Das erste Mal...Ein Erlebnisbericht

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Dabei ist gerade der schnellste Mannschaftssport doch prädestiniert für diese Altersgruppe: Es fallen mehr Tore als bei der Randsportart auf grünem Geläuf. Es wird mehr gecheckt, getreten und auch ab und an gebissen als in den meisten Spielkonsole-Ballerspielen. Zudem ist man auch noch viel näher dran. Hier werden keine Franzosen oder Holländer in roten Leibchen hinter meterhohen Zäunen weggeschlossen. Beim Eishockey gibt es Stars zum Anfassen.

An einem Freitag im Frühherbst 2013 war es so weit. Der neunjährige Fußball-Fan betrat die Eishalle in Heilbronn. Man fühlte das Eis, die Kälte wanderte langsam von den Füssen aufwärts. Der typische, unverwechselbare Geruch lag in der Luft. Es roch nach Eishockey. Schon Wochen vor dem heutigen Tag konnte man dem jungen Mann die Vorfreude anmerken. Bevorzugt wanderte die CD „NHL“ in die Spielkonsole, immer seltener huschten 22 Männlein über den Fernseher. Immer häufiger sah man kleine, animierte Männchen mit Schlägern in den Händen. War da jemand mit dem vielbesagten Hockeyvirus befallen? Gewiss keine schwerwiegende, aber meist langlebige Infektion.

Einige Hürden musste ich im Vorfeld aber geschickt meistern: „Wer ist denn dieser Hock? Ist der gut?“ Tja, wie erklärt man einem einen Robert Hock? Eigentlich muss man den nicht erklären, eigentlich. Aber einem jungen Mann, der gerade mal weiß, dass bei Eishockey irgendwo Eis sein muss...? Schnell suchte ich eine Parallele zum Fußball. Jens Lehmann? Blöd, Torwart. Oliver Kahn? Nee, zum einen auch Torwart, zum anderen hat der Hock noch keinen gebissen. Zumindest vermutete ich das. Stefan Effenberg? Passt nicht. Lothar Matthäus? Am ehesten, aber nur und ausschließlich sportlich gesehen. „Der Robert Hock ist beim Eishockey sowas wie, der Matthäus beim Fußball!“ Ich war richtig stolz auf mich. „Also ist der Weltmeister?“ Autsch, extremer Tiefschlag. „Nein, die Deutschen waren noch kein Weltmeister beim Eishockey.“ „Nicht? Boar, wie schlecht! Wie alt ist denn dieser Hock?“ „40 Jahre alt!“ „Sooooo alt? Und dann darf der noch mitspielen?“ Wortlos und kopfschüttelnd griff ich zur …Kaffeetasse.

Wir bahnten uns den Weg zur Tribüne. Ihm schien diese fremde Umgebung nicht wirklich geheuer zu sein. Irgendwie hatte er wohl mehr erwartet. So eine Eishalle wirkt im Vergleich zu einem Fußballstadion auch irgendwie, als sei sie einer Miniatureisenbahn entlaufen. Aber, ich blieb höflich und ließ sämtliche Vergleiche zu dem viel coolerem Fußball seitlich an mir abprallen. Überflüssige Aussagen wie: „Leer hier!“ oder „Nicht so beliebt das Eishockey, was?“ bekamen keine Antwort von mir. Nein! Nein, die Laune ließ ich mir nicht verderben. Wenig später kamen beide Mannschaften zum Aufwärmen: „Haben die Angst oder warum haben die einen Helm auf!“ Langsam wich meine Höflichkeit einer leichten Ironie. Ich erinnerte mich an einen Spruch, den ich in einem sozialen Netzwerk gelesen habe: „Angst? Als Gott merkte, dass Eishockey nur ein Sport für richtige Männer ist, erschuf er Fußball!“ Ich war mir sicher, der saß. Einen Return erwartete ich nicht. „Ja genau! Und deswegen auch die Helme. Schon klar!“ Ich war sprachlos. Was bildete sich dieser Typ ein? Neun Jahre alt, ein Zentimeter größer als ein durchschnittlicher Dackel und macht hier einen auf obercool. Erst mal ging ich eine Zigarette rauchen. Alleine!

Dann ging das Spiel los, Heilbronn hatte einige gute Chancen. Im Augenwinkel sah ich den jungen Mann auf seinem Sitz hin und her rutschen. Sobald die Falken im Angriff waren spannte sich sein Körper an, Fehlschüsse wurden mit „Sch***!“ kommentiert. Nun gut, mitfiebern tat er also doch. In der ersten Drittelpause wartete ich vergebens auf Vergleiche zum Fußball. Jetzt kamen Sprüche wie: „Irgendwie cool wie die spielen.“, oder: „Die sind aber richtig schnell auf den Schlittschuhen.“ Im zweiten Drittel fielen wesentlich mehr Tore, allerdings primär für die Gäste. Der kleine Fußball-Fan saß zusammengekauert in seinem Sitz. Kopfschütteln war seine hauptsächliche Bewegung. Plötzlich reckte der Schiedsrichter seinen rechten Arm in die Höhe. Zugegeben, ich hatte nichts gesehen. Der junge Mann neben mir aber schrie: „Niemals, du Pfeife, das war nichts. Schwalbe! Nimm den Arm runter!“ Oha, da hatte einer die Regeln aber sehr schnell verstanden. „Das war doch kein Foul, oder?“ Peinlich berührt musste ich im gestehen, dass ich nichts mitbekommen hatte. In diesem Moment war der schnellste Mannschaftssport für mein Sehvermögen um einiges zu schnell gewesen. „Sag mal, guckst Du überhaupt hin? Siehst Du den Puck noch? Oder ist das für Dein Alter zu schnell?“ Einerseits fand ich diesen Spruch hinsichtlich meines Alters schon eher daneben, andererseits fand ich das aber auch irgendwie genial. Vor nicht mal zwei Stunden musste ich mir blöde Sprüche über Helme anhören und nun sowas. Ich grinste, sicherlich nicht nur innerlich.

Nach dem Spiel trafen wir noch eine junge Dame, die ich kannte. Wir erzählten ihr, dass es das allererste Eishockeyspiel des Jungen war. Auf ihre Frage, ob es ihm gefallen hat antwortete er: „Sehr! Das ist voll cool. Nur die Sache mit dem Verlieren, die muss beim nächsten Spiel anders laufen.“ Beim Verlassen der Halle kamen wir an den Kassen vorbei. "Schade, die haben ja schon zu. Wann ist das nächste Spiel?" Jetzt war ich mir sicher: Der Hockeyvirus hatte ihn befallen. Noch nicht schwerwiegend, aber vielleicht ein Leben lang? Im Auto meinte er noch: „Fußball kriegt die Note eins und Eishockey eins minus. Vielleicht auch umgekehrt, das weiß ich noch nicht genau!“, dann schlief er ein.

Im Schulgepäck für den nächsten Tag fand ich nicht nur seine Eintrittskarte, sondern auch noch ein Stadionheft und ein Autogramm von Pat Baum.

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