U18 WM: Was fehlt den Deutschen im Vergleich mit der Weltklasse

Continental-Cup-Finale in UngarnContinental-Cup-Finale in Ungarn
Lesedauer: ca. 4 Minuten

In Teil 2 der Nachbetrachtung der U18 WM geht es um den deutschen

Nachwuchs. Was fehlt den Deutschen Nachwuchsspielern im Vergleich mit

der Weltklasse, welche Talente haben die größten Perspektiven?


Was fehlt den Deutschen Nachwuchsspielern im Vergleich mit der Weltklasse?

Immer wieder suche ich nach Gründen wieso die Deutschen Spieler

schlechter sind als diejenigen der Top-8-Nationen. Fakt ist, dass die

Deutschen im Durchschnitt einen deutlich tieferen „Skill-Level“

(Talentniveau) aufweisen als die Weltklassejunioren. Sie haben in der

Regel „hölzerne Hände“ und auch schlittschuhlauftechnisch weisen sie

grössere Defizite auf. Sie werden durch „Powerskater“ aus Nordamerika

und/oder durch die kleinen aber feinen Körpertäuschungen der Russen

regelmässig überfordert. Die Scheibenkontrolle ist zu bemängeln wie

auch die Schusstechnik. Die mangelnde Scheibenkontrolle führt dazu,

dass kaum je ein Deutscher eine 1:1-Offensivaktion für sich entscheiden

und/oder dadurch Sekundenbruchteile und dadurch Optionen gewinnen kann.

Zudem beherrscht kaum ein junger Deutscher Spieler den im Eishockey

immer wichtiger werdenden Direktschuss. Verstehen Sie mich bitte nicht

falsch, dieses harte Urteil ist nur gerechtfertigt wenn ich mit der

absoluten Weltklasse vergleiche. Falls wir uns damit zufrieden geben,

die Schweizer und die Oesterreicher zu besiegen dann muss ich meine

Aussagen selbstverständlich relativieren; aber besser zu sein als die

Nachbarn kann ja wohl nicht das langfristige Ziel sein.

Was ist zu tun?

Meiner Meinung nach muss in der Ausbildung wesentlich mehr Gewicht auf

die „Skillsentwicklung“ gelegt werden. Uebungen, ja sogar Drills nach

alter Sowjetischer Schule betreffend Stocktechnik sind gefragt. Zudem

muss auf die Kraftentwicklung in den Beinen geachtet werden. Vor allem

Beine, Hüfte und Rumpf, weniger im Oberkörper. „Legmuscles are for

hockey, the upper body is for the beach…“. Zudem ist es aus meiner

Sicht angebracht, die Jugendtrainer anzuweisen, offensives, aggressives

Tempohockey zu praktizieren. Nur in diesem Umfeld werden Spieler

entwickelt. Mit defensivem „Trapping“ und Steuerspiel erzielt man zwar

Resultate aber man produziert keine Spieler!

Lassen wir uns von den Ausnahmeerscheinungen wie Sturm, Hecht, Ehrhoff

, Goc und Seidenberg nicht blenden. Das Durchschnittsniveau im

Deutschen Junioreneishockey ist im Weltklassevergleich schwach. Nur die

Wahrheit ist würdevoll und nur die Wahrheit bringt das Deutsche

Eishockey nach vorne.

Die Deutschen Spieler des Jahrgang 87:

Philippe Gogulla, Kölner Haie, hat bestätigt, dass er der erste

Deutsche Spieler sein könnte, der im nächsten Draft gezogen wird. Ich

gebe ihm gutes „Midround-Potenzial“. Der frühe Favorit Christoph Gawlik

(Eisbären Berlin) musste leider verletzungsbedingt auf die U18-WM

verzichten. Seine für die NHL (zu) knappe Körpergrösse hat gepaart mit

seinen bedeutenden Verletzungen (Schulter und Bein) in dieser Saison

auf sein Draftranking gedrückt. Er ist und bleibt aber eine so genannte

„Wildcard“ für den Draft. Ich mag den (zu) kleinen aber furchtlosen

Gawlik sehr, sein Zug aufs Tor hat schon fast Nordamerikanischen

Zuschnitt und mit seinen kräftigen Beinen und seinem tiefen Schwerpunkt

erinnert er mich an einen Feuerhydrant. Zudem kämpft er wie ein

Pit-Bull und sein Skill-Level ist selbst im internationalen Vergleich

OK. Für seinen abrasiven Spielstil bezahlt er aber einen hohen Preis.

Seine häufigen Verletzungen sind vielleicht nicht nur Pech.


Trotzdem: Ich gönne Christoph Gawlik eine lange, erfolgreiche Karriere.

Philippe Gogulla hat das Potenzial zum so genannten Powerforward. Er

hat einen NHL-Körper und wenn er mal in Bewegung ist, ist er schwer zu

stoppen, sein Skating ist kraftvoll. Gogulla ist eine Macht entlang der

Bande und im Infight und zeigt auch eine gewisse Spielübersicht. Sein

Schlagschuss ist auch nicht von schlechten Eltern. Er muss aber noch an

seiner Beschleunigung aus dem Stand arbeiten und auch mit dem Scoring

bin ich noch nicht zufrieden. Seine Hand-Skills sind zwar OK aber

sicher auch noch verbesserungswürdig.


Der wohl „smarteste“ Deutsche Spieler mit dem Jahrgang 87 ist aber

Felix Schütz. Sein Skating ist gut bis sogar sehr gut, seine

Beschleunigung vom zweiten in den dritten Gang ist exzellent und Schütz

ist immer in Bewegung. Er verhält sich sehr clever entlang der Bande

und ist auch durch körperlich überlegene Gegner schwer zu stoppen.

Felix Schütz ist der frühe Favorit für die Deutsche Draftliste 2006.

2006 wegen seinem späten Geburtstag, d.h. Schütz geht erst ein Jahr

später in den NHL-Draft als Gawlik und Gogulla. Zwei weitere Stürmer

mit Aussenseiterchancen für eine NHL-Karriere sind Sandro Schönberger

und Thomas Pihlmaier. Beide haben gewisse offensive Fähigkeiten auch

wenn ich bei Schönberger die letzte Konsequenz vor dem Tor vermisse und

ich mit der Entwicklung von Pihlmaier in den letzten 12 Monaten nicht

so ganz zufrieden bin.


Verteidiger? Ja, ein Spieler steht bei mir ziemlich hoch im Kurs: Es

ist Florian Ondruschka aus Selb, ein Spieler zwar ohne herausragende

Stärken aber auch ohne nennenswerte Schwäche. Er spielt clever und

beständig, trifft meistens die richtigen Entscheidungen auf dem Eis und

ist schwer zu schlagen in 1:1-Situationen. Er setzt den Körper gut ein

und kann das Spiel gut lesen. Andererseits muss er noch an seiner

Schusstechnik arbeiten.

In den nächsten Tagen werden wir die Nachbetrachtung des Turniers mit

einer ausführlichen Analyse der deutschen Mannschaft, Geschehnissen am

Rande und einer Betrachtung der Top-Prospects fortsetzen. Zudem werden

wir Thomas Roosts "Puck Dreams - der steinige Weg in die Big League,

die NHL" vorstellen.


Teil1: "Nachbetrachtung der Junioren U18-WM in Pilsen und Budweis" lesen...

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