Wie ich es sehe... Die Hockeyweb-Kolumne von Werner Nieleck

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Ich gebe es gern zu: Seit vorgestern hat bei mir das Zittern mehr oder weniger aufgehört. Das hat jedoch nicht viel mit der Fußball-EM zu tun, sondern mehr mit der Schafskälte, die im Abklingen begriffen ist und wieder höheren Temperaturen Platz macht.
 
Wäre ich Fußballfan, hätte es mich bis gestern viel mehr gefröstelt. Das wäre schon beim Wadenzwicken eines unseres Heroen während der Vorbereitungsphase losgegangen. Die Frage, ob der Präsentationsort nicht noch höher als die Zugspitze hätte liegen müssen, hätte auch nicht unterschätzt werden dürfen. Erst gestern Abend hätte sich mehr Gelassenheit breit gemacht. Denn der selbsternannte Favorit Deutschland hat immerhin die Fußball-Weltmacht Österreich mit einem „brillanten Schuss“ (O-Ton eines Kollegen) klar und deutlich mit 1:0 besiegt. Dass sich der Bundestrainer bei seiner ersten größeren Bewährungsprobe kindisch benahm und dafür auf die Tribüne verbannt wurde, was schert es uns?  W i r  haben gewonnen und können weiter träumen. Da will man eher die wasserfallähnlichen Analysen von BVB-Trainer Klopp (wird der vom Fernsehen eigentlich nach Wörtern bezahlt?) als jene ausgewogene von „Jünter“ Netzer hören, denn letztere passen einfach nicht in das Spaß-Bild, was uns von überall vermittelt wird. Nur noch eine hämische Bemerkung Richtung Kroatien: Ihr werdet es ab dem Viertelfinale mit Gegnern zu tun bekommen und nicht mehr mit bedauernswerten Opfern.
 
Doch (fast) genug gemeckert! Was mir als Eishockey-Mensch negativ beim Gekicke auffällt, ist neben der Schauspielerei (da können die allermeisten Cracks etwas von den Fußballern lernen) das Zeitschinden und die inkonsequente Handhabung der Zeitnahme. Neben vielen bemerkenswerten Aktivitäten auf diesem Gebiet ist mir eine Episode in besonderer Erinnerung. Es handelte sich um das Spiel der Türken gegen die Tschechen, in welchem die Söhne des Halbmondes eine nachahmenswerte Moral bewiesen und (Wankdorf ´54 lässt grüßen) aus einem 0:2 ein 3:2 machten. Gern hätte ich die letzten fünf Minuten wie beim Eishockey mit der Hand gestoppt. Ich schätze, der Ball war keine zwei Zeigerumdrehungen im Spiel.
 
Das Leder wird vielfach zum Ausführen von Standardsituationen von Spielern mit langen Armen so sorgfältig positioniert, dass man den Eindruck bekommt, als hätten diese bedauernswerten Akteure stundenlang Wäsche aufgehängt. Andere stehen herum wie beim Eisverkäufer, wohl wissend, dass die Zeit läuft und kaum nachgeholt wird. Und dann die Schwalben, bei denen man befürchten muss, dass sich die Spieler beim Rotieren viel schlimmer verletzen könnten als bei einem Foul. Warum die Schiedsrichter hier nicht durchgreifen und diese mitunter groben Unsportlichkeiten härter ahnden, ist mir schleierhaft.
 
Da fällt mir eine Geschichte ein, die sich im Fußball-Mekka Gelsenkirchen zutrug. Bei der Jahreshauptversammlung der westdeutschen Sportjournalisten kam vor Jahren die Rede auf Zeitschinderei. Ich regte an, dass man vielleicht eine Anleihe beim Eishockey machen, die Zeit stoppen und das Spiel auf 2 x 30 Minuten beschränken sollte. Die meisten weißen und weisen Köpfe einiger Kollegen, die zuvor stets an der richtigen Stelle lachten, wenn Gastgeber Rudi Assauer Witze machte, flogen nach hinten in meine Richtung. „Wir sind hier nicht beim Eishockey“, wurde ich vom damaligen Schalke-Manager gemaßregelt, „außerdem lebt Fußball von Fehlentscheidungen.“ Danach traute ich mich nicht mehr, meinen Mund aufzumachen.
 
Nein, nein, trotz allen Spaßes, Fun und anderer Fan-Vergnügen bei der „Euro“ (wobei ich früher dachte, dass es sich hierbei um ein Zahlungsmittel handelt), ich freue mich wieder auf das erste Bully in irgendeiner Halle unserer Republik. Da kann noch so viel negativ über unsere Sportart gequasselt werden. Ich meine, Eishockey hat immer noch den Ruf einer gewissen Ehrlichkeit bewahrt, auch wenn Busch dumm reagiert, Reindl nicht aufgepasst und Krupp sich daneben benommen hat. Da sollten wir es auch auf uns nehmen, dass die DEL-Gruppeneinteilung nicht gut genug ausgegoren war und der Pokalmodus Wünsche offen lässt. 

Werner Nieleck


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