Hüttl: „An der DEL hätte der DEB beteiligt sein müssen“DEB-Vizepräsident Manuel Hüttl im Interview (Teil 3)

Manuel Hüttl, Vizepräsident des DEB.Manuel Hüttl, Vizepräsident des DEB.
Lesedauer: ca. 8 Minuten

Hockeyweb: Herr Hüttl, die jetzige Auseinandersetzung um die Zukunft der 2. Liga mag durch persönliche Animositäten einiger Akteure befördert sein, doch hat sie ihre Ursache in vielfältigen, insbesondere strukturellen Problemen des deutschen Eishockeys, die zum Teil seit Jahren vor sich hin schwelen. Welche Versäumnisse des DEB sehen Sie in diesem Zusammenhang?

Hüttl: „Das Kernproblem liegt in der Konstitution der DEL (Deutsche Eishockey-Liga) und wurde bereits im Jahre 1994 gemacht. Es war ein historischer Fehler des Verbandes, das Verhältnis zur Liga lediglich über einen Kooperationsvertrag zu regeln und keinerlei Einfluss auf die Geschicke von innen heraus nehmen zu können. Das ist im übrigen deutlich anders als in anderen Sportarten geregelt. Da hat der DEB damals seine gesamten Einflussmöglichkeiten preisgegeben. Nun ist man bei jedem neuen Vertragsschluss auf einen Verhandlungskonsens angewiesen, der, wie in der Verzahnungsfrage, Einstimmigkeit der DEL-Clubs voraussetzt. Aus meiner persönlichen Sicht war auch die Gründung der ESBG (Eishockey Spielbetriebs-GmbH) ein Fehler, weil die Vermischung von Vereins- und Gesellschaftsrecht eine unglaubliche rechtliche Komplexität nach sich zieht und am Ende in Streitfragen oftmals vor öffentlichen Gerichten endet. Und drittens muss man natürlich fragen, ob der letzte Kooperationsvertrag mit der DEL im Jahre 2011 besser hätte verhandelt werden können. Wir im Präsidium meinen: nein! Auch Herr Graue [1. Vorsitzender der Starbulls Rosenheim, d. Red.], der bei den damaligen Verhandlungen anwesend war, sagte damals: 'Mehr wäre nicht gegangen!' Ein Fehler war aber sicher, die Erwartungshaltung im Hinblick auf die Verzahnungsregelung im Sinne eines direkten Auf-und Abstiegs damals nicht deutlich gedämpft zu haben. Am Ende war das Verhandlungsergebnis „nur“ die Relegation - mit all dem müssen wir heute leben.“

Hockeyweb: Unter dem Dach des DEB steht heute aber auch kein „bestelltes Haus“. Allein die Oberligastruktur scheint eine ewige Baustelle zu bleiben. Wie wollen Sie „oben“ gestalten, wenn die Basis „unten“ krankt?

Hüttl: „Zunächst gibt es Satzungen und Regelungen, die Bestand haben; damit muss man leben und kann sie aufgrund des Verbandsrechts nur schrittweise verändern. Insgesamt besteht aber im deutschen Eishockey bei allen Beteiligten, von ganz oben bis nach unten, nur eine begrenzte Bereitschaft, vom Eigenen etwas zu geben, um dem Ganzen zu dienen. Das hat mich schon oft wirklich frustriert. Wobei ich alle individuellen Gründe auf allen Ebenen durchaus verstehe, macht es die Gestaltung einfach auch schwierig. Das funktioniert auf einer Vertrauensbasis - und hier gebührt unserem Präsidenten Uwe Harnos ein ganz großer Verdienst, diese insbesondere mit den Landesverbänden und Vereinen in jahrelanger Arbeit wieder hergestellt zu haben. Nur deshalb werden wir doch auch in den heutigen Auseinandersetzungen von einer so großen Mehrheit unserer Mitglieder gestärkt und getragen.“

Hockeyweb: Dann müsste Ihnen eine einheitliche Oberligastruktur leicht von der Hand gehen...?

Hüttl: „Also in diesem Jahr bekommen wir die Oberliga Nord unter das Dach des DEB. Und im nächsten Jahr planen wir mit den beiden noch verbleibenden Ligen, Ost und West. Ab 2014 besteht damit die Möglichkeit einer einheitlichen Durchführung – so das Ziel. Aber auch das war nur mit viel Überzeugungsarbeit und Vertrauen möglich sowie mit der Erarbeitung von Übergangslösungen und letztlich mit der Verabschiedung von Satzungsänderungen auf verschiedenen Ebenen.“

Hockeyweb: Nehmen wir ein konkretes Problem: seit zwei Jahren zahlen die hessischen Zuschauermagneten aus Bad Nauheim, Frankfurt und Kassel dreifache Verbandsabgaben: in Hessen, im organisierenden Verband Nordrhein-Westfalen und für die Endrunde an den DEB. Das ist doch eine Himmel schreiende Wettbewerbsverzerrung für diese Clubs, die auch jetzt im dritten Jahr so bleiben wird. Kann da der DEB nicht mit gutem Beispiel vorangehen und sagen, 'ok, wir verzichten auf zwei Drittel unseres Abgabenanspruchs, wenn Ihr beiden Landesverbände das auch tut'?

Hüttl: „Das können wir von niemandem verlangen. Auch hier müssen wir uns an Satzungen und Regeln halten. Diese zu verändern, daran arbeiten wir.“

Hockeyweb: ...Im dritten Jahr hintereinander. Das ist aber eine laue Antwort...

Hüttl: „Wenn wir die Oberliga West haben, ist dieses Thema erledigt.“

Hockeyweb: Kann es sein, dass die vertrauensbildenden Maßnahmen in den Landesverbänden auf Kosten des nötigen Einigungsdrucks gehen?

Hüttl: „Nein, denn sonst wären Veränderungen gar nicht möglich."

Hockeyweb: Die (infra-) strukturellen Voraussetzungen des Nordens und Ostens sind  ein anderes Problem. Wie begegnen Sie diesen?

Hüttl: „Zunächst gilt auch hier: die Bedingungen sind, wie sie sind. Und Änderungen brauchen Zeit, um zu wirken. Die Integration der Oberliga unter dem Dach des DEB ist ein erster Schritt. Die Verzahnung mit einer 2. Bundesliga kann für eine weitere Niveau-Verbesserung sorgen. Wir sehen doch, dass die Eishockeylandkarte in Deutschland ein unterschiedliches Leistungsniveau bringt. Dann muss im Norden halt einfach mehr getan werden. Dann gilt es, möglichst viele Kinder für unseren Sport zu gewinnen - Hamburg ist da derzeit ein gutes Beispiel, dass das funktioniert. Dann müssen wir die LEV (Landeseissportverbände) dafür sensibilisieren und dabei unterstützen, die Ausbildung der Kinder und Trainer professioneller und leistungsorientierter zu gestalten. Die Ergebnisse werden wir aber erst in etwa zehn Jahren sehen. Das ist ein Prozess, aber die derzeitige Situation im deutschen Eishockey ist so wie sie ist.“

Hockeyweb: Die infrastrukturellen Voraussetzungen werden dadurch aber auch nicht besser. Im Norden und Osten kann man eben nicht mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn zum Auswärtsspiel fahren, wie vielleicht im Süden oder Westen...

Hüttl: „Gut, dass Sie es ansprechen: Wir haben im letzten Jahr zusammen mit unserem Projektpartner BAM das Programm 'Eishallen für Deutschland' aufgelegt, um energetisch und damit auch betriebskosten-optimierte Trainingshallen in Deutschland zu schaffen und den Bau mit attraktiven Mietmodellen verbunden. Damit können wir auch Eisflächen in Räume tragen, wo es zur Zeit noch gar keine gibt.“

Hockeyweb: Und kennt jemand schon dieses Programm?

Hüttl: „Aber ja: Das Programm steht in unserem Zukunftskonzept 2018, wurde im Rahmen des letzten Deutschland-Cups auf einem Symposion vorgestellt. Alle Vereine wurden darüber informiert und in Hamburg und in Freising werden erste Hallen nach diesem Modell entstehen. An anderen Standorten laufen schon entsprechende Planungen.“

Hockeyweb: Nun gut. Vielleicht tut sich ja so tatsächlich etwas in der Zukunft. Aber machen wir es wieder an einem praktischen Beispiel fest: wenn Bremerhaven im letzten Jahr in die Oberliga Nord abgestiegen wäre...?

Hüttl: „...dann wäre der sportlichen Qualifikation Rechnung getragen worden! Es tut mir leid, aber wenn ein Club - noch dazu mit diesem Spielerkader - es nicht schafft, sich für die Liga zu qualifizieren, dann muss er eben den Weg nach unten antreten. Dann muss man seinen Etat an die neue Liga anpassen, so wie es im Sport nun mal ist. Sonst sind der Willkür doch wieder Tür und Tor geöffnet und jeder beansprucht für sich, seine Liga aussuchen zu dürfen. Das hat dann nichts mit Juristerei zu tun, sondern mit Sport. Genau das hätte der Oberliga Nord doch auch gut tun können. In diesem Jahr sind zwei Hannoveraner Vereine dazugestoßen - was könnte das jetzt plötzlich für eine Liga sein...“

Hockeyweb: In Eishockey-Deutschland möchte aber nicht nur selten jemand absteigen, es steigt auch selten ein sportlich qualifizierter Club auf. Ich bin mir nahezu sicher: im wirtschaftlichen Auf- und Abstieg war im letzten Jahrzehnt mehr Betrieb, als im sportlichen, und zwar auf allen Ebenen. Wie wollen Sie künftig die sportliche Verzahnung wirtschaftlich ermöglichen?

Hüttl: „So wie es keine Abstiegsweigerung geben darf, darf es auch keine Aufstiegsweigerung geben. Da müssen dann Ausgleichszahlungen fällig oder Rückstufen durchgesetzt werden. Anders sieht es aus, wenn die Lizenzierungsanforderungen nicht erfüllt werden. Insofern ist das natürlich auch ein schwieriges Thema, das vom DEB zentral schwer zu lösen ist. Ich gebe Ihnen aber Recht: Auch hierzu muss es künftig einheitliche verbindliche Regelungen geben.“

Hockeyweb: Über den deutschen Eishockey-Nachwuchs und sein scheinbar in Stein gemeißeltes Fahrstuhl-Dasein zu sprechen, wäre allein ein Seiten füllendes Thema...

Hüttl: „...das sollten Sie mit unserem neuen Sportdirektor machen! Pat Cortina obliegt es zuallererst, die Nachwuchsarbeit neu zu strukturieren und personell auf die neuen Anforderungen bedarfsgerecht aufzustellen.“

Hockeyweb: Von außen betrachtet wirkt das deutsche Eishockey wie ein Flickenteppich: Jahr für Jahr wird irgendwo gewerkelt und gestritten, ohne dass dabei eine rosarote Zukunft am Horizont winkt. Fehlt Ihnen möglicherweise eine große Vision vom Eishockey, mit der es dann auch leichter fallen würde, die einzelnen Akteure für eine gemeinsame Zukunft und freiwilliges Geben eigener Pfründe zu begeistern?

Hüttl: „Ich gebe Ihnen Recht in der Notwendigkeit einer solchen Vision. Mit der Agenda 2018, unserem Zukunftskonzept, haben wir aber eine solche. Die wurde vor der WM 2012 geschrieben und direkt nach der WM vorgestellt. Dafür sind wir dann teilweise sofort gescholten worden, andere meinten, wir hätten es irgendwo abgeschrieben. Inhaltlich richtet es sich an unsere Verpflichtungen, die unser sportliche Direktor Michael Pfuhl und unser Generalsekretär Franz Reindl im Vierjahreszyklus abstimmen. Es beinhaltet aber auch die Themen Vermarktung und Medien, sowie insbesondere strukturelle Felder.“

Hockeyweb: Leider kennt die kaum jemand. Und selbst auf Ihrer Webseite war sie bis gestern nicht zu finden. Also der große Wurf schien das nicht zu sein. Aber Sie sprechen immer davon, „das deutsche Eishockey unter einem Dach zu vereinen“. Das ist ein großer Anspruch unter den zuvor skizzierten Strukturproblemen. Wie wollen Sie den erreichen?

Hüttl: „Diese Vision hat kein Zeitfenster, verdeutlicht aber die Zielrichtung unseres Tuns. Die 2014 abgeschlossene Oberligareform, die Integration der 2. Bundesliga unter dem Dach des DEB und die in weiterer Zukunft möglicherweise auf der Grundlage eines vernünftigen Miteinanders zu findende Lösung der beschriebenen DEL-Problematik sind folgerichtige Steps auf diesem Wege. Daran arbeiten wir. Und daran halten wir fest.“


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