Wie ich es sehe... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

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Noch ein Tag, dann wird Profischiedsrichter Rick Looker pünktlich um 19.30 Uhr in der sicherlich gut besetzten Arena in Köln die Scheibe zum ersten Mal auf das Glitzerparkett werfen. Die 15. DEL-Saison wird beginnen. Gegenüber der letzten Saison hat sich einiges geändert. Gründungsmitglied Kassel ist nach zweijähriger Abwesenheit wieder dabei; abgestiegen oder sonstwie ausgetreten aus dem Kreis der Erlauchten ist keiner. Obgleich daher ein Team zusätzlich mitmacht, hat sich die Anzahl der Partien reduziert. ”Nur” noch 52 Partien sieht der neue Spielplan vor, weil die Klubs gegen elf Kontrahenten viermal antreten und gegen vier Widersacher nur zweimal die Klingen kreuzen. In der Qualifikation (Siebter der Punktrunde gegen Nummer Zehn und der Achte gegen den Neunten) sind jetzt drei Siege zum Erreichen der Viertelfinals nötig. Zwar ist es weiterhin gestattet, zwölf Lizenzen für Ausländer zu erwerben, auflaufen dürfen im Spiel jedoch nur zehn Cracks für ihren Klub.
 
Ich nehme mir die Teams nach dem Stand der letzten Punktrunde nacheinander vor:
 
Nürnberg Ice Tigers
Die fränkischen Fabeltiere haben eine seltsame Saison hinter sich gebracht: Als Erster der Punktrunde war schon gegen den Qualifikanten Düsseldorf Schluss. Die erste und wahrscheinlich wichtigste Frage: Wie wird DEL-Neuling Andreas Brockmann an der Bande mit den Stars fertig werden? Manager Otto Sykora und der Neffe der lebenden Legende ”Lenz” Funk tragen ein großes Paket auf ihren Schultern. Auf dem Papier hat sich im Team nicht viel getan. Ein Überstehen der ersten Runde müsste diesmal drin sein.
 
Eisbären Berlin
Fluktuation? Außer Neuzugang Regehr fast totale Fehlanzeige! In der Mannschaft stehen immerhin acht Spieler, die in den 70er Jahren geboren wurden. Dazu kommt jedoch auch ein großer Anteil von Cracks, die den Höhepunkt ihrer Karriere noch vor sich haben. Falls es Cheftrainer Don Jackson erneut gelingt, den Alten Beine zu machen, ist mit den Hauptstädtern, die in der neuen O2 World auflaufen werden, wieder einmal zu rechnen. Drei Titel in den letzten vier Jahren sprechen eine ganz deutliche Sprache.
 
Kölner Haie
Einige Fragezeichen stehen hinter dem Namen der Domstädter. Wie wird sich Lückenbüßer Frank Doyle verkaufen, nachdem sich Robert einer neuerlichen Kopfoperation unterziehen musste und seinem Team eine ganze Zeit nicht zur Verfügung stehen wird. In der Defensive dürfte Harlan Pratt John Slaney mehr als ersetzen. Vorn ist Mike Johnson, so er die DEL ernst nimmt, ein Erfolgsgarant. Ich bin jedoch mehr auf den 20-jährigen Marcel Müller gespannt, dem ich eine ganz große Zukunft zutraue, wenn er sich nur vernünftig benimmt.
 
Frankfurt Lions
Was wäre die Wundertüte vom Main ohne Rich Chernomaz? Der kleine Kanadier, hinter Doug Mason und Hans Zach dienstältester Bandenchef, geht in seine sechste Spielzeit am Main. Steile Kurven sind kennzeichnend für die Form der Hessen, die nach dem Gewinn der Meisterschaft ein großes Tief durchmachten, dann aber wieder die Kurve kriegten und sich auf dem aufsteigenden Ast befinden. Mal sehen, wie die Abgänge von Jeff Ulmer, Jay Henderson und Richie Regehr von den Neuen (darunter Talent Gawlik) kompensiert werden.
 
Iserlohn Roosters
Sind aller guten Dinge drei bei den Sauerländern? Nach dem Griff in den Wassereimer mit Dave Whistle bewiesen Manager Karsten Mende und seine Mitarbeiter ein gutes Händchen (Mason, Ward und Adduono) in bezug auf Trainersuche. Für Steve Stirling, den einzigen richtig neuen Coach in der Liga, wird es kein Zuckerschlecken werden, denn nach dem Erreichen des Viertelfinals sind die Ansprüche der Westfalen noch einmal gestiegen. Das Team selbst um die überragenden Robert Hock und Michael Wolf ist im großen und ganzen zusammengeblieben.
 
Adler Mannheim
Einen dermaßen schlechten Start wie im Vorjahr dürften sich die Quadratestädter, allen voran Manager Marcus Kuhl, wohl nicht mehr erlauben. Ausgestattet mit dem wohl größten Etat der Liga (8,0 Mio Euro) muss der erfolgreichste DEL-Verein (fünf Meisterschaften) automatisch zu den Titelfavoriten gehören. Für Mannheimer Verhältnisse hat sich auf dem Transfermarkt nicht viel getan. Mit dem 35-jährigen Fred Brathwaite wurde Goalie Adam Hauser traditionell ein (mehr als) gleichwertiger Konkurrent zur Seite gestellt.
 
Hamburg Freezers
Die Männer von der Waterkant sind einem gehörigen Druck ausgesetzt. Vor der fünften Saison will das Umfeld endlich einmal Erfolge sehen, denn mit schöner Regelmäßigkeit schieden die Kühlschränke in den Viertelfinals sang- und klanglos aus. Eine deutliche Warnung kam bereits von den Rängen. Nur knapp 9.000 Fans kamen zu den Punktspielen; in den Play-offs waren es sogar  weniger! Sowohl die Funktionäre als auch die Spieler der Norddeutschen, die über einen satten Etatvon 7 Mio Euro verfügen, sind gefordert.
 
Hannover Scorpions
Ob es der ehemalige Meistercoach Hans Zach endlich einmal wieder schafft, mit seiner Mannschaft wenigstens das Halbfinale zu erreichen? Einfach wird es für die Niedersachsen sicherlich nicht, wobei schon das Vorstoßen in die Play-offs als Saisonziel gehandelt wird. Im Team hat sich ganz wenig geändert. Lediglich das Ex-Düsseldorfer Duo Klaus Kathan und Tore Vikingstad sind als Verstärkungen zu betrachten.  Ich persönlich bin gespannt auf die Entwicklung der Defender Nikolai Goc und André Reiß.
 
DEG Metro Stars
”Ich kaufe mir eine Dauerkarte für die Play-offs, denn vorher spielen die sowieso nur Eishockey à la Hawaii”, sagte bezeichnenderweise einer meiner Freunde, die von der Vorsaison noch regelrecht geschädigt sind. Düsseldorf absolvierte nur vier Testspiele, gewann sie allesamt. Dazu kam die DEG auch Pokal weiter. Ein schlechtes Omen, dass die Kombination Nethery/Kreis beim ewigen Rivalen Köln nicht griff. Der ”für diesen Sport zu vornehme” Harold Kreis wurde jedoch zweimal in Folge im schwierigen Schweizer Umfeld Champion.
 
ERC Ingolstadt
Trotz eines Schubs von einem halben Dutzend neuer nordamerikanischer Cracks: Die interessantesten Leute der Oberbayern sind Chefcoach Benoit Laporte, der in der Vorsaison mit den Nürnbergern Erster der Punktrunde wurde und dann schmählich aus den Play-offs flog, Manager ”Tobi” Abstreiter, der ehemalige Kapitän unseres Nationalteams, sowie Thomas Greilinger, der einst unter Hans Zach zum Topstars der Adlerträger avancierte und jetzt wieder versucht, sich in unserer höchsten Liga zu behaupten.
 
Krefeld Pinguine
Kein einziger Häuptling, sondern lediglich Indianer wurden (aus Geldmangel) verpflichtet. Inwieweit sich das Fehlen von Jan Alinc bemerkbar macht, muss abgewartet werden. Zwar strahlt der neue Trainer Igor Pawlow Zuversicht und Selbstvertrauen aus, doch dürften die Pinguine trotzdem, schon allein aufgrund der Personalsituation vor einer schweren Saison stehen. Zu viele Youngsters stehen im Teamgefüge, und alle werden sicherlich nicht auf Anhieb zu vollwertigen DEL-Cracks avancieren. Wird die ”Quali” erreicht?
 
Augsburger Panther
Die Fuggerstädter sind mit dem geringsten Etat (3,1 Mio Euro) finanziell am schlimmsten dran, schlugen sich in der Testphase jedoch prächtig. Kein Wunder, dass das nach Scorerpunkten erfolgreichste Trio sich bei finanzkräftigeren Vereinen in Düsseldorf (Shane Joseph), Hamburg (Travis Brigley) und Köln (Harlan Pratt) verdingte. Wie schlagen sich die insgesamt 13 ”Neuen”?. Vor allen Dingen die Gretchenfrage: Welche Rolle werden die drei Keeper spielen, von denen nicht einer über ausreichende DEL-Erfahrung verfügt?
 
Grizzly Adams Wolfsburg
Vollständig „renoviert“ präsentiert sich das Team der Ost-Niedersachsen in seiner zweiten DEL-Saison nach der erneuten Aufnahme. Neben den zahlreichen Zugängen aus dem Ausland (darunter sogar ein Schwede), erwarten die Fans auch einiges vom Kölschen Duo Kai Hospelt und Sebastian Furchner. Chefcoach Toni Krinner, wie seine Kollegen Hans Zach und Andreas Brockmann aus der Trainerhochburg Bad Tölz, steht vor einer möglicherweise entscheidenden Saison. Es könnte  d i e  Spielzeit für ihn werden.
 
Straubing Tigers
Die Niederbayern haben zumindest auf dem Papier gut aufgerüstet. Diejenigen Cracks, die den Verein verließen, fanden mit zwei Ausnahmen nur unterklassige Arbeitsstellen. Dazu kommt Tobias Abstreiter (Manager in Ingolstadt). Viel erwarten die Verantwortlichen vom 38-jährigen Ion Klemm, der immerhin 878 NHL-Partien auf dem Buckel hat. Auch Brian Maloney (Krefeld) und Tony Voce (Wolfsburg) sind als Verstärkungen zu betrachten. Schafft es Trainer Bob Manno, nach Augsburg wieder eine Saison durchzuhalten?
 
Füchse Duisburg
Die Duisburger, dreimal in Folge Tabellenletzter nach Ende der Punktrunde und vor zwei Jahren nur via Play-downs dem Abstieg entronnen, wollen diesmal nichts mit der Roten Laterne zu tun haben. Rückkehrer Jean-Luc Grand-Pierre sowie mit Alexander Seliwanow, Jan Alinc und Daniel Kunce drei gestandene, aber auch schon reife Herren, sollen für den Erfolg garantieren. Knatsch gab es allerdings schon in der Vorbereitung, als sich die Verantwortlichen von Neuzugang Pat Lebeau trennten und mit der Lizensierung von Liimatainen und DiLauro zögern.
 
Kassel Huskies
Neuer Wein in alten Schläuchen? Immerhin bringt der ”Neuling”, der noch im Vorjahr als mit Abstand Punktbester kläglich an Wolfsburg scheiterte, eine Menge Erfahrung mit. Mit Shawn McNeil, Ryan Kraft, Hugo Boisvert und Drew Bannister wurden die ersten Vier der letzten Scorerliste gehalten. Wie wird sich dieses Quartett in der neuen Umgebung präsentieren? Gespannt dürfen wir auch auf Manuel Klinge sein, der immerhin als Vertreter eines Zweitligisten fast zum Stammpersonal des Nationalteams gehörte.