Armes Riessersee

Riessersee: Rettung in letzter SekundeRiessersee: Rettung in letzter Sekunde
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Der Verein ist einer der traditionsreichsten in der Republik. Er hat Kriege und Krisen überlebt, zehn Meisterschaften eingefahren, Abstiege überstanden. Es gab große Höhen und Tiefen, doch jetzt erst scheint eine absolute Talsohle erreicht zu sein. Die Zustände in Garmisch-Partenkirchen sind unhaltbar geworden. Seit Monaten herrscht der Ausnahmezustand. Ludwig Nominikat an der Spitze mit seiner rechten Hand Joachim Kress scheint alles entglitten zu sein, was überhaupt bei einem Verein entgleiten kann. Angefangen bei den Finanzen über die Personalführung bis hin zur Mannschaft. Keiner weiß so recht, wie es ausschaut in Sachen Geldkraft, die Liga prüft, ein Großsponsor stieg aus, weil er offensichtlich die Machenschaften an der Führungsspitze nicht mehr mittragen wollte und konnte, Angestellte feuerte man im Hauruck-Verfahren, Stil wurde zum Fremdwort beim SC Riessersee. Und jetzt ist auch noch derjenige drangekommen, der als Fels in der Brandung galt. Trainer Peter Gailer hat den Verein vor dem Abstieg bewahrt, er hat ihn - nach all den mageren Jahren - ins Finale der letzten Zweitliga-Saison geführt, hat sich immer zurückgehalten nach außen, den Kommentar verweigert, weil er nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen wollte. Auch diese Spielzeit fing eigentlich gut an, man warf sogar die Düsseldorfer EG aus dem Pokal, bis ein sportlicher Durchhänger kam. Schlecht spielte die Mannschaft auch bei den Niederlagen nicht, aber sie traf das Tor seltener als vorher. Das kommt in den besten Vereinen vor, solche Kurz-Krisen sind da, um rechtzeitig überwunden zu werden. Peter Gailer hätte das Zeug dazu gehabt, doch er konnte sich nicht ewig stemmen gegen das, was von außen hereingetragen wurde in die Mannschaft. Ein großspuriger Verantwortlicher, der in der Kabine das Blaue vom Himmel herunterlügt und dann doch nicht zahlt, ist nur eines von vielen Störmanövern, die Kress und Nominikat abfeuerten. Nun ist der Coach beurlaubt worden, von jetzt auf nachher, angeblich im Auftrag der Barnes aus Übersee, die dem Verein doch neues Leben einhauchen wollen. Gailer braucht den Job nicht, er ist finanziell abgesichert, er wird auch ohne Eishockey in Garmisch-Partenkirchen glücklich werden. Aber ob der SC Riessersee glücklich wird mit dem, was jetzt kommt? Man kann nur hoffen, dass die Barnes wirklich wahr machen, was sie versprochen haben: Sich dieses Vereins anzunehmen, ihn zu sanieren und auf Vordermann zu bringen. Das ist dringendst nötig. Funktionieren wird das nur, wenn Kress und Nominikat nicht mehr an Bord sind. Höchste Zeit, sie in die Wüste zu schicken, die Fans fordern es schon lange. Respekt vorm Publikum, das in schönster Solidarität aufstand, als es um einen Protest gegen Kress ging. Sitzplatzinhaber ebenso wie Stehplatzfans, wann gibt es schon sowas. Und, wenn die Barnes schlau sind, holen sie Peter Gailer aus dem Urlaub zurück. Er ist der richtige Mann hinter der Bande, weil er gleichermaßen umgehen kann mit Einheimischen wie Ausländern. Und darin hat er mit Sicherheit jedem kanadischen Coach, den man vielleicht holen könnte, meilenweit etwas voraus. Bis jemand kommt, der für Ordnung sorgt, kann die Eishockey-Republik nur weiterhin den Stoßseufzer beitragen, der seit langem durch die Fan-Foren klingt: Armes Riessersee. (Angelika von Bülow)