Als Deutschland WM-Medaillen gewann – und (so etwas wie) Weltmeister wurdeDem DEB-Team winkt ein Eintrag in die Sportgeschichtsbücher

Gustav Jaenecke (links, in einem Foto von 1947) glich das EM-Finale 1930 aus, Leon Gawanke erzielte 2021 den Ausgleich im WM-Viertelfinale – beide gegen die Schweiz. (Fotos: dpa/picture alliance)Gustav Jaenecke (links, in einem Foto von 1947) glich das EM-Finale 1930 aus, Leon Gawanke erzielte 2021 den Ausgleich im WM-Viertelfinale – beide gegen die Schweiz. (Fotos: dpa/picture alliance)
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Gleich die Premiere war ein „Knaller“. 1930 fand zum ersten Mal eine Weltmeisterschaft statt. Also mehr oder weniger. Eine Angabe mit einem Sternchen für eine Erklärung. Und einem zweiten Sternchen für noch eine Erklärung – die folgt dann am Ende dieses Textes mit einer aus deutscher Sicht bemerkenswerten Anekdote. Also, Sternchen Nummer 1: 1930 fand für die Zeitgenossen tatsächlich die erste WM statt. Rückblickend hatte die International Icehockey Federation, die bis 1957 auf den französischen Namen „Ligue Internationale de Hockey sur Glace“, also LIHG, hörte, die Eishockey-Turniere der Olympischen Spiele von 1920, 1924 und 1928 zu den ersten Weltmeisterschaften erklärt und wertet sie auch heute noch so. Das war und ist würdig und recht, da diese Turniere die ersten Titelkämpfe auf Weltniveau waren.

Europameister und Vizeweltmeister 1930

1930 jedenfalls, egal ob dies nun die erste oder vierte WM war, war Deutschland ein Titelfavorit. Künftig würde die WM die bisher ausgetragenen Europameisterschaftsturniere ersetzen – das beste europäische WM-Team wurde noch lange als Europameister geehrt. Bis 1991, um genau zu sein. Und tatsächlich begann die WM von 1930 als EM. Der Europameister sollte schließlich gegen Kanada um den Titel des Weltmeisters spielen. Die deutsche Mannschaft erreichte dabei nicht nur das EM-Finale – sie gewann es sogar. Mit 2:1 gegen die Schweiz. Nach Rückstand. Ein wenig also wie 2021 beim Viertelfinale in Riga. Albert Geromini brachte die „Eisgenossen“, die damals wohl noch nicht so genannt wurden, mit 1:0 in Führung. Gustav Jaenecke, die erste große Ikone des deutschen Eishockeysports, glich aus, ehe Erich Römer den Siegtreffer erzielte. Deutschland war also Europameister. Tags darauf trat das deutsche Team, erneut in Berlin, gegen Kanada an – und musste sich mit 1:6 geschlagen geben. Rudi Ball – ebenfalls Mitglied der IIHF Hall of Fame und ein bedeutender Spieler der deutschen Eishockey-Geschichte – erzielte schließlich den Ehrentreffer. Und damit war die deutsche Mannschaft auch Vizeweltmeister.

Die Farce von 1953 bringt erneut Silber

Dieses Kunststück wiederholt die deutsche Mannschaft 1953 – was damals aber kein allzu großes Husarenstück war. Lediglich vier Mannschaften waren in diesem Jahr bereit, um den Titel zu spielen. Und als die Mannschaft der Tschechoslowakei nach dem Tod von Staatspräsident Klement Gottwald auch noch abreiste und aus der Wertung genommen wurde, war die Farce komplett. Deutschland wurde im Dreierfeld Vizeweltmeister hinter Schweden und – sorry, liebe Schweizer – vor den „Eisgenossen“. Bis heute ist dies der letzte Medaillengewinn für eine deutsche Nationalmannschaft bei einer Eishockey-A-Weltmeisterschaft der Herren. 1932 (das war auch gleichzeitig das olympische Eishockey-Turnier) und 1934 kamen noch zwei Bronzemedaillen hinzu.

Das war’s. Ende im Gelände. Das sind die WM-Medaillen, die eine Eishockey-Nationalmannschaft bislang gewonnen hat.

Die gewonnenen LIHG-Meisterschaften von 1912 und 1913

Jaaaa, also – fast.

Denn nun kommen wir zum zweiten „Erklärungssternchen“ für die Frage, wann erstmals eine Eishockey-WM stattgefunden hat. Denn schon in den Jahren 1912 bis 1914 gab es Turniere, die die Zeitgenossen als Weltmeisterschaft bezeichnet haben. Heute sind sie unter der Bezeichnung „LIHG-Meisterschaft“ in den Eishockey-Statistiken zu finden. Und folgen wir den damaligen Spielern, Zuschauern und Zeitungsjournalisten und bleiben bei der Bezeichnung Weltmeisterschaft, dann – und hier möge bitte ein Tusch eingespielt werden – ist Deutschland zweimaliger Eishockey-Weltmeister!

Nun irgendwie inoffiziell eben.

Die Entstehung der LIHG-Meisterschaft ist ein wenig skurril und erinnert an Streitigkeiten, die dieser Sport auch heute noch immer wieder hervorbringt. Animositäten zwischen den Machern der frühen Eishockey-Europameisterschaft und dieser „WM“ waren von gegenseitigen Boykotten begleitet. Bei der LIHG-Meisterschaft ging damals weitgehend die Mannschaft des Berliner Schlittschuh-Clubs an den Start. Dass ein Meister sein Land bei einer WM vertritt, ist im frühen Eishockey kein fremder Gedanke. Kanada machte das beispielsweise auch nach dem 2. Weltkrieg noch einige Zeit lang so.

So lief es 1912

1912 landete die deutsche Mannschaft bei der ersten LIHG-Meisterschaft vor Kanada, das von einer Studentenmannschaft repräsentiert wurde, die sich aus in England, genauer Oxford studierenden Kanadiern zusammensetze. Dritter wurde Belgien (vertreten von einem Brüsseler Verein), Frankreich (Paris) und der Schweiz, die als einziger Teilnehmer ein Auswahlteam ins Rennen schickte. 1913 wiederholten die Deutschen das Kunststück, 1914 wurde Deutschland, also zum dritten Mal der BSC, Zweiter. Die Bedeutung des Turniers, das bei seiner dritten Austragung auch als Coupe de Chamonix gewertet wurde, nahm drastisch ab, sodass es nach dem 1. Weltkrieg nicht wieder aufgenommen wurde. Weil auch ausländische Spieler der teilnehmenden und ihre Länder vertretenden Clubs mitmachen durften, wurden diese Turniere wohl nie von der modernen IIHF als WM-Turniere anerkannt – daher also LIHG-Meisterschaften.

Was sagt uns nun dieser Ausflug in die Geschichte des frühen Eishockeys – und der Autor gibt gerne dabei zu, ein Eishockey-„Nerd“ zu sein: Es ist verflixt lange her, dass Deutschland eine WM-Medaille gewonnen hat. Und es wäre tatsächlich sporthistorisch, wenn dies im Jahr 2021 in Riga gelingen würde. Und Bundestrainer Toni Söderholm sprach ja nach dem Sieg gegen die Schweiz davon, dass bei diesem WM-Turnier noch ein neues Kapitel aufgeschlagen werden soll.

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