Wie ich es sehe... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Sind die „Fälle“ Charpentier und Ciernik nur die Vorboten einer Eiszeit im Eishockey? Haben wir uns in der Idylle DEL auf etwas gefasst zu machen, was bisher in dieser Form noch nicht vorkam? Überrollt uns, martialisch ausgedrückt, die russische Dampfwalze? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Macht im Osten mit ihrem ungeheuren finanziellen Hintergrund immer mehr zumindest den europäischen Markt dominiert, wobei sich manche Vereine aufführen wie der bekannte Elefant im Porzellanladen. Dass den Spielern mitunter Angebote unterbreitet werden, denen sie einfach nicht widerstehen können, ist die eine Seite. Auf der anderen Seite jedoch sollten auch diese Klubs wissen, dass bestehende Verträge nur gelöst werden können, wenn sich die streitenden Parteien einigen. Im Klartext bedeutet das, dass über eine Ablösesumme schnellstmöglich Einigkeit herrschen sollte.
 
Momentan gibt es erheblichen Klärungsbedarf zwischen den Neulingen der russischen Superliga Astana (Kasachstan) und Jekaterinburg (vormals Swerdlowsk) auf der einen sowie den DEL-Vereinen Kölner Haie und Krefeld Pinguine auf der anderen Seite. Astana, unlängst aus nicht nachzuvollziehenden Gründen zur Hauptstadt der ehemals zweitgrößten Sowjetrepublik Kasachstan avanciert, warf den Käscher Richtung Ivan Ciernik aus und schnappte sich den torgefährlichen Rechtsaußen im Haie-Dress. Jekaterinburg, das in der Historie eine traurige Berühmtheit erlangte, weil die Zarenfamilie in der Nähe dieser Stadt im Zuge der bolschwistischen Revolution erschossen wurde, warf den Köder nach dem Pinguin-Goalie Sebastien Charpentier aus und holte sich dem Vernehmen nach dessen Signatur unter dem entsprechenden Vertrag.
 
Soweit, so gut oder, besser gesagt, so schlecht. Denn beide Cracks haben gültige DEL-Verträge, und bisher schalteten sowohl Astana als auch Jekaterinburg bezüglich Ablösesumme auf stur. Ob sich die beiden Vereine im internationalen Geschäftsgebaren noch nicht so auskennen oder ganz einfach eine Abart der Politik der Stärke vertreten, ist unklar. Tatsache ist, dass die beiden rheinischen Kontrahenten die, sagen wir mal, ungewöhnliche Handhabung der Personalprobleme auszubaden haben.
 
Beide deutschen Klubs haben eine Sperre beim Weltverband für Charpentier bzw. Ciernik beantragt, was schließlich nicht mehr als recht ist. Beide werden irgendwann auch eine Ablösesumme erhalten, deren Höhe natürlich noch ungewiss ist, so sich denn beide Cracks für ein Engagement im Osten entscheiden. Doch wer ersetzt das Duo? Obgleich der Slowake „nur“ ein Feldspieler ist, erscheint ein adäquater Ersatz für ihn einfacher zu finden sein. Richtig in den Hintern gepickt sind die Krefelder, die zwar offiziell erklärten, sie hätten ein, zwei Torwarte noch in petto, aber ob dem tatsächlich so ist, sei einmal dahingestellt.
 
Schließlich verspürt auch der Akteur selbst im Normalfall keine große Lust, eine Hängepartie mit ungewissem Ausgang zu absolvieren. Ihm hilft es nicht weiter zu wissen, dass er gute Aussichten (aber auch nicht mehr) hat, sozusagen als Zweitlösung einzuspringen, gerade bei der Besetzung des Torwartpostens. Käufe in letzter Minute gehen aus erklärbaren Gründen nur allzuoft daneben. Wer wartet schon gern voller Ungewissheit bis zum Tag X, wenn er anderswo einen, sagen wir, gleichwertigen Vertrag unterzeichnen kann?
 
Die ganze Geschichte ist einfach degoutant, und es bleibt zu hoffen, dass es keine Fortsetzungen dieser unliebsamen Vorkommnisse gibt. Wie sagten schon die alten Römer? „Pacta sunt servanda“ (Verträge sind einzuhalten). Schließlich sind die Akteure nicht gezwungen worden, ihre vorigen Kontrakte gegenzuzeichnen. Und wenn es tatsächlich, wie in den vorliegenden Fällen zu befürchten ist, zu unendlichen Wartereien kommen sollte, muss der Weltverband entschlossen einschreiten, entsprechende Urteile fällen und die „abgebenden“ Vereine in die Lage versetzen, sich zeitnah nach Ersatz umzuschauen.
 
Bleibt zu hoffen, dass sich Fälle in dieser Form nicht wiederholen und dass der Weltverband ein Machtwort spricht.

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