Saison-Fazit der Bayreuth Tigers – Aus dem Tal der Tränen zum Team der StundeDrei Punkte fehlten zu den Pre-Playoffs

Petri Kujala hat seinen Vertrag verlängert.  (Foto: Karo Vögel/Bayreuth Tigers)Petri Kujala hat seinen Vertrag verlängert. (Foto: Karo Vögel/Bayreuth Tigers)
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Der typisch finnisch-nervenstarke Coach der Vorsaison, Petri Kujala, sollte auch für die Spielzeit 2019/2020 die Zügel des Handelns im Tigerkäfig in der Hand behalten. Schmerzlich Abschied nehmen musste man hingegen vom langjährigen Kapitän Jozef Potac, der nach 9 Jahren am Roten Main die Schlittschuhe an den Nagel hing. Die Kaderplanung der Tigers fing zu Beginn der Sommerpause schnell an, Formen anzunehmen. Das Torhüter-Duo, bestehend aus Timo Herden und Brett Jaeger, sollte den Job der Spielverderber für die gegnerischen Stürmer innehalten. Mit den finnischen Kontingentstürmern Ville Järveläinen und Juuso Rajala konnten zudem zwei ganz wichtige Säulen der Mannschaft gehalten werden, die in der Vorsaison zusammen 99 Scorerpunkte beitragen konnten. Insgesamt umfasste das Team von Petri Kujala im April 2019 bereits 16 Spieler mit unterzeichneten, gültigen Arbeitspapieren. Bei einer gut funktionierenden Mannschaft ist es zur Förderung des Zusammenspiels, Erzeugen von blindem Verständnis und Vertrauensaufbau der Mannschafts-Mitglieder sicher eine gute Idee, den Stamm zu halten und mit fehlenden Puzzlestücken zu ergänzen. Wenn man die vergangene Saison jedoch erst in letzter Sekunde retten konnte, wäre auch ein ratsamer Ansatz gewesen, einen Umbruch, das Umbesetzen der Protagonisten auf dem Eis geschehen zu lassen. Die Verantwortlichen sowie der Trainer vertrauten dem Großteil des Personals und fütterten zur Komplettierung der Mannschaft teils gestandene, namhafte und erfahrene Spieler wie beispielsweise Martin Davidek (zuletzt Dresdner Eislöwen) oder auch Tyler Gron (zuletzt Kassel Huskies, EC Bad Tölz) zu.

Der Saisonstart sollte den Entscheidungsträgern Recht geben! Nach dem ersten Punktspiel-Wochenende befand man sich mit fünf Zählern punktgleich mit dem EV Landshut auf den Plätzen 1 und 2. Vor allem der starke Ville Järveläinen, der an besagtem Wochenende vier Scorerpunkte erzielen konnte, leitete die Auftakt-Siege bei den Eispiraten Crimmitschau (3:6) und zu Hause gegen die Tölzer Löwen (3:2 n.V.) ein und sorgte für ein erstes Ausrufezeichen an die Liga vom Roten Main. Bestätigen konnten die Tigers diese Leistung im Laufe der kommenden Spiele jedoch nicht. In Folge gingen ganze acht Mal ohne Erfolgserlebnis die Kontrahenten als Sieger vom Eis und schickten das Team von Petri Kujala schnell und radikal ans Tabellenende, was zu einer öffentlichen Stellungnahme des Geschäftsführers Matthias Wendel führte. Mit klaren Worten führte dieser an, dass man mit der Art und Weise, wie sich die Tigers verkauften, ganz und gar nicht zufrieden war und deutliche Worte an das Team richtete sowie das Sondieren des Spielermarktes ankündigte.

Diese Ankündigung machte man am Roten Main mit der Verpflichtung einer weiteren wichtigen Personalie wahr. Von den Maine Mariners aus der ECHL kam der US-Amerikaner Drew Melanson, der im restlichen Verlauf der Vorrunde 32 Scorerpunkte (29 Spiele) beisteuerte und vor allem beim fulminanten 10:7-Erfolg über die Frankfurter Löwen mit drei Toren und drei Vorlagen seine Sternstunde im Trikot der Tigers hatte.

Die Rote Laterne sollten die Oberfranken den Großteil der Vorrunde in ihrem Besitz halten. Bis zum 45. Spieltag gelang es nie eine Siegesserie zu starten, die man dringend benötigt hätte, um den Anschluss an die Pre-Playoffs nicht zu verlieren. Erst an besagtem 07. Februar, kurz nach einer weiteren namhaften und im Rest der Saison sehr wichtigen Verpflichtung, stieg man zum „Team der Stunde“ auf. Vom Norwegischen Erstligisten Storhamar gelang es, den erfahrenen 33-jährigen US-Boy Kurt Davis (acht Scorerpunkte in acht Spielen), der auf mehrere erfolgreiche Jahre im europäischen Eishockey zurückblicken kann, zu verpflichten.  Diese Personalentscheidung leitete die sieben Spiele anhaltende Siegesserie der Tigers ein, in denen man nicht nur die oben in der Tabelle platzierten Kassel Huskies und Heilbronner Falken, sondern auch den Doppelspieltag gegen die Dresdner Eislöwen sowie einen äußerst beeindruckenden 7:2-Erfolg beim ESV Kaufbeuren vor dem alles entscheidenden 52. Spieltag einfahren konnte. Mit dieser Aneinanderreihung von Erfolgserlebnissen sicherten sich die Oberfranken nicht nur Platz 11, sondern durften mit gebündeltem Selbstvertrauen in das „Finalspiel“ um die Pre-Playoffs im Fernduell gegen die Dresdner Eislöwen (Platz 9, 2 Punkte voraus) und den ESV Kaufbeuren (Platz 10, 1 Punkt voraus) starten. Das Schöne am schnellsten Mannschaftssport der Welt ist, dass er seine eigenen Gesetze schreibt, zum Leidwesen der Tigers aber keine Playoffs für die Jungs vom Roten Main vorsah. Beide Konkurrenten um die begehrten Pre-Playoff Plätze konnten ihre Entscheidungsspiele für sich entscheiden, was die Tür ohnehin zuschlug. Abgerundet wurde das Ganze jedoch mit der Niederlage vor heimischen Fans gegen die machbare Aufgabe der Eispiraten Crimmitschau, die bereits gesetzt für die Playdowns waren.  

Gegen genau diese Eispiraten Crimmitschau erlebte man an diesem Tag auch das meistbesuchte Saisonspiel. 3.134 Zuschauer fanden den Weg ins Bayreuther Kunsteisstadion; eine Zahl, die man bei den Oberfranken nicht allzu oft vermelden durfte, da man sich in den meisten Spielen vor 1500-1900 Fans präsentierte. Mit einem Schnitt von 1770 Zuschauern findet man sich im Vergleich zu den anderen Standorten der DEL2 weiter unten wieder, wenngleich man im Vergleich zum Vorjahr (1612 Zuschauer im Schnitt) eine Steigerung des Interesses am Eishockeysport in der rund 75000 Einwohner-Stadt feststellen konnte.

Solche Besucherzahlen sind selbstverständlich, wie überall in der Sportwelt, vom Erfolg des Klubs abhängig. Die Bayreuth Tigers gehörten nicht zu den Vereinen, die man im Kampf um die Playoff-Plätze zwingend auf dem Zettel haben musste. Am Ende stand, wie auch auf der Heim- und Gasttabelle, Platz 12 mit insgesamt 70 Punkten unterm Strich. Etwas ungewöhnlich für diese Platzierung war die Tor-Differenz zu lesen. Mit 183 erzielten sowie ebenfalls 183 kassierten Gegentoren lag diese auf einer schwarz geschriebenen 0!

Nur vier Mannschaften waren in der abgelaufenen Saison in der Lage den gegnerischen Torhüter öfter zu überwinden, was einen sofort zu den Namen Juso Rajala, Tyler Gron oder Ville Järveläinen erinnerte. Mit 16 Toren und 50 Torvorlagen (66 Scorerpunkte) war der 31-jährige Finne Juso Rajala nicht nur mannschaftsinterner Topscorer, sondern auch in der Liga bereits auf Platz 9 zu finden. Nicht viel weiter unten befanden der Tyler Gron mit 29 Toren und 31 Torvorlagen (60 Scorerpunkte) und Ville Järveläinen mit 29 Toren und 27 Torvorlagen (56 Scorerpunkte). Insgesamt von den Zahlen her eine Offensive, die man eher bei den Mannschaften der oberen Tabellenregionen erwartete – was nahelegen würde, dass die Defensive das Problem der Oberfranken war.

Doch so einfach ist es im speziellen Fall der Tigers eben nicht. Mit 183 Gegentoren steht man in der abgelaufenen Saison ebenfalls nicht auf einem Playdown-Platz (Platz 9 im Ligavergleich). Ausschlaggebend hierfür waren vor allem mehr oder weniger zweitligaerfahrene Verteidiger wie Tomas Schmidt und Henry Martens, die im Laufe ihrer Karriere schon des Öfteren unter Beweis stellen konnten, dass sie wissen, wie man den Laden hinten sauber halten konnte. Besagter Tomas Schmidt konnte zusammen mit dem Schweden Simon Karlsson zudem einen großen Beitrag fürs Offensivspiel beisteuern: Stolze 73 Torbeteiligungen gingen über die Schlägerkellen der beiden Verteidiger, was den Wert der Jungs als die Offensive ankurbelnde Verteidiger noch unterstrich.

Hinter dieser Defensivabteilung fand sich das aus der Saison 2018/2019 bewährte Torhüter-Duo, bestehend aus Brett Jaeger und Timo Herden, die sich die Spielzeit in der abgelaufenen Saison fast fair teilten. Unterm Strich stand Timo Herden nur etwa 2,5 Spiele mehr im Gehäuse als sein Partner Brett Jaeger. Im Eishockey spricht man ab 90% von einer „guten“ Fangquote – Ein Wert, den Beide nicht ganz erreichen konnten, jedoch auch nicht weit davon entfernt lagen. Mit 88,29% (Timo Herden) sowieo 89,55% (Brett Jaeger) kann man von soliden Werten und einer vernünftigen Saison, in der beide Protagonisten auch ihre herausragenden Spiele zeigten, auf der Torwartposition sprechen.

Auch bei den Special-Teams fand man die von Petri Kujala gecoachte Truppe nicht erst im Tabellenkeller. Mit einer addierten Effektivität von 100,8% bewegte man sich im Mittelmaß der Liga, was vor allem an einer gut funktionierenden Powerplay-Quote lag. Mit 21,3% brauchte man weniger als fünf Überzahlmöglichkeiten, um die Torsirene erklingen zu lassen. Jedoch gelang es den Tigers im Umkehrschluss genauso, nicht dem Gegner bei numerischer Unterzahl in ähnlichem Größenmaß diese zu verwehren. Begünstigt durch eine mit lediglich 620 Strafminuten sehr disziplinierte Saison musste man glücklicherweise aber auch nicht zu oft auf die Kühlbox. Mit 79,5% im Penalty Killing befand man sich im Ligen-Vergleich dennoch auf Platz 7. Das spiegelte den Roten Faden, der sich durch die Statistikwelt der DEL2 zog und Bayreuth nicht in den Playdowns sah, wider.

Die Oberfranken spielten als einer der Außenseiter eine erwartungsgemäße Spielzeit. Nach einem Start aus dem Lehrbuch durchlebte man direkt die erste langanhaltende Talfahrt, die der Euphorie des Saisonstarts einen jähen Abbruch erteilte. Die Verantwortlichen reagierten zu den richtigen Zeitpunkten und bewiesen ein gutes Händchen bei den Nachverpflichtungen, wodurch sie ihren Teil zum Aufschwung der Bayreuth Tigers beitragen konnten. Leider dauerte es zu lang, bis die Mannschaft von Petri Kujala richtig ins Rollen kam und so war nach einer starken Phase mit sieben Siegen in Folge kurz vor Erreichen der Pre-Playoffs das Saisonende bereits erreicht. Schaut man sich die nackten Zahlen an, so kann man nur schwer nachvollziehen, warum die Bayern unterm Strich der Playoffs landeten. In fast allen relevanten Bereichen der Zahlenerfassung befand man sich stetig im Mittelfeld, wenn nicht sogar unter den Besten der Liga. In den am Ende wegen des Corona-Virus nicht stattgefundenen Playdowns wäre man auf die Eispiraten Crimmitschau getroffen. Auch wenn man genau gegen diese das Entscheidungsspiel um den Einzug in die Playoffs verlor, so hätte man sich in bestehender Form keinesfalls verstecken müssen und mit breiter Brust in die Serie starten können. Vermutlich hätte es sportlich für die Oberfranken gereicht und der Klassenerhalt wäre durchaus schon in Runde eins möglich gewesen; doch all das ist aus angegebenem Anlass nur noch Spekulation.  

Die kommende Saison der Oberfranken befindet sich momentan auf noch nicht absehbarem Kurs. Klar ist, dass Petri Kujala den Platz an der Bande im Tigerkäfig behalten wird und in seine dritte Saison bei den Oberfranken startet. Auf das aus Brett Jaeger und Timo Herden bestehende Torwart-Duo verlässt man sich eine dritte Spielzeit wohl auch teilweise, unterschrieben ist aber noch nichts.  Die Verantwortlichen starteten mit den Personalentscheidungen gut gerüstet in die Sommerpause und es bleibt abzuwarten, welche Spieler die Mannschaft noch verlassen, verlängern oder neu zum Team stoßen werden. Leitet man nach den bereits gebundenen Spielern den Umbruch ein und geht neue Wege, oder probiert man es auch in der kommenden Saison mit dem Stamm, der zum Ende der Hauptrunde die DEL2 aufzumischen wusste? Man darf gespannt sein.