„Eishockey muss kommerzieller werden“Sender trifft Christof Kreutzer – Das Hockeyweb-Sommergespräch, Teil II

Von Angesicht zu Angesicht: Christof Kreutzer (links), der neue Trainer des EC Bad Nauheim, im Gespräch mit Hockeyweb-Mitarbeiter Michael Sender. (Foto: Michael Sender)Von Angesicht zu Angesicht: Christof Kreutzer (links), der neue Trainer des EC Bad Nauheim, im Gespräch mit Hockeyweb-Mitarbeiter Michael Sender. (Foto: Michael Sender)
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Herr Kreutzer, vor Ihrem Amtsantritt in Bad Nauheim verbrachten Sie ein Jahr fernab des Eishockeygeschäfts. Zwar standen Sie bei der Düsseldorfer EG unter Vertrag, allerdings ohne Aufgabe. Wie war das?

Die bezahlte Pause war ein unfreiwilliger Luxus und hat mir sehr gutgetan. Ich habe aufgetankt. Dreieinhalb Jahre stand ich nur unter Strom: Trainer und Sportlicher Leiter – zwei Jobs, kein Urlaub – das ging an meine Substanz. Jetzt bin ich wieder fit, habe meinen Körper aufgebaut. Endlich wieder selber Sport getrieben, das war in der ganzen Zeit bei der DEG nicht möglich. Halb sieben morgens war ich im Stadion und um neun am Abend ging ich aus der Geschäftsstelle. Das war mein Alltag. Nach so einem Tag fehlt die Kraft fürs Fitnessstudio. Ich hab's gelegentlich versucht. Das freie Jahr war ein Genuss. Besonders am Anfang habe ich gemerkt, wie leer mein Akku war. Ich habe in den letzten Monaten Luft geholt und bin jetzt voller Tatendrang.

In ihrem freien Jahr hatten Sie auch mehr Zeit für ihre Frau...

Richtig! Der Job geht sonst immer vor, das weiß Sie auch. Ich muss als Trainer immer Vollgas geben. Wir sind seit 26 Jahren verheiratet und hatten zuvor nie so viel Zeit füreinander wie in der vergangenen Saison. Diese Situation war neu für uns und sehr erfrischend. Meine Frau und meine beiden erwachsenen Töchter sind das Wichtigste in meinem Leben. Sie haben mir über die Enttäuschung hinweggeholfen. Aber ich kann auch nicht die ganze Zeit zu Hause sein. Meine Frau sagte irgendwann zu mir: „Wird mal Zeit, dass du wieder arbeitest.“

Ich habe gelesen, dass Sie sich in den zurückliegenden Monaten weitergebildet haben. In welche Richtung?

Ich war oft in der Red-Bull-Akademie in Salzburg, wo mein Freund und ehemaliger Mitspieler Helmut de Raaf arbeitet. Es ist gigantisch, was die Jungs da auf die Beine stellen. Die Besuche waren sehr lehrreich. Im Fußball habe ich mich mit Friedhelm Funkel (Trainer Fortuna Düsseldorf, Anm. d. Verf.) über Trainingsmethoden ausgetauscht, auch mit Physiotherapeuten und Fitnesstrainern aus anderen Sportarten. Die neuen Erkenntnisse kann ich jetzt in meine Arbeit im Eishockey einbinden.

Während Ihrer Pause waren Sie auch Scout der deutschen Nationalmannschaft. Wie kam es dazu?

Ich habe zu Marco Sturm ein sehr gutes Verhältnis. Er meinte, ich könne ihm helfen, indem ich Spieler für ihn beobachte und einschätze. Ich ließ mich auf diese ehrenamtliche Tätigkeit gerne ein – es ist eine Ehre, für Deutschland zu arbeiten, und es macht Spaß! Marco kann ja nicht überall sein. Ich habe mir die Olympia-Kandidaten von der Tribüne aus angeschaut und dem Bundestrainer dann Rückmeldung gegeben.

Kennen Sie Marco Sturm schon länger?

Als Marco 2015 Bundestrainer wurde, stattete er jedem DEL-Standort einen Antrittsbesuch ab. Er besuchte uns in Düsseldorf. Mein damaliger Co-Trainer Tobi Abstreiter kennt ihn seit seiner gemeinsamen Jugendzeit in Landshut. Beim Besuch hatten wir ein sehr gutes Gespräch. Im Anschluss war ich Co-Trainer beim Deutschland-Cup, Tobi Abstreiter Videocoach. Nach dem Turnier einigten wir uns darauf, dass ich mich komplett auf Düsseldorf konzentriere. Ich war in der Doppelfunktion als Cheftrainer und Sportlicher Leiter sehr eingespannt. Tobi machte beim DEB weiter.

Die DEB-Auswahl gewann Olympia-Silber. Wo steht das deutsche Eishockey auch im Vergleich mit der Schweiz als Vize-Weltmeister?

Die Silbermedaille bei Olympia war sensationell, eine unfassbare Leistung. Ein tolles Turnier, da hat alles gepasst. Ich ziehe meinen Hut! Insgesamt sind die Schweizer aber viel reifer als wir – vor allem aufgrund der besseren Jugendarbeit. Von der Masse her müssten wir eigentlich weiter sein. Unsere Nachbarn packen die Sache richtig an, Eishockey hat dort einen deutlich höheren Stellenwert. In Deutschland gibt es ja nur Fußball. Nach Fußball kommt erstmal Fußball und dann kommt Fußball. Und danach kommt nochmal Fußball. Das ist schade und daran leidet jede andere Sportart. In der Schweiz kursiert mehr Geld im Eishockey, es wird in den Nachwuchs investiert.

Entsprechend verdienen die Trainer Geld und damit Anerkennung.

In der Schweiz sind schon bei den jüngsten Nachwuchsklassen Toptrainer beschäftigt. Sie werden ansprechend bezahlt. Bei uns sind es oft 450 Euro-Jobs und die Trainer können sich nur nebenbei mit dem Sport beschäftigen. Sie sind dadurch sehr beschränkt. Ich will damit nicht ihre Arbeit schlechtreden, aber sie müssen sich ihren Lebensunterhalt anderweitig verdienen. An dieser halbherzigen Lösung finde ich keinen Gefallen. Exzellente hauptamtliche Trainer sind die Basis einer funktionierenden Jugendarbeit. Die Red-Bull-Akademie in Salzburg ist in dieser Hinsicht ein deutsch-österreichisches Vorzeigeprojekt. Red Bull ist bei vielen Fans verschrien. Aber das Unternehmen packt dieses Projekt mit voller Begeisterung an und hebt den Sport auf eine höhere Stufe. In der Schweiz gibt es etliche Nachwuchsakademien, das ist dort ganz normal. Zudem sind die Zweitligamannschaften echte Farmteams. Junge Spieler erhalten Spielpraxis auf Topniveau. Dazu ist in Deutschland niemand bereit. Hier kocht jeder sein eigenes Süppchen und niemand will dem anderen etwas gönnen.

Wünschen Sie sich den Eishockeysport kommerzieller?

Definitiv! Fußball fischt im Sportgeschäft das ganze Geld weg. Jede andere Sportart braucht eine bessere Grundlage, um besser zu werden. Der deutsche Fußball kann nur so stark sein, weil Geld vorhanden ist. Damit einhergehend ist die mediale Präsenz. Das wird niemand mehr aufholen können. Sponsoren wollen ihr Produkt vermarkten und sehen im Fußball als Marktführer ihr Glück. Aber was ist mit der wunderbaren restlichen Sportwelt? Sport ist so facettenreich. Man müsste eine landesweite Regelung zur breiteren Unterstützung des Sports beschließen. Mein Vorschlag wäre 20 Prozent der Einnahmen aus dem Fußballsponsoring den etwaigen Sportarten abzuführen. Alle müssen die Chance erhalten, gefördert zu werden, nicht nur der Riese. Stattdessen werden Fußballspiele aus der vierten Liga live im TV übertragen. Das ist nicht fair.

Gehen wir mal weg vom Sport. Wie sehen Sie das Leben in Deutschland gesellschaftlich und politisch?

Ich lebe sehr gerne in Deutschland. Wenn wir klagen, dann auf einem hohen Niveau. Das muss uns bewusst sein, egal was momentan in der Welt passiert. Klar hat jeder seine Meinung zu gewissen Dingen. Wir brauchen Vertrauen in die Politik und die handelnden Menschen. Ich glaube, dass unsere Politiker das Vertrauen verspielt haben, weil sie ihre Meinungen schnell kippen und Versprechen nicht einhalten. Sie bringen nichts Konkretes auf den Punkt. Der Bürger will die ganzen Ausweichungen nicht mehr hören. Als Trainer muss ich jeden Tag entscheiden – das stellt sich im Nachhinein als richtig oder falsch heraus. Auch zu falschen Entscheidungen muss man stehen. Als Politiker hast du natürlich eine größere Verantwortung. Da habe ich vor unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel größten Respekt, wie sie sich seit Jahren im Dschungel der politischen Welt fortbewegt und besonders außenpolitisch einen hohen Stellenwert bewahrt. Sie hat Deutschland stark gemacht. Man kann über unsere Bundeskanzlerin denken, was man möchte, aber sie muss schon ein unglaubliches breites Kreuz haben. Sie hat nicht immer richtig entschieden, keine Frage. Immer richtige Entscheidungen zu treffen, ist aber auch nicht machbar. Insgesamt ist Deutschland ein tolles Land mit einer tollen Entwicklung. Unsere Demokratie und Meinungsfreiheit sind vorbildlich. Vielleicht sind wir Deutschen manchmal zu offen für alles.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel habe ich kein Verständnis dafür, dass man mit Verbrechern, Vergewaltigern oder Kinderschändern human umgeht. Für mich ist das größte Verbrechen, einem Kind etwas anzutun – zu schänden, zu vergewaltigen oder dergleichen. Ein Kinderschänder muss sein Leben lang hinter Schloss und Riegel. Für solche Taten gibt es keine Entschuldigung. Ein Kind muss geschützt werden. Wer ein solches Wesen missbraucht, funktioniert nicht mehr. Da hilft keine Therapie. Unsere Gesetze sind zu lasch. Wenn eine solche Tat bewiesen ist, gibt es nur lebenslängliche Haft ohne jegliche Ausnahme wie Freigang. Entschuldigungen wie „der Täter hatte eine schlechte Kindheit“ haben da nichts zu suchen. Die Chance der Wiederholung ist zu groß.

Wie sehen Sie die zunehmende Technisierung?

Generell sollten wir uns vor der Technik nicht verschließen. Vielleicht sind wir in gewissen Entwicklungen zu schnell. An so einem Handy muss man dranbleiben, um es auch immer verstehen zu können. Meine Mutter kann telefonieren, aber das Smartphone macht sie nicht mit. Diese Technologie geht an älteren Menschen oft vorbei. Und weil das alles so schnell passiert, geschehen Sachen wie Hackerangriffe, weil die Technologie noch nicht so ausgereift ist. Dann haben wir angreifbare Gegenstände im Alltag. Das betrifft auch den Datenschutz. Erst im Nachhinein werden wir sehen, was wir da eröffnet haben. Jeder will von der technologischen Entwicklung profitieren, denkt sich Start-Ups und Apps aus und geht damit ein riskantes Geschäft für die Menschheit ein. Was das alles anrichten wird, weiß noch niemand so genau.

Haben Sie eigentlich ihren Sinn des Lebens schon gefunden?

Das Leben geht nicht immer nach oben, sondern es gibt zahlreiche Aufs und Abs. Durch Niederlagen habe ich sehr viel gelernt. Meine Frau und meine Kinder stehen an erster Stelle. Beruflich ist mein Sinn das Eishockey, dieser wunderbare Sport. Eishockey ist meine Erfüllung. Das habe ich besonders in den letzten zehn Jahren herausgefunden. Als Spieler kriegst du deinen Tagesablauf serviert. Du brauchst nur zu tun, was der Trainer dir sagt. Als Trainer bist du für 25 Leute verantwortlich. Da kann ich mich nicht so leicht verstecken wie zuvor. Die ganze Organisation, die dazugehörige Entwicklung – das macht mir so viel Spaß und ich bin besessen davon und bin bereit über meinen Energiehaushalt hinauszugehen. Das Trainersein ist der Sinn für mich.

Michael Sender

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