Volkskrankheit Depression Hockeyweb-Mitarbeiter Ronald Toplak fühlt mit Eisbär Braun

Constantin Braun leidet unter Depressionen. Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak auch. Foto: picture alliance/Fotostand, privat     Constantin Braun leidet unter Depressionen. Hockeyweb-Reporter Ronald Toplak auch. Foto: picture alliance/Fotostand, privat
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Mit dem Kopf durch die Wand

Kraftlos. Niedergeschlagen. Grübeln in Endlosschleife. Wer depressiv ist, fühlt sich stumpf. Betäubt. So ungefähr war es in jedem Fall bei mir, als sich vor fast drei Jahren der dunkle Schatten auf meine Seele legte. Ich selbst bekam es gar nicht mit. Wollte es nicht mitbekommen. Ich kämpfte dagegen an. Gegen die innere Lähmung. Wütend. Ich diente den Göttern Fleiß, Erfolg, Eitelkeit. Es gab kein Schwarz oder Weiß. Mit dem Kopf durch die Wand. Ich wollte funktionieren. Äußerlich cool. Vollgas. Immer Vollgas. Doch in Wirklichkeit fuhr ich immer langsamer. Bis nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper streikte. Er zeigte mir die dunkelrote Karte.

Alle Anzeichen ignoriert

Ich hatte alle Anzeichen ignoriert, bekam nicht mal mit, dass ich von einem - nennen wir es - ’fülligen Kerl“ zu einem Gespenst abmagerte. Ich vergaß mich, nahm mich selbst nicht mehr wahr. Meine Außenwelt umso mehr. Vor allem mein Chef, der mich nach dem Aus der Eisbären 2015 in Nürnberg direkt in medizinische Behandlung schickte. Mit Recht. Die Ärzte zogen mich sofort aus dem Verkehr. Es war ein gesundheitlicher Vorschlaghammer.Ein Weckruf. Körperlich ging es irgendwann wieder aufwärts. Aber der undurchsichtige Nebel waberte immer tiefer in meine Seele. Dieses dunkle Loch, das alle Freude, jedes Glück verschlingt, war omnipräsent. Vollgas? Ging nicht mehr. Ein Schock. Von 100 auf 0. Brutal ausgebremst. Nach fast 30 Jahren als Sportreporter, davon 26 als Eisbären-Berichterstatter. Stillgelegt. Abgemeldet. Ohnmächtig im Strudel negativer Gedanken.

Ich will aufklären

Warum ich ihnen das erzähle? Warum ich mich an exponierter Stelle oute? Weil ich aufklären will! Offensiv mit der Erkrankung umgehen will. Raus aus dem Schneckenhaus. Und weil ich hoffe, dass Constantin Braun diese Zeilen liest. Ich selbst habe noch vor meiner Auszeit als Reporter beim Berliner Kurier über ihn und sein Schicksal geschrieben, ohne zu wissen, dass es mich selbst erwischt hat. Oft wollte ich später zum Hörer greifen, Constantin fragen, wie man mit der Krankheit umgeht. Es dann aber doch vor mir hergeschoben.

Kämpfer: Braun kommt wieder zurück

Jetzt hat sich der Nationalspieler erneut in Behandlung begeben. Nicht ungewöhnlich. Denn das episodenhafte Auftreten der Symptome ist typisch. Sie können für Wochen und Monate verschwinden, plötzlich in voller Wucht wieder da sein. Professionelle Hilfe ist unabdingbar. Das weiß ich nur zu genau. Alleine dem Dämon entrinnen? Klappt nicht! Die Depression ist zu stark, sie hält einen gefangen. Deshalb bewundere ich den Eisbären-Profi. Er ist wie auf dem Eis ein Kämpfer. Zeigt dem Schicksal die Faust. Man muss die Krankheit als Teil seiner selbst anerkennen. Nur so gelingt es, nicht das gesamte Leben durch sie bestimmen zu lassen. Ich bin zurück. Endlich. Und es fühlt sich gut an. Auch Constantin wird es schaffen. Da bin ich mir sicher. Diesmal werde ich mich nicht verstecken, wenn er zurückkehrt. Ich werde ihn ansprechen. Nicht als Reporter. Sondern als Betroffener. Vielleicht können wir uns ja gegenseitig helfen, mit dieser Krankheit umzugehen. Es wäre ein weiterer Schritt zurück ins Leben. Schließen möchte ich mit einem Satz von Bären-Cheftrainer Uwe Krupp: ’Bei Constantin zählt nur die Person. Alles was mich interessiert ist, dass es ihm und seiner Familie gut geht.“ Dem ist nichts hinzuzufügen …