doch ein halbes Jahr später wirkt Fischer wie der perfekte Nationaltrainer für einen Verband, bei dem zunächst einmal die Verpackung stimmen muss. Den kitschigen Swissness-Kurs hat Fischer salonfähig gemacht – oder zumindest hat er dies versucht. Und mit seinem Positivismus und seinen Motivationskünsten wirkt er an guten Tagen wie ein Erbe Kruegers.“

Dabei waren die Schweizer in die WM mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein gestartet. Ausgerechnet gegen unser deutsches Team siegten sie im Vorbereitungsspiel in Basel nach einem 0:3 Rückstand noch mit 4:3. Es war der erste Erfolg nach einem 3-Tore-Rückstand seit 1988, als man gegen Polen aus einem 1:4 noch ein 5:4 gemacht hatte.

Gegen Kasachstan dann sofort der erste gewaltige Dämpfer. Trotz überlegenem Spiel (49:24 Torschüsse) kam man über ein 2:2 in regulärer Spielzeit nicht hinaus, musste zudem eines der kuriosesten Gegentore der WM kassieren. Roman Savchenko (KAZ) versuchte bei Unterzahl einen Verlegenheitsschuss aus 50m Entfernung und erzielte das 1:1. Ein Schock, vom dem sich der Schweizer Keeper Reto Berra über die WM nicht mehr erholte. Am Ende standen für ihn 85,5% gehaltene Schüsse, seine beiden Kollegen Mayer und Zurkirchen erhöhten wenigstens auf 87,62%, bei einem AVG von 3,60, international schwach.

Das gleiche Spiel gegen Norwegen. Überlegene (36:22) Torschussbilanz aber am Ende stand ein 3:4 und wieder ging es in die Verlängerung, wobei dann doch noch etwas Glück im Spiel war, denn den Ausgleich zum 3:3 erzielte du Bois zehn Sekunden vor Spielschluss.

Wer geglaubt hatte, dass es gegen die unangenehmen Dänen endlich zu einem deutlichen Sieg reichen würde, sah sich getäuscht. Wie üblich waren die Schweizer hochüberlegen, versagten jedoch beim Torschuss. Nach vierzig Minuten lag man 0:2 zurück, 24 Minuten später stand ein 3:2 zu Buche. Die Schlussbilanz auch hier überdeutlich: 42:28.

Gegen Lettland schien der Knoten geplatzt. Zwischen der 24. Und 29. Minute zog man auf 3:0 davon, nahm das Spiel auf die leichte Schulter und kassierte in einem ähnlichen Zeitfenster, noch im zweiten Drittel, den Ausgleich. Zwei Tore später stand es 4:4 und als sich die Fans schon auf die Verlängerung eingerichtet hatten, erzielte der Japan-Schweizer Eric Blum noch den Siegtreffer.

Wer gedacht hätte, dass die Schweiz gegen Gastgeber Russland auf verlorenem Posten stehen würde, sah sich getäuscht. Es wurde gut mitgehalten und am Ende stand neben einem Schussverhältnis von 35:38 ein zu hoch ausgefallenes 1:5. Noch hatte die Schweiz eine Chance auf das Viertelfinale, aber jetzt musste mindestens noch vier Punkte geholt werden und das gegen Tschechien und Schweden.

Gegen Geheimfavorit Schweden zeigten sich dann die Eidgenossen endlich einmal von ihrer effektiven Seite. Schussverhältnis: 29:36, am Ende jedoch nur knapp 2:3 n.P. verloren.

Jetzt musste gegen Tschechien ein Sieg her. Heraus kam ein Offensivspektakel und eine Schweizer Mannschaft, die noch einmal zeigte, dass sie immer noch Biss hat. Nach 54 Minuten führten die Tschechen mit 5:2, sechs Minuten später stand es nur noch 5:4 und weiß was passiert wäre, wenn das Spiel noch fünf Minuten länger gedauert hätte.

Am Ende stand ein 11. Platz, der auch durch die Statistik gesehen, berechtigt ist. Die Schweiz sammelte am zweitmeisten Strafminuten (90), sie war offensiv sehr ineffizient (acht Prozent aller Schüsse (20 von 250) landeten im Tor; Deutschland: 13,8%) und ihre Goalies wiesen die drittschlechteste Abwehrquote (87,62 Prozent) aus. Im Powerplay zeigte sich die Schweizer mit 21,4% gut eingestellt. Dagegen war das Boxplay bzw. Penaltykilling unterirdisch schlecht. Mit 66,7%( Deutschland: 78,1%), gleichschwach waren noch Weißrussland und Dänemark, kann man international nicht viel bewegen und auch 90 Strafminuten (Deutschland: 80) ist man von der Schweiz eigentlich nicht gewohnt. Auch die russischen Zuschauer schienen mehr von den Eidgenossen zu erwarten. Während die Deutschland-Spiele nur von 4.622 Zuschauern im Schnitt gesehen wurden, kamen zu den Schweizern 6.875).