Von der Metzgerei zurück zum EishockeySender trifft Christof Kreutzer – Hockeyweb-Sommergespräch Teil III

Christof Kreutzer mit dem Meisterpokal: 1985/86 wurde der heutige DEL2-Trainer mit der DEG Deutscher Juniorenmeister. (Foto: privat)Christof Kreutzer mit dem Meisterpokal: 1985/86 wurde der heutige DEL2-Trainer mit der DEG Deutscher Juniorenmeister. (Foto: privat)
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Herr Kreutzer, wie sind Sie zum Eishockey gekommen?

Meine Eltern haben früher die Bewirtung im Eisstadion an der Brehmstraße geführt. Dadurch war ich oft auf dem Eis und habe mir das Schlittschuhlaufen selber beigebracht. Als ich fünf Jahre alt war, sagte mein Vater: „Jetzt müssen wir den Jungen mal zum Eishockey schicken!“ Ich war von dem Sport sofort infiziert.

Ihre Eltern haben Sie also gefördert und unterstützt?

Ohne die Unterstützung der Eltern geht es nicht. Der Sport ist schließlich mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden. Die Trainingszeiten sind aufgrund der Eiszeiten manchmal zur Mittagszeit. Mein Vater hat mich oft in seiner Arbeitspause mit dem Firmenbus von der Schule abgeholt und ich habe mir in der dunklen Ladefläche die Hockeyklamotten übergestülpt. Am Stadion hat er dann nur die Tür aufgemacht und ich bin schnell raus zum Training, danach meist noch auf der Straße gezockt bis ich nach Hause musste. Meine Eltern haben mich so gut wie möglich unterstützt, aber sie brauchten mich nie zum Eishockey treiben. Im Gegenteil: Ich war nach dem ersten Training sofort eishockeysüchtig und das ist bis heute so geblieben. Oft wollen Eltern ihre Kinder in eine bestimmte Sportart zwingen, das bringt nichts. Nur wenn ein Kind den unbedingten Willen hat eine Sportart zu treiben, kann es sich entsprechend entwickeln.

Und wenn ein junger Spieler mal Motivationsschwierigkeiten hat – sollte man ihm dann nicht unter die Arme greifen und sagen: „Auch wenn du heute mal keine Lust hast, bring ich dich zum Training“?

Man muss den Kindern selbstverständlich Disziplin beibringen, klar. Das Training macht nicht immer gleich viel Spaß. Konditionstraining ist anstrengend und bringt nicht jedem Freude, ist aber eine notwendige Grundlage. Das muss man den Kindern erklären und sie gelegentlich zur Übungseinheit schleppen. Wenn das Kind jedoch dauerhaft Lustlosigkeit zeigt, wird es schwierig.

Der Ausstieg aus dem regelmäßigen Sport geschieht oft in der Pubertät. Hatten sie gelegentlich mit Lustlosigkeit zu kämpfen? Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte immer Bock. Früher war das Freizeitangebot nicht so breit gefächert. Die Kinder haben heute eine riesige Auswahl an Beschäftigung, insbesondere durch den Computer. Ich vermisse die Straßenkultur. Wir haben uns oft vor dem Training getroffen und auf Asphalt Hockey gespielt. Das sehe ich heute fast gar nicht mehr. Später als ich älter wurde und es mit Mädels anfing, mussten die Freundinnen zuschauen – egal ob beim Training oder beim Streethockey. Und wenn eine nicht zuschauen wollte, dann war es halt nicht die Richtige...

Das selbstorganisierte Training hat eine überaus positive Wirkung auf die kindliche und jugendliche Entwicklung.

Richtig, da kann man einfach so spielen, wie es einem grad gefällt und Dinge ausprobieren, die man im Vereinstraining nicht darf. Und trotzdem ist dabei Disziplin zu bewahren – man muss mit den anderen klarkommen. Das ist eine ganz besondere Schule des Miteinander. Auch auf der Straße will jeder gewinnen, der Wettkampf ist stets gegeben. Es wurde an jeder Ecke – auf Parkplätzen, Schul- und Hinterhöfen - Hockey gespielt. Da wurden Straßenmeisterschaften organisiert. Weil es das mittlerweile kaum gibt, fällt ein wichtiger Bestandteil der sportlichen und sozialen Entwicklung einfach weg.

Sie sind ein DEG-Urgestein. Ihr Leben ist ohne den Verein gar nicht vorstellbar. Sie haben alle Nachwuchsklassen durchlaufen. Später waren Sie im Profibereich Spieler, Trainer und Sportdirektor. Solch treuen Seelen gibt es im Sport nur noch selten. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Auf der einen Seite ist es schade. Wenn du als kleiner Junge anfängst Hockey zu spielen, ist es dein Traum irgendwann in der ersten Mannschaft zu spielen. Der Sprung nach oben ist schwer und oft nur über Umwege zu schaffen. Ich musste mich zwei Jahre unterklassig beweisen. Das war für mich letztlich der richtige Weg. Dann wurde ich zurückgeholt und habe zehn wunderbare Jahre als Spieler für meinen Herzensverein gespielt. Das war ein Traum, keine Frage. Bei meinem Bruder Daniel war es ähnlich. Er musste erst vier Jahre in Kassel spielen bis er nach Düsseldorf zurückkehrte. Wir waren dem Verein stets treu. Das ist nicht alltäglich. Es muss vieles zusammenpassen. Nehmen wir Philip Gogulla*: Er hat als gebürtiger Düsseldorfer zig Jahre in Köln gespielt und sich bei den Haien einen besonderen Status erarbeitet. Plötzlich passierte irgendwas, was nicht passt – was auch immer das ist – und so wechselt er nun nach Düsseldorf. Sport ist sehr schnelllebig. Heute hast du Erfolg und wirst hochgejubelt. Wenn es dann aber mal nicht läuft, wird dein Verdienst schnell vergessen und du bist plötzlich nicht mehr gut genug.

*Anmerkung des Verfassers: Philip Gogulla spielte von 2004 bis 2018 in Köln 13 Spielzeiten mit einer einjährigen AHL-Unterbrechung in Portland. Für die Haie absolvierte der 30jährige Stürmer inklusive Playoffs 740 DEL-Spiele und scorte 489 Punkte (davon 183 Tore).

Ist der Sport schnelllebiger geworden?

Es wurde früher versucht den Stamm der Mannschaft zusammenzuhalten. Ich habe mit einigen Leuten über Jahre zusammengespielt. Mit Helmut de Raaf z.B. habe ich beinahe meine gesamte Spielerkarriere verbracht. Auch die Sache mit den Importspielern war eine andere. Es durften nur zwei Ausländerlizenzen vergeben werden. Die Jungs, die kamen, die blieben auch. Peter John Lee oder Chris Valentine waren praktisch Düsseldorfer. Die wurden von anderen Vereinen in Ruhe gelassen, sie gehörten zur DEG. Heute ist es schon eine große Ausnahme, wenn ein Ausländer drei Jahre bei einem Club bleibt.

Ihr Bruder Daniel Kreutzer ist weiterhin bei der DEG beschäftigt. Kürzlich wurde bekannt, dass er das Scouting leiten und Mitglied der sportlichen Leitung wird. Sie sind zwölf Jahre älter als er. Wie ist ihr Verhältnis zueinander?

Er ist der kleine Bruder. Meine Schwester ist eineinhalb Jahre älter als ich und wir haben uns um Daniel viel gekümmert. Wir haben ihn mit aufgezogen. Unsere Eltern waren sehr beschäftigt durch die Gastronomie an der Brehmstraße. Es war also nie ein Verhältnis wie bei Brüdern, die zwei, drei Jahre auseinander sind.

Haben Sie Daniel dann mit ins Eisstadion genommen?

Klar. Ich habe ihm das Eislaufen beigebracht. Der hat schon früh darauf gebrannt aufs Eis zu gehen wie sein großer Bruder. Als er drei war, ging er schon mit und war pausenlos mit seinen Schlittschuhen unterwegs, hat jede Eiszeit genutzt, die er kriegen konnte und Daniel hat auch viel auf der Straße Hockey gespielt. Es gab immer nur Eishockey für ihn. Mit 15 Jahren durfte er schon mit der ersten Mannschaften bei Hans Zach damals trainieren. Hans sah, dass er den nötigen Biss hat.

Welche Trainer haben Sie auf ihrem Weg zum Profi besonders beeinflusst?

In der Jugendzeit waren das vor allem Hans Kasper und Rollie van Hauten. Die Söhne der beiden haben in meiner Mannschaft gespielt. Später in der Zweiten Liga hat mir Schorsch Kink, der Vater von Marcus Kink (Stürmer der Adler Mannheim, Anm. d. Verf.) sehr geholfen. Er war in seiner Karriere selber Verteidiger gewesen und gab mir wertvolle Ratschläge, um im Männerhockey anzukommen und hart genug zu werden.

Haben Sie neben Eishockey einen Beruf gelernt?

Nach der Schulzeit absolvierte ich mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Metzger. Als Eishockeyspieler weißt du nie, was auf dich zukommt. Auf die Sportkarriere darfst du nie zu 100% setzen. Die Ausbildung war hart für mich: Um fünf Uhr aufstehen, um sechs war Arbeitsbeginn. Zwischen fünf und sechs am Nachmittag war ich an der Eishalle. Otto Schneitberger war damals Trainer der Profis. Der kam meist um sechs und sagte mir spontan, ob ich mittrainieren darf oder nicht. Manchmal wartete ich umsonst. In 90% der Fälle durfte ich mittrainieren. Dann musste es schnell gehen, denn um Viertel nach sechs war Trainingsbeginn. Es folgte ein 90minütiges Training mit der ersten Mannschaft, dann eine Stunde Pause und abschließend ein, zwei Stunden Juniorentraining. Um elf war ich im Bett. Am nächsten Tag musste ich wieder um fünf in der Früh raus. Das war hart!

Sie haben es trotzdem mitgemacht.

Du brauchst ein Ziel vor Augen und das Ganze muss dir Spaß machen, sonst läuft das nicht. Für mich war das nie eine Frage. Ich erhielt die Chance bei den Profis mitzutrainieren. Nichts anderes wollte ich mehr. Mein Chef hat mich dabei unterstützt, aber mir nichts geschenkt. Ich bekam frei, wenn ich Spiele hatte, musste aber die Arbeitsstunden nachholen oder vorarbeiten. Im Sommer war ich mehr im Betrieb, im Winter mehr auf dem Eis.

Im Profibereich war Hans Zach jahrelang ihr Lehrmeister.

Ja, Hans hat mich einen Großteil meiner Karriere begleitet. Er ist ein harter und konsequenter Trainer. Dabei ist er aber menschlich und gerecht. Er kann sich sich gut in sein Gegenüber hineinversetzen. Wir hatten bei der DEG in den 90ern eine schlagkräftige Truppe und Hans hatte das nötige Händchen um uns zu leiten.

Besteht noch Kontakt zu Hans Zach?

Der Kontakt ist nie abgebrochen. Bevor ich Düsseldorf als Headcoach übernahm, war ich bei ihm in Bad Tölz und wir haben uns intensiv über meine Situation unterhalten. Er hat mir viele Tipps auf den Weg mitgegeben. 2015 wurde ich „zum Düsseldorfer des Jahres“ im Bereich Sport gewählt. Hans hielt die Laudatio, das war eine große Überraschung für mich. Ich hatte ja nichts geahnt. Und so ist der Kontakt stets geblieben. Ohne ihn wäre ich sicher nicht so weit gekommen.

Als Spieler waren Sie sehr erfolgreich mit der DEG: fünf deutsche Meisterschaften! Was waren ihre Stärken und Schwächen auf dem Eis?

Schwächen? Wie Schwächen? (lacht) Ich hätte sicher schneller sein können. Schlittschuhläuferisch war es okay, ich hätte mir mehr Speed gewünscht. Ich war ein typischer Defensivverteidiger und wurde oft in Unterzahl gebracht. Mein langjähriger Mitspieler und Freund Robert Sterflinger und ich waren für das Grobe zuständig – Schüsse blocken, hart in den Ecken, bisschen unsauber spielen. Heute dürfte ich das nicht mehr machen, was ich alles gemacht hab. In der zweiten Liga war ich einer der offensivstärksten Verteidiger, aber die erste Liga ist etwas anderes. Du kriegst eine gewisse Rolle für die Mannschaft. Der Torjäger ist genauso wichtig wie der Schussblocker oder wie auch immer. Durch Hans Zach bin ich in die defensive Rolle gekommen, wo er meine Stärke gesehen hat. An der Perfektion dieser Rolle habe ich dann gearbeitet und damit war ich erfolgreich.

Hans Zach war ein Trainer der grundsätzlich wert auf die Defensive gelegt hat. Die typische Zach-Taktik war: alle fünf Mann hinten rein. Das war nicht immer einfach für die Zuschauer...

Eines seiner wichtigsten Credos war: Druck ist keine Garantie für einen Sieg. Es kommt häufig vor, dass eine Mannschaft im Spiel gefühlte 100mal aufs Tor schießt und am Ende gewinnen die anderen. Die Defensivarbeit war Hans sehr wichtig. Das war sicher nicht immer ansehnlich. Die Zuschauer wollen natürlich Tore sehen. Hans hat in vielen Dingen recht behalten, sonst hätte er nicht diese Erfolge gefeiert. Eishockey hat sich mit den Jahren verändert, ist schneller geworden. Die Spielertypen oder -rollen sind gleich geblieben. Mir ist es als Trainer wichtig, dass jeder einzelne die Disziplin hat mit zurückzuarbeiten – auch der Torjäger.

Sie haben mit 30 Jahren ihre aktive Laufbahn früh beendet. Was haben Sie im direkten Anschluss an ihre Spielerkarriere gemacht?

Mein Vater wollte unbedingt, dass ich in die Firma einsteige und habe dann im Reastaurant-Management gearbeitet. Der Kontakt zum Eishockey ist in dieser Zeit aber nie verloren gegangen. Im Nachwuchs war ich als Trainer tätig, hab meine Trainerscheine gemacht. Die Zeit in der Firma war lehrreich, aber im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich in der Gastronomie nie meine Berufung sah. Die Lust auf Eishockey war deutlich größer. Es war stets eine große Sehnsucht in mir. Nach rund zehn Jahren in diesem Beruf haben wir 2007 die Firma aufgegeben und ich bin wieder komplett ins Eishockey eingestiegen. Mit dem DEG-Nachwuchs bin ich in die DNL aufgestiegen und zusätzlich hab ich die zweite Mannschaft in der Regionalliga trainiert. Einige Jungs von damals haben sich im Profieishockey etabliert.

Zum Beispiel?

Daniel Fischbuch, Manuel Strodel, Matthias Niederberger, Tim Schüle, Marko Nowak, Felix Bick. Auch Jannik Woidtke war bei mir im Nachwuchs und jetzt treffen wir uns in Bad Nauheim in der DEL2 wieder. Auch Marcel Kahle, den wir nun von den Iserlohn Roosters verpflichtet haben, war bei mir in der DNL. So kreuzen sich die Wege.

Michael Sender


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