Wunder oder Mogelpackung? - Adler sind Vizemeister

Klare Worte bei den AdlernKlare Worte bei den Adlern
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Die Mannheimer Adler sind Vizemeister und das bezeichnen viele schon als Wunder. Aber ist es eines? Nicht wirklich, wenn man von der Papierform ausgeht. Da stehen Spieler in den Reihen der Mannheimer, die sich teuer verkaufen, weil ihre Statistik stimmt. Oder, sollte man besser sagen, stimmte? Denn einige der Gutverdienenden haben in der zu Ende gegangenen Saison zwar viel Geld

eingestrichen, dafür aber wenig geleistet. Sie haben für eine höchst unerfreuliche Mogelpackung gesorgt. Da ist dann letztendlich die Papierform vollkommen nebensächlich.

Diese Hochbezahlten haben damit nicht nur die Fans verschaukelt, die ihr gutes Geld ins Stadion getragen haben und dafür statt deftiger Nahrung salzarme Magerkost geboten bekamen. Fans, die bedeutend weniger verdienen als die Stars und die dafür hart arbeiten müssen, die keinen Arbeitgeber haben, der ihnen noch die letzte Klorolle nachträgt und sie zudem bei Schludrigkeit in Schutz nimmt, statt die Kündigung anzudrohen.

Die Dienst-Verweigerer in Adler-Reihen haben aber auch ihre Kollegen um den Lohn ihrer Mühen gebracht. Jene wirklichen Profis wie Corbet, Hecht, Kink, Huet, Pyka, Ullmann, Bakos,Carciola, Groleau, Edgerton und andere oder die Jungs, die vor gar nicht langer Zeit noch Jungadler waren und gewöhnt sind, alles zu geben. Wir wollen festhalten: Ein großer Teil dieses Teams hat gekämpft und sich eingesetzt, aber im Profisport hat man nur Erfolg, wenn wirklich alle in eine Richtung ziehen. Und das war nicht der Fall im Adler-Team.

Da reicht es nicht, dass man einen Hebel umlegt, wenn die Play Offs vor der Tür stehen und mit feistem Grinsen verkündet, sie seien ja die eigentliche Eishockey-Saison. Dann, bitte schön, liebe Adler, verkauft auch zweierlei Dauertickets: Das eine für jene Unerschrockenen, die sich nicht davor scheuen, gewaltig frustriert zu werden in einer endlos scheinenden Vorrunde und das andere für alle, die ein wenig Spaß wollen in den Play Offs. Schöne Aussichten wären das für eine neue Arena. Manche Spieler müssen gemeint haben, wenn sie ab dem Viertelfinale einen Gang zulegten, schiene wieder die Sonne und die Fans würden geblendet von solch überirdischer Schönheit. Oh nein, meine Herren, so leicht geht das nicht.

Zwar freute man sich von Herzen über die Runden gegen Nürnberg und Frankfurt, man sah gutes Eishockey und viel Kampf, aber alles war damit noch lange nicht vergessen. Im Gegenteil, viele fühlten sich jetzt doppelt verschaukelt. Letztendlich kam man aber überein, dass der eigene Spaß an diesem wunderschönen Sport es rechtfertigte, die Augen kurz zu schließen, zu verdrängen und beim Aufmachen

alles in einem positiveren Licht zu sehen und sei es nur aus dem Grund, dass man sich noch ein wenig Freude gönnen wollte.Sich und dem guten, alten Friedrichspark, der immerhin bald nicht mehr existieren wird. Gegen Berlin ging dann denjenigen, die immer gekämpft hatten und teilweise doppelt belastet waren, weil sie die Verweigerer mitziehen mussten, die Puste aus und jene, die Schweißtreibendes nicht mehr gewöhnt waren, pfiffen auf dem letzten Loch.

Es ehrt jeden Arbeitgeber, wenn er fast beleidigt seine Leute verteidigt, mit dem Hinweis, die Runde davor habe zu viel Kraft gekostet. Eher gewöhnungsbedürftig ist es jedoch, wenn die Schuldzuweiseung plötzlich in Richtung Kritiker geht statt in die Richtung, in die sie gehen sollte. Übertragen wir das doch mal aufs wirkliche Leben, auf das der Fans. Ich möchte denjenigen Chef sehen, der sich hinstellt, den Untergebenen, der gerade eine Maschine kaputtgemacht oder eine wichtige Sendung verloren hat, verbal streichelt und die Scheltenden, die diese Maschine oder diese Sendung bekommen sollten und schon dafür bezahlt haben, anfaucht, sie sollten doch bitte ganz brav still sein, das käme schließlich nur daher, weil der arme, arme Versager ja einige Überstunden in der letzten Zeit gemacht habe. Alles klar? Das wird nicht passieren normalerweise, bei den Adlern aber geschieht es. Von uns Durchschnittsmenschen verlangt man, dass wir immer und allzeit konzentriert arbeiten, egal, unter welchen Rahmenbedingungen das auch sein mag. Wir wollen diesen Maßstab auch an Profisportler angelegt wissen.

Hochbezahlte Profis, denen die Spucke wegbleibt vor Ende einer Saison? Klar, das kommt vor, sollte aber vor allem dann vorkommen, wenn man sich über die ganze Spielzeit hinweg verausgabt hat. Was bei den Ehrlichen im Adlerteam sicherlich passiert sein kann, die anderen hatten einfach nicht genug Kondition für die DEL wie es scheint. Da hätte ein klein wenig mehr Eigeninitiative beim Krafttraining ja vielleicht Wunder wirken können. Merkwürdigerweise nur hielten die Eisbären bis zum Schluss durch und die hatten sich oft genug mit ihrem Offensiv-Eishockey ein Bein rausgerissen. Kein Mensch wird vergessen, wie viel Kraft die Spiele der Adler gegen die Lions kosteten, wie viel Moral das Team hier zeigte, wie viel positive Aufregung das den Fans beschert hat. Keine Frage, aber als Entschuldigung für alles darf noch nichtmal das dienen. Von harten Profis muss man erwarten können, dass sie ihren Körper so in Schuss halten, dass der nicht auf der Zielgerade schlapp macht.

Was also war nun der Hauptfehler in dieser Saison? Wie gesagt, von der Papierform her waren die Spieler ja gut, vielleicht konnte man einfach nicht wissen, wie sich der eine oder andere entpuppen würde? Stimmt zu einem gewissen Grade sicherlich. Allerdings gab es schon zu Beginn der Saison klare Zeichen und ebenso klare Aussagen über den Charakter einiger Cracks, man war also gewarnt, so ganz überraschend kam es nicht, dass einige nicht die geringste Lust hatten mitzuziehen. Und zwar nicht nur mit Helmut de Raaf, der irgendwann entnervt seinen Hut nahm und heilfroh war, bei den Jungadlern

wieder einsatzfreudige Sportler zu haben. Für ihn waren ausgebuffte Kanadier nicht das richtige, ein de Raaf, der selber alles gibt für seinen Sport, der keine faulen Ausreden gelten lässt, hätte mit einem jungen, hauptsächlich europäischen und hungrigem Team eine gute Chance auf einen interessanten Neubeginn in Mannheim gehabt, nicht aber mit Leuten, die meinen, sie seien einfach zu gut für die DEL. Und dann den Beweis schuldig bleiben.

Stephane Richer ist ein guter Mann, gar keine Frage, aber auch er hatte anfangs Probleme mit der Arbeitsauffassung einiger, doch er kannte ihre Mentalität besser als sein Vorgänger, konnte irgendwie damit umgehen, selbst wenn er manchmal nach vergeigten Spielen am Rande seiner Weisheit angekommen zu sein schien. Auch Richer war zwischendurch zutiefst enttäuscht, gerade, weil ihm und Mike Rosati diese Mentalität vollkommen fremd war: Diese beiden dienten immer als Vorbilder an Einsatz in ihrer aktiven Zeit. Dennoch: Richer zu halten und zum Chefcoach zu machen ist sicherlich die richtige Entscheidung. Wenn er in der kommenden Saison die Guten im Team, diejenigen, die siegen wollen und dafür kämpfen, behalten kann, dazu einige Cracks kriegt, die ihre Nase nicht himmelhoch tragen und leider ihre Füße nicht mehr erkennen können auf diese Weise, dann könnte man neu anfangen. Es ist allen Beteiligten zu wünschen, dass im kommenden Team der Charakter eine tragende Rolle spielen möge, wie es früher in Mannheim der Fall war.

Die Saison im Friedrichspark ging nicht so schlimm zu Ende, wie man vor Beginn der Play Offs gefürchtet hatte. Die in dieser Spielzeit so wenig verwöhnten Fans bewiesen einmal mehr ihre Klasse und standen auch hinter diesem Team durch die nervenaufreibenden letzten Spiele. Sogar am allerletzten Spieltag vor dem Videowürfel im Stadion. Dass sie hier nochmal etwas geboten bekamen, das macht alles erträglicher. Denn man muss den Adlern auf jeden Fall attestieren, dass sie auch im dritten Finalspiel den Eisbären einen tollen Kampf lieferten.Und es freut einen für jene Cracks, die es sich verdient haben, die anderen kann man sowieso vergessen. Es bleibt zu hoffen, dass das Management jene in die Wüste schickt, die nicht zu Mannheim und seinen Adlern passen, egal, ob sie einseitige Optionen haben oder nicht. Nochmal darf man sich eine Saison wie die vergangene nicht erlauben.

Letztendlich war keiner übermäßig enttäuscht, als die Eisbären Meister wurden. Nach dem Sonntagspiel ging man heim in der festen Überzeugung, das sei es nun gewesen. Und das passt hervorragend zu dieser Spielzeit. Früheren Teams hätte man das Wunder zugetraut, bei diesem war man hochbeglückt über den Vizetitel, den man ihm schon zuordnete, bevor die letzte Schlacht geschlagen war.

(Angelika von Bülow)

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