Zum Tode von Eisbären-Legende Hartmut NickelEin persönlicher Nachruf von Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak

Eisbären-Legende Hartmut Nickel. (dpa-Sportreport)Eisbären-Legende Hartmut Nickel. (dpa-Sportreport)
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Die Nachricht traf mich am Freitagabend wie ein Schlagschuss. Mitten ins Herz. Hartmut Nickel ist tot. Schockstarre. Ich lag schon im Bett, war kurz aufgewacht, hatte nur das Smartphone kontrolliert. Ich wollte es nicht glauben. Bis ich die offizielle Pressemitteilung der Eisbären las. An Schlaf war fortan nicht mehr zu denken. Zu viel ging mir durch den Kopf. Was hatte ich mit diesem Mann alles erlebt, der mich durch meine gesamte berufliche Karriere begleitete. Höhen. Tiefen. Jubel. Tränen. Ein Füllhorn der Emotionen. Das verbindet. Und wird ewig bleiben.

Eigentlich wollte ich diesen Nachruf gar nicht schreiben. Mir geht es derzeit gesundheitlich nicht gut. Noteinweisung. Intensivstation. Zudem ein Arzt, der mir deutlich zu verstehen gab, dass ich Glück hatte. Sehr viel Glück. Ich will hier nicht in Selbstmitleid zerfließen. Aber dies und die Todesnachrichten von Hartmut Nickel und auch Chris Lee haben mir gezeigt, wie vergänglich alles ist, wie schnell alles vorbei sein kann. Solche Gedankenspiele tragen nicht eben zur Gesundung bei. „Die Einschläge kommen näher“, sagte mir Hartmut einmal bei der Beerdigung eines viel zu früh verstorbenen Kollegen. Wahre Worte. Dieser hat nicht nur mich zutiefst erschüttert.       

„Toppi, irgendwann schreibst du ein Buch über mich“, rief mir Hartmut im Scherz vor ein paar Jahren in den Katakomben der Mercedes-Benz-Arena kurz vor einem Pressegespräch zu. Stefan Ustorf grinste daneben: „Dann muss er ja über Dinge schreiben, die vor seiner Geburt waren.“ Stimmt. Als Hartmut Nickel 1963 als Teenager aus Weißwasser nach Berlin kam, war ich wirklich noch nicht auf der Welt. Ich ärgere mich, dass ich die Chance nicht beim Schopfe gepackt habe. Jetzt ist es zu spät. Leider.

Als Spieler holte Nickel mit Dynamo drei Meisterschaften in der DDR, zwölf weitere kamen ab 1974 als Trainer hinzu. Dann kam die Wende. „Wir wurden ins kalte Wasser geworfen, fuhren nicht mehr die 125 km nach Weißwasser. Plötzlich waren es 900 km nach Schwenningen. Das war schon eine Umstellung. Die dachten, wir sind Leute vom Mond. Wir waren auch Deutsche. Aber eben andere Deutsche.“

Eben zu dieser Zeit lernte ich Hartmut kennen. Er sorgte für Klarheit vor meinem vernebelten Westauge. Über die Befindlichkeiten des Klubs. Vor allem aber der Menschen. Fast 30 Jahre ist das her. Er pflanzte mir das Eisbären-Virus ein. Nie als Oberlehrer. Mit viel Ironie und Witz. Klar bekam ich auch oft mal den Kopf gewaschen. Wenn ihm an einem meiner Berichte etwas nicht passte, griff er schon zum Telefon, gab mir das dann unmissverständlich zu verstehen. Umgekehrt gab es aber auch Lob. In dieser langen Zeit wurde er fast so etwas wie ein väterlicher Freund. Der mich an der Schule seines Lebens teilhaben ließ. Nicht nur, dass er mich beim Skat regelmäßig abzockte. Auf langen Fahrten im Mannschaftsbus ins Trainingslager. Ja, damals waren die Journalisten noch mittendrin statt nur dabei. Er hatte auch mal einen Rat abseits des Eises. So zum Beispiel, als es Ärger mit einem meiner Vorgesetzten gab. Er spürte, dass etwas bei mir nicht stimmte. „Der schreibt seine Texte auch nur mit Tinte“, zauberte mir Hartmut auf Nachfrage ein Lächeln in die sorgenvolle Mine.  

Nur einmal wollte Nickel die Brocken hinwerfen. Als ihn der damalige Präsident Helmut Berg 1993 feuerte. „Da hatte ich keine Lust mehr.“ Es ging nach Hannover. Aber wir blieben in Kontakt. Nach drei Jahren kehrte Hartmut zurück. Der Rest ist sieben DEL-Meisterschaften später Geschichte.

Zwei Mal sah ich Hartmut Nickel weinen. Vor Glück. „Der erste DEL-Titel im Welli, das war schon etwas Besonderes“, sagte er. Dann bei einem Auftritt der Eisbären in Weißwasser. Der damalige Cheftrainer Pierre Pagé hatte Nickel in seiner Heimat die Pressekonferenz überlassen. Der Kanadier hatte ein feines Gespür für die Situation bewiesen. Tief bewegt sprach Nickel in die Mikros. Ein Mann, der die Tradition in jeder Faser seines Körpers lebte und personifizierte. Aber nie ewig gestrig war.

Bei meinem letzten großen Interview mit ihm öffnete mir Nickel die Pforten zu seinem Garten. Ein Ritterschlag, wie mir versichert wurde. Nun schneidet er die Rosen im Himmel. Seinem neuen Paradies. Eine schöne Vorstellung. Hartmut, du wirst mir fehlen. In den Herzen aber wirst du ewig leben. Habe die Ehre.