Wie ich es sehe... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Sind ein Teil der Ausländer eigentlich fitter als einheimische Cracks? Diese Frage stellt sich mir wie alle Jahre wieder in dieser Zeit, wenn das Eis in zahlreichen Hallen aufbereitet ist und die Cracks die ersten Schritte auf dem Glitzerparkett wagen. Wen ich vielfach sehe, sind Youngsters, Unentwegte und Daheimgebliebene. Neuzugänge trudeln mitunter erst tröpfchenweise ein. „Ob sie überhaupt keine Neigung verspüren, ihren neuen Arbeitsplatz kennenzulernen?“ frage ich mich ketzerisch. Ich hatte mich vorsichtshalber nur selbst gefragt, denn ich wollte mir erst gar keine pflaumenweiche Erklärungen anhören. Da sagte mir zum Beispiel vor nicht allzu langer Zeit ein DEL-Manager, dass die „komplette Mannschaft“ bei einer Fanfete angetreten sei. Nachher stellte es sich heraus, dass dies gar nicht möglich war. Denn ein Teil der Truppe war noch gar nicht in unserer Republik, obgleich laut offiziellem Trainingsbeginn die Herrschaften schon das Eis hätten bevölkern müssen.
 
Ob diese „Verspätungen“ eine Sache der Vertragsbedingungen sind, weiß ich nicht. Vielleicht reißt ein früheres Anreisen und damit eine längere Kontraktdauer ein noch größeres Loch in ohnehin vielfach gebeutelte Vereins- bzw. GmbH-Kassen. Als ich mich vor Jahren mit dem damaligen Krefelder Manager Franz Fritzmeier beim Mercure-Cup in Nürnberg über dieses Thema unterhielt, versprach der Isarwinkler, der damals seinen Job in Krefeld gerade übernommen hatte, dass die nächste Saison bereits am 1. Juli anfangen würde. Mittlerweile musste sich Fritzmeier schon mehrfach in seiner Terminforderung beschränken.
 
Um auf den ersten Absatz zurückzukommen: Eine positive Nachricht abzugeben, ob glaubhaft oder nicht, ist ohnehin der Tenor vieler Meldungen. Neulich verlor ein DEB-Nachwuchsteam deutlich mit 1:4 gegen die Schweiz. Tenor der Pressemitteilung: „Prima gespielt, aber leider verloren.“ Als ein paar Tage später gegen den gleichen Gegner gewonnen wurde, sprach ein Mitglied des Trainerstabes von einer „deutlich verbesserten Leistung“. Man ist versucht zu fragen: Haben wir da etwa den späteren Weltmeister gesehen, wo die Leistung doch schon im ersten Spiel gut war?
 
Negative Kritik, das ist eine Sache für sich. „Die Leute mögen viel lieber positive Nachrichten“, vernehme ich hin und wieder aus Chefetagen der Redaktionen. Vielleicht haben sie sogar das Wort „Nestbeschmutzer“ im Hinterkopf, wenn einmal allzu hart hergegangen wird. Mag sein, dass die guten Nachrichten den überwiegenden Teil einer Berichterstattung bilden (sollen), aber die Fans bzw. Leser möchten trotz aller Hinneigung zu „ihrem“ Verein nicht veralbert werden. Schlimm finde ich es, wenn Kollegen davon sprechen, dass „wir“ am Freitag gegen den oder den spielen. Kinder, wir sollten doch zumindest versuchen, neutrale und kritische Journalisten zu sein! Dabei ist das Wort „kritisch“ richtig zu verstehen. Es kann sich hierbei durchaus um eine positive Kritik handeln. Schade, dass in den letzten Jahren „kritisch“ stets negativ gemeint ist.
 
Bei der Tour de France fiel mir eine Episode auf. Da kraxelt der Österreicher Bernhard Kohl, sensationeller Dritter der Gesamtwertung, einen hohen Berg hinauf und macht das Zeichen für „Getränkefassen“. Doch der Bursche bekommt von einem offensichtlich fehlgeleiteten Helfer keinen Tropfen Nasses. „Idioten seid´s!“ schimpfte der Mann aus dem Alpen- und Donauland trotz des breiten österreichischen Akzentes sowohl akustisch als auch im übertragenen Sinne gut verständlich. Was sagte bei dieser Szene ein TV-Kollege dem Sinne nach? „Das ist wohl nicht optimal gelaufen.“ Nun gut, ich hätte andere Ausdrücke gebraucht, aber vielleicht wäre die Kritik dann auch zu harsch ausgefallen.
 
Was ich damit nur sagen will: Nur nicht allzu schlimm draufhaufen, nur keine Pferde scheu machen, nur sehen, dass das Produkt „X“ gut verkauft wird, ist vielerorten die Devise. Mensch, ödet mich das manchmal an! Anstatt ´mal richtig vom Leder zu ziehen, den Herrschaften die Leviten zu lesen und dem Leser nach dem Mund zu schreiben bzw. zu reden, wird lieber viel zu sehr mit verschämten Verbrämungen, auch Euphemismen genannt, um sich geworfen.


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