Köpfe der Clubs: Matthias Broda (Dresdner Eislöwen)Hockeyweb hautnah

Matthias BrodaMatthias Broda
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Wir stellen Matthias Broda, den rastlosen Geschäftsführer der Dresdner Eislöwen vor und sprechen mit ihm über Club, Liga und Entwicklung des deutschen Eishockeys:


Steckbrief
Alter:    48 Jahre

Geburtsort:    Lutherstadt Eisleben

Familie:    geschieden, 1 Tochter (23 Jahre), 2 Söhne (10, 7 Jahre), Single!

Beruf:    Kfz-Schlosser, Ergotherapeut, Fahrlehrer, Meister für Transport und Betriebstechnik

Tätigkeit:    Geschäftsführer der Dresdner Eislöwen
(Betriebsgesellschaft ESCD Dresden mbH)

Hockeyweb: Herr Broda, wie kamen Sie zum Eishockey? Haben Sie selbst einmal gespielt?

Broda: „Zum Eishockey kam ich 1987. Da habe ich in Weißwasser gelebt und ein Freiluft-Spiel vor etwa 10.000 Besuchern zwischen Weißwasser und Ost-Berlin gesehen – das hat mich total begeistert. So wurde ich ein Fan dieses Sports. Eishockey gespielt habe ich aber nie; ich war Boxer. Allerdings durfte ich damals nicht auf die Sportschule, weil meine beiden Brüder sogenannte Republikflüchtlinge waren. So war meine Sportkarriere schnell zuende.“

Hockeyweb: Sind Ihre Kinder denn auch vom Eishockey-Virus infiziert? Sind Sie ein Eishockey-Papa?

Broda: „Ja, meine beiden Söhne spielen aktiv in Weißwasser. Mal sehen, wie lange die Freude bei ihnen anhält, und solange sollen sie auch spielen.“

Hockeyweb: Sie haben eine bewegte berufliche Vergangenheit. Was hat Sie denn zu Ihrem Geschäftsführer-Engagement in Dresden geführt?

Broda: „Es begann Ende der 90er Jahre mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit in Weißwasser, was dann dort zum Beruf wurde. Dann hatte ich ein paar Jahre gar nichts mit Eishockey zu tun, bis ich 2008 die Chance bekam, das Marketing in Bad Nauheim zu übernehmen. Ein Jahr später wurde ich dann Geschäftsführer bei den Dresdner Eislöwen. Die wollten mich schon seit mehreren Jahren haben, und jetzt passte das Angebot.“

Hockeyweb: Wieviele Mitarbeiter unterstützen Sie, und wie sieht die Aufgabenteilung aus?

Broda: „Außer mir haben wir noch zwei Festangestellte: Kathrin Wittig führt die Geschäftsstelle, und Andreas Rautert ist für Öffentlichkeitsarbeit und Ticketing verantwortlich. Ansonsten arbeiten wir mit Praktikanten und Ehrenamtlichen, die uns tatkräftig unterstützen.“

Hockeyweb: Das heißt, Sie selbst sind sowohl für Sponsoring, die Finanzen und das Sportliche zuständig? Außerdem treten Sie ja auch bei den Auswärtsspielen als enthusiastischer Radio-Kommentator in Erscheinung...

Broda: „Das stimmt [lacht]. Jetzt wissen Sie, warum ich Single bin. Unser Sparkurs macht eben nicht bei der Mannschaft halt. Wir können nur als Team erfolgreich sein; und jeder unserer Mitarbeiter muß diesen Gedanken auch leben.“

Hockeyweb: Wie ist das Selbstverständnis der Eislöwen, welche Philosophie verfolgen Sie?

Broda: „Blau-weiße Leidenschaft – das ist unser Motto. Die Leute sollen sehen, daß es brennt auf dem Eis, und daß es in uns brennt, das leben wir vor. Und das sieht man auch bei unseren Fans, die die Mannschaft immer phänomenal unterstützen. Außerdem arbeiten wir daran, in fünf bis sechs Jahren regelmäßig Spieler aus unserem eigenen Nachwuchs in die Mannschaft einbauen zu können. Dafür finanzieren wir u.a. mit André Dietzsch auch den sportlichen Leiter für die Nachwuchsarbeit unseres Vereins mit. Insofern nehmen wir auch unsere soziale Verantwortung in der Stadt wahr.“

Hockeyweb: Können Sie das näher erläutern?

Broda: „Nun, wir wollen hier die Grundlagen für Leistungssport legen. Dazu bedingt es einer Breite in den jungen Jahrgängen, um nach oben hin die nötige Qualität entwickeln zu können. Das halten wir nicht nur langfristig für sportlich notwendig, sondern sehen dies auch unter dem Aspekt unserer sozialen Verantwortung gegenüber der Jugend in Dresden. Zudem arbeiten wir viel mit unseren Fans zusammen. Auch das ist uns wichtig.“

Hockeyweb: Welche Rolle spielen die Eislöwen in Stadt und Region?

Broda: „Neben Dynamo [Fußball, d. Red.], den DSC-Volleyball-Damen und den Dresden Monarchs [American Football, d. Red.] sind wir das sportliche Aushängeschild, von den Zuschauerzahlen sogar die Nummer Zwei, hinter dem Fußball. Und wir wollen ein Sympathieträger sein, in der Stadt und für die Stadt, sowie ein verläßlicher Partner. So werden wir inzwischen auch wahrgenommen, und davon profitieren wir langsam, aber stetig.“

Hockeyweb: Welche Entwicklungsperspektive haben die Eislöwen? Wo wollen Sie in 5 Jahren stehen?


Broda: „Nun, zunächst müssen wir weiterhin unsere Schulden abbauen. Diese haben wir mittlerweile nur noch bei der Stadt, und darüber gibt es eine langfristige Vereinbarung, die wir auch gut erfüllen können. Sportlich wollen wir uns in vier bis fünf Jahren im oberen Tabellendrittel der Liga festsetzen und dann mehr und mehr eigene Nachwuchsspieler in die Mannschaft einbauen. Zudem wollen wir Eishockey weiter zu einer Dresdner Marke machen, den Zuschauerschnitt anheben und so wiederum eine solide wirtschaftliche Basis schaffen. Wir haben eine eigene Philosophie entwickelt, die es umzusetzen gilt. Dazu gehört Nachhaltigkeit als oberste Priorität, also nicht kurzfristig zu denken, sondern ein Langzeitziel zu verfolgen. Weiterhin müssen wir den Zusammenhalt fördern, denn nur gemeinsam ist es uns möglich, den Eishockeysport am Leben zu erhalten. Wir wollen und müssen unsere Marke leben, blau-weiße Leidenschaft vermitteln. Dazu gehört auch Teamgeist, ohne den es nun einmal nicht geht. Effektives Einsetzen der zur Verfügung stehenden Mittel ist ein hohes Ziel, denn wir haben keine Ressourcen zu verschenken. Und deshalb müssen wir sportliche Rückschläge, wie aktuell, wegstecken. Schließlich suchen wir nicht den kurzfristigen Erfolg, sondern wollen und hier langfristig etwas aufbauen!“

Hockeyweb: Sie betonen oft den Verein. Ist dieser denn an der Betriebsgesellschaft ESCD Dresden mbH, die den Spielbetrieb der Eislöwen beherbergt, beteiligt?

Broda: „Ja, das ist er, zwar nur mit 7%, aber es gibt ein großes Einvernehmen und eine gute Zusammenarbeit. Im übrigen teilen sich ein Sponsor und vier private Gesellschafter die Anteile der GmbH.“

Hockeyweb: Wo wir nun schon beim Wirtschaftlichen sind, mit welchem Etat und Zuschauerzahlen planen Sie denn für diese Saison?

Broda: „Unser Etat liegt zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Euro. Dafür kalkulieren wir mit 2.300 Zuschauern. Beachten muß man dabei aber auch, daß wir in Dresden zwar eine gute Infrastruktur haben, diese aber auch teuer bezahlen müssen: die Mieten und Pachten, die wir entrichten, sind meines Wissens die höchsten in unserer Liga. Deshalb können wir uns auch keine großen Sprünge bei der Kaderzusammenstellung leisten, wo wir auf eine starke Spitze setzen müssen, die dann in der Breite ergänzt wird. Insofern bringt es nicht viel, allein die Etathöhen der Zweitligaclubs miteinander zu vergleichen, denn was letztlich in diese absolute Zahl einfließt, ist sehr unterschiedlich und damit wenig aussagekräftig.“

Hockeyweb: Jetzt müssen wir zum Themenkomplex des neuen Kooperationsvertrags zwischen Deutschem Eishockey-Bund (DEB) und Deutscher Eishockey-Liga (DEL) kommen. Da steht die 2. Liga derzeit als großer Verlierer da, oder?

Broda: „Das stimmt. Wir hätten direkt mit der DEL verhandeln müssen, doch wähnten wir unsere Interessen vom DEB gut vertreten – das erwies sich als Irrtum. Ich bin vom DEB maßlos enttäuscht: Er ist viel zu schwach; es sind doch sogar die Landesverbände stärker. Der DEB muß für eine durchgängige Ligenstruktur sorgen, von oben nach unten: DEL, eingleisige 2. Liga, zwei Oberligen... Hierfür steht er in der Verantwortung. Sehen Sie, man muß auch absteigen können, ohne ins Bodenlose zu fallen. Für einen Ost- oder gar Nord-Club wäre das bei der derzeitigen Ligenstruktur aber das Ende. So sind in der Oberliga keine Gesellschaften spielberechtigt und müßten so zwangsweise liquidiert werden. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein, denn wir haben die GmbH ja geschaffen, um das wirtschaftliche Risiko vom Stammverein auszulagern.“

Hockeyweb: Wie sollte es nun weitergehen?

Broda: „Die Bundesliga ist ein gutes Produkt. Allerdings haben wir eine schlechte Kommunikation nach außen. Der Marke fehlt es an Profil, und die Außendarstellung ist dem Produkt nicht angemessen. In Sachen Ligenvermarktung ist seit dem Asstel-Ausstieg nichts mehr passiert, und es fehlt eine Kommunikationsstrategie. Als wohl sichtbarste Beispiele für einen Außenstehenden seien hier die ESBG-Homepage und die fehlenden Aktivitäten in den sozialen Netzwerken genannt. Hier sind Experten gefragt, die jahrelange Versäumnisse in kürzester Zeit aufarbeiten sollen und müssen. Wir brauchen jetzt einen starken Geschäftsführer, einen Strategen und Marketingmann, der die Marke weiter aufbaut und entsprechend verkauft: Wir brauchen eine richtige Positionierung, einen Namen, müssen ins Fernsehen und brauchen auch wieder einen Ligensponsor. Das sollte in deutlicher Trennung vom DEB geschehen, in einer eigenen Geschäftsstelle und mit zusätzlichem Personal. Dazu müssen wir alle ein bischen mehr Geld in die Hand nehmen, doch das wird sich dann auszahlen. – So schnell wie möglich!“

Hockeyweb: Durch die Aufkündigung jedweder Kooperation mit der DEL entfällt nun auch die Förderlizenzregelung für junge Spieler in der Bundesliga. Das schadet vor allem der Nachwuchsarbeit, sagen Kritiker. Das verhindert Wettbewerbsverzerrungen, sagen die Anderen. Welche Ansicht vertreten Sie?

Broda: „Ich meine, das sollte so bleiben, wie es jetzt ist. Ich sehe das für uns auch als Chance, weil sich junge Spieler genau überlegen müssen, ob sie sich in der DEL auf die Bank setzen, oder sich in der Bundesliga weiterentwickeln wollen. Allerdings haben einige Zweitligisten den vereinbarten DEL-Boykott ja ‚geschickt’ ausgehebelt und Spieler ausgeliehen. Ganz schlimm ist dann, sich noch damit zu brüsten, dass der DEL-Club den Spieler bezahlt. Wenn man vereinbart hat, keine direkte oder indirekte Kooperation mit DEL-Clubs zu pflegen, sollte man sich auch daran halten. Aber mit der Einigkeit in der ESBG ist es nicht weit her; Viele sehen nur die eigenen kurzfristigen Interessen und schauen nicht über den Tellerrand. Das ist schade, aber wohl nicht zu ändern.“

Hockeyweb: Abschließend noch kurz zum Sportlichen: Die Eislöwen sind nach gutem Start jetzt nach unten durchgereicht worden. Was ist passiert?

Broda: „Wir sind seit Saisonbeginn von Verletzungen gebeutelt worden. Zeitweise hatten wir nicht mal zwei komplette Reihen zur Verfügung. Das sind Nachteile in jedem Spiel und kostet zudem auf Dauer auch dem Team Substanz. Allerdings haben wir noch keine eigenen Nachwuchsspieler, auf die wir in solchen Situationen zurückgreifen können. Und wir geben nur so viel Geld aus, wie wir zur Verfügung haben. Für neue Spieler, wie kürzlich für Harry Lange, brauchen wir neue Sponsoren.“

Hockeyweb: Wie ist unter diesem Eindruck Ihre sportliche Zielsetzung für die Saison?

Broda: „Wir wollen und müssen den Abstieg auf jeden Fall vermeiden!“
Hockeyweb: Herr Broda, wir danken Ihnen für das offene und ausführliche Gespräch!