Wie ich es sehe... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Wer kann schon in Deutschland von sich behaupten, dass er 1.

Vorsitzender eines Klubs (oder in einem Großverein Abteilungsleiter der Sparte

Eishockey), Cheftrainer und Spitzenspieler war? Auf Anhieb fällt mir überhaupt

keiner in unseren Breiten ein. Rüdiger Noack, der gestern das Rentenalter

erreichte, aber nach wie vor im Unruhestand lebt, dürfte in unserer

wiedervereinigten Republik so ziemlich allein dastehen.

Noack war einer der wenigen aus der DDR, die auch westlich der Elbe

einen gewissen Bekanntheitsgrad vorwiesen. Ich erinnere mich gut an unseren

ersten Treff, denn es waren bemerkenswerte Tage, als ich den stets auf dem

Sprung befindlichen Ex-Stürmer mit einem typischen Lausitzer oder wendischen

Namen kennenlernte. Peggy und ich starteten aus Ungarn die „Rallye

Weißwasser“. Glück und Pech hatten wir an der CSSR-DDR-Grenze. Glück,

dass die Zöllner uns nicht fragten, wie wir denn an die Kronen gekommen waren

(wir brauchten mit einem Transitvisum schließlich nicht zu tauschen, übernachteten

jedoch in der CSSR). Pech, dass die Herrschaften in Peggys Portemonnaie fündig

wurden: Sie entdeckten Mark der DDR, die wir aus Ungarn mitbrachten. Ob er

diesen Fund seinem DDR-Kollegen meldete oder nicht, wusste ich nicht.

Jedenfalls war meine blitzschnell erdachte Erklärung so einleuchtend, dass der

DDR-Zöllner mir glaubte und wir unbehelligt Richtung Dresden/Weißwasser fahren

konnten.

Bevor Herr Noack uns begrüßte, mussten wir einige Minuten in einem

großen Raum warten. Zeitungsausschnitte kündeten vom Flaggenstreit. Der

damalige Bundesinnenminister Hermann Höcherl verbot es quasi unseren Spielern,

sich Richtung DDR-Flagge zu postieren und die Hymne „Auferstanden aus

Ruinen“ im Falle eines Sieges anzuhören. Peggy wollte ein paar

Bemerkungen dazu machen. Ich bedeutete ihr, ruhig zu sein, denn ich glaubte,

dass im Raum Mikrofone postiert seien. Noack kam dann ganz locker in den Raum,

machte unserer damaligen Zeitung ein Kompliment. „Herr Nieleck, Sie schreiben

ja recht realistisch über unser DDR-Eishockey“, sagte er, worauf ich ihm

erwiderte, dass ich für eine Sportzeitung arbeite, die nicht viel mit Politik

im Sinn hat. (Ob jetzt wirklich Mikrofone dort postiert waren, habe ich nie

gefragt.)

Bei dieser Gelegenheit (es war gerade ein Sommerturnier im Gange)

lernte ich auch Jaroslav Walter kennen, der auch einmal in Iserlohn an der

Bande stand. Er ließ sich lang und breit über die Gastfreundschaft, die gute

Aufnahme, die perfekte Organisation und was weiß ich noch aus. Endlich konnte

ich ihn unterbrechen. „Herr Walter, ich wohne hier nicht, ich komme aus

Duisburg.“ Das war für den wackeren Mann aus Pressburg das Signal, die

Tonart zu wechseln und mit dem Schauspielern aufzuhören. „Ich bekomme

noch viel Geld von Herrn Weifenbach. Richten Sie ihm das bitte aus.“ Ich

konnte kaum ein Schmunzeln unterdrücken.

Rüdiger Noack merkte in und nach der Wende relativ schnell, dass in

Weißwasser und Umgebung in Anbetracht der veränderten Zeiten nicht mehr viel zu

bewegen ist. Auch durchschaute er schnell, dass nicht alles, was aus dem Westen

kommt, für ein Gedeihen förderlich ist. Über die Zwischenstation Bayreuth (gestern

wie heute keine Hochburg in unserer Sportart) landete er in Krefeld, wo er

zunächst für die Nachwuchsarbeit als Koordinatior zuständig war. Später übernahm

„Riedel“, wie er nicht nur von Freunden genannt wird, die Aufgabe

eines sportlichen Leiters. In dieser Funktion wäre er sicherlich noch heute,

wenn ihm nicht in der Saison 2000/01 von den Verantwortlichen der mit einem

unglaublichen Verletzungspech verbundene sportliche Misserfolg zur Last gelegt und

er voreilig geschasst worden wäre.

Jedenfalls ist sein Rat nach wie vor in Krefeld gefragt. Ob Noack, der

sich neuerdings mit einigen Wehwehchen herumärgern muss, von denen er, seiner

Art entsprechend, nicht viel Aufhebens macht, sich in offizieller Mission

betätigen wird, glaube ich nicht. „Riedel“ wird wohl weiterhin im

Geschäftszimmer auftauchen und mit Rat, aber auch mit Tat, dem Verein zur Seite

stehen. Denn dass er schwarz-gelb denkt, ist nach wie vor unbestritten. Sein

Wiegenfest feierte er im engsten Familienkreis an der Ostsee, fernab vom

momentan unerfreulichen Krefelder Alltag.

­

­Auch noch einmal von dieser Seite: Alles Gute und lass Dich nicht

unterkriegen!


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