Wie ich es sehe.... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Da sind wir Eishockeyleute einmal mehr unsanft auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Regionale Ungereimtheiten sind an der Tagesordnung, nationale Skandälchen lassen sich naturgemäß nur allzu selten vermeiden, aber der „Hammer“, der in der letzten Woche vom Weltverband ausging, ist kaum noch zu überbieten und lässt (mal wieder) unsere Sportart in einem schlechten Licht erscheinen. „Die Champions Hockey League wird während der 2009-2010 Spielzeit nicht zur Austragung kommen. Jedoch wird sie erneut in der Saison 2010-2011 aufgrund des riesigen Erfolgs und der positiven Reaktion von allen Seiten ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen”, beginnt die (übersetzte) Pressemitteilung des Weltverbandes IIHF aus der letzten Woche. Dabei überschlugen sich noch vor gut einem Jahr die Pressemeldungen aus Zürich über den historischen Wettbewerb mit Preisen, deren Höhe einen Rekord darstellte. Ein paar Monate später herrscht wieder Alltag. Im Klartext: König Fußball regiert, Kronprinz Eishockey lauert, wie Prinz Charles auf der britischen Insel, weiterhin im Wartestand.
 
Der umtriebige IIHF-Präsident René Fasel aus dem schweizerischen Freiburg im Üchtland (für Nicht-Deutsche: Fribourg), der in Bayern von einigen Personen sicherlich den Titel „G´schaftlhuber“ erhalten würde, hat sich zusammen mit seinen Getreuen offensichtlich überschätzt. Zyniker sind sicherlich der Meinung, dass eine Seifenblase geplatzt ist und die Entwicklung nicht nur etwas mit der Weltwirtschaftskrise zu tun hat. Wie die einstens European Hockey League genannte Spielklasse ging nunmehr auch die mit großem Gedröhne angekündigte CHL, diesmal sogar nach nur einer Saison, den Weg alles Irdischen.
 
Die Claqueure mögen mir verzeihen, aber ich halte den Präsidenten aus dem beschaulichen Üchtland immer noch für einen Menschen, der es vornehmlich versteht, die große Trommel zu schlagen. Noch gut kann mich an einen Beitrag erinnern, den ich vor mehr als 20 Jahren für das damalige „eishockey Magazin“ unter dem Titel „´GE-FASEL´ bringt uns nicht weiter“ schrieb. Im Zusammenhang mit dem Fall Sikora (der Kölner Spieler wurde während des 87-er WM-Turniers wegen einer zuvor erfolgten Teilnahme an einem Nachwuchsturnier als polnischer Auswahlspieler gesperrt und die gewonnenen Punkte wurden der deutschen Mannschaft aberkannt, obwohl Sikora vom damaligen IIHF-Generalsekretär Jan-Ake Edvinsson eine gültige Spielberechtigung erhielt) wurde ein Ausspruch des Freiburger Zahnarztes in Umlauf gesetzt, nach welchem er dem deutschen Adler am liebsten jede Feder einzeln ausrupfen würde.
 
Nachdenklich wurde ich auch, was ich von einem Kollegen im Vorfeld der WM 2004 in Prag und Mähr.-Ostrau hörte. Als Fasel befragt wurde, wie man denn an Einzelkarten kommen würde (die Tickets waren damals vornehmlich nur im Paket zu erhalten), machte er den Frager unverblümt auf den Schwarzhandel aufmerksam. „Jetzt dachte ich, ein Sturm der Entrüstung bricht unter den Kollegen aus“, berichtete er, „doch nichts geschah.“
 
Und zum Schluss… Ich war in der vorigen Woche in Ungarn, so ganz ohne Internet und Laptop. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass vorgenanntes Land rückständig sei. Nein, ich wollte eigentlich nur mir selbst beweisen, dass es auch ohne diese segensreichen Erfindungen geht. Was mir in der Heimat der Madjaren auffiel: Ganz viele sind gleichsam über Nacht zu Eishockey-Experten geworden. Sie weisen mit Stolz darauf hin, dass sie endlich wieder, nach genau 70 Jahren, im Konzert der Großen mitmachen durften. Sogar einige neue Hallen sind gebaut worden, das Land befindet sich regelrecht im Eishockey-Aufbruch, wurde mir bedeutet. Der Tenor: Dass wir jedes einzelne Spiel verloren, war mehr oder weniger „rendben“ (deutsch: okay). Aber dass wir überhaupt teilnehmen durften und uns für dieses Turnier sportlich qualifizierten, war gyöngyörü (wunderbar).
 
Zoltán, mein Pensionswirt, ärgerte sich noch Wochen später, dass seinen Landsleuten keine Überraschung gegen die „Freunde“ aus Oberungarn, pardon, der Slowakei gelang. Gyula, mein Stammwirt, ansonsten Fußballfan wie jeder Ungar, hätte sich diebisch gefreut, wenn den Pusztasöhnen die späte Revanche von Bern gegen die Deutschen gelungen wäre, wenn auch nur im Eishockey. Grinsend dagegen Sándor aus der Hauptstadt Budapest, Tourist wie ich: „Wir haben in zwei Jahren die WM in der Slowakei. Stellen Sie sich vor: Deutschland steigt im nächsten Jahr ab und unsere Mannschaft zur gleichen Zeit auf. Das wäre doch etwas, wir dabei und ihr nicht.“ Nun ja, ich mag zwar die Ungarn, aber diese Sympathie hat auch ihre Grenzen. Ich jedenfalls könnte mir ein solches Szenario nicht vorstellen, möchte ich auch gar nicht.


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