Thomas Gemeinhardt zieht die Schlittschuhe ausEin Wolfsburger Urgestein

Thomas Gemeinhardt (links) hat seine aktive Laufbahn als Linienrichter beendet. (Foto: dpa/picture alliance/City-Press)Thomas Gemeinhardt (links) hat seine aktive Laufbahn als Linienrichter beendet. (Foto: dpa/picture alliance/City-Press)
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Angefangen hat alles im Fanclub EHC Grizzly Adams, aus dem sich später der EHC Wolfsburg entwickelte. Thomas Gemeinhardt berichtet: „Ich habe relativ lange Fußball gespielt und bin viel zu spät zum Eishockey gekommen und habe dann für die Truppe vom Fanclub gespielt und gepfiffen. Das war eine reine Hobbyliga. Es gab keine offiziellen Schiedsrichter und es mussten sich immer zwei aus anderen Teams finden, die den Job machen.“ Das war Ende der 1980er Jahre, doch dann ging es richtig los. „Mich hat ein Kumpel zu einem Schiedsrichter-Lehrgang im NEV mitgeschleppt. Der hat mich damit gelockt, dass ich dann freien Eintritt zu Spielen hätte und wenn ich dann noch ein bisschen mehr über die Regeln lerne, ist das nicht so verkehrt. Ich habe das einfach mal mitgemacht, quasi aus einer Bierlaune heraus.“ Und plötzlich wurde die Sache ernst. „Wir haben dann angefangen im Landesverband den Nachwuchs zu pfeifen, später Spiele bis zur Regionalliga. 1994 sind wir erstmals zum DEB gemeldet worden. Dort haben wir gemeinsam ein Jahr Oberliga gepfiffen. Ein Jahr später stiegen wir als LSR-Team direkt in die DEL auf.“ Besagter Kumpel war Gregor Brodnicki der 18 Jahre in der DEL aktiv war. „Er war 13 Jahre mein fester Partner in der DEL.“

Einsatzzahlen

Eine lange Zeit, in der sich viele Spiele angesammelt haben „Insgesamt müssten es um die 1600 Spiele gewesen sein“, erzählt der Linienrichter. „In der DEL dürften es um die 1000 gewesen sein. Das war schon einiges.“ Auch international war Gemeinhardt im Einsatz. „Ich war 2006 bei den Olympischen Spielen in Turin dabei und habe drei A-Weltmeisterschaften gepfiffen.“ Dazu kommen noch eine U20-A-WM und eine U18-A-WM sowie einige B- Weltmeisterschaften.

Spiele, die in Erinnerung bleiben

„Eines der Highlights war 2007 in Moskau bei der WM. Wenn die Russen in Moskau ein Halbfinale in der Overtime gegen Finnland verlieren, dann ist das nicht lustig. Das war echt heftig.“ Doch es gibt natürlich viele Erinnerungen, wie zum Beispiel die Olympischen Spiele in Turin. „Dort mit den besten Spielern der Welt auf dem Eis zu stehen und gemeinsam mit den Profischiedsrichtern aus der NHL zusammenzuarbeiten, ist einfach klasse.“ Das Highlight schlechthin war „definitiv das erste Wintergame der DEL in Nürnberg.“ Beim Gedanken daran kommt er ins Schwärmen „Vor 50.000 Leuten, das war schon geil.“ Ihm fallen aber noch weitere ein. „Die Finalserie Ingolstadt gegen Köln. Da haben wir in gleicher Besetzung (Lars Brüggemann, Daniel Piechazek, André Schrader und Thomas Gemeinhardt) sechs von den sieben Spielen gepfiffen. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig das Team an sich ist, weil auch wir immer näher zusammengerückt sind.“ Ein fast schon kurioses Highlight hatte er 2010. Denn der Wolfsburger pfiff die DEL-Finalserie Wolfsburg gegen Berlin. Wie es dazu kam, ist als großes Lob zu werten. Er meint: „Wenn du rein nach Leistung bewertest, ist es egal, wo du herkommst.“ Er sagt aber auch: „Da merkt man, was Druck ist.“ Und er ergänzt: „Ich denke trotzdem nicht, dass es heutzutage nochmal zu einer solchen Einteilung kommen wird.“

Immer nur an der Linie

Relativ ungewöhnlich ist auch, dass er nie den Schritt zum Hauptschiedsrichter gemacht hat. Denn der normale Weg in Deutschland ist, dass man irgendwann vom Linienrichter zum Hauptschiedsrichter aufsteigt. „Auch ich wurde gefragt. Ich habe damals für mich gesagt, ich versuche das für ein Jahr, wollte aber meine internationale Linienrichterlizenz behalten. Außerdem wollte ich eine Art Probephase, für vielleicht ein halbes Jahr. Wenn mir das nicht liegt, gehe ich zurück auf die Linie. Auf diese Vorschläge wollte man seinerzeit nicht eingehen und dann habe ich gesagt, dann bleibe ich gleich bei dem, was ich kann – an der Linie.“ Dieser für Deutschland klassische Wechsel vom Linienrichter zum Hauptschiedsrichter ist aber längst nicht überall die Regel. Gemeinhardt lässt uns wissen: „In  Nordamerika zum Beispiel werden junge Leute gescoutet und es wird schon in jungen Jahren entschieden, du wirst Linesman und du Hauptschiedsrichter.“ Ein Modell, das er sich durchaus auch in Deutschland vorstellen kann.

Volkswagen fördert

Der Weg auf der Leiter nach oben, war für Gemeinhardt auch privat kein unbekannter. Gelernt hat er 1985 den Beruf des Werkzeugmachers, wurde dann nach der Weiterbildung zum Technischen Fachwirt im Volkswagen-Werk Wolfsburg Produktionsplaner. Seit etwa zwei Jahren ist der 47-jährige Beauftragter für Systemaudits des VW-Werkes in Wolfsburg und koordiniert fachlich 42 Auditoren. VW hat auch eine eigene Sportförderung, die Thomas Gemeinhardt zugutekam. „Vor ein paar Jahren wurde das in Sportkommunikation umbenannt, aber definitiv wird der Sport über dieses Programm gefördert. Wenn wir international auf Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen unterwegs waren, dann gab es immer Unterstützung in Form von Sonderurlaub.“ Gemeinhardt weiß das zu schätzen. „Das ist absoluter Luxus.“ 

Ich wollte entscheiden, wann Feierabend ist

Eigentlich liegt die Altersgrenze für Schiedsrichter bei 45 Jahren. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte der Wolfsburger eigentlich schon vor zwei Jahren aufhören müssen. Doch gute Leute lässt man nicht so einfach gehen. „Ich habe einfach gefragt, ob ich noch ein Jahr gebraucht werde. Ein Bauchgefühl hatte ich aber immer. Wenn man zum Beispiel in den Play-offs weit vorne eingeteilt war, dann gehe ich davon aus, dass ich nicht so schlecht war. Und nur weil aus einer 44 eine 45 wird, bin ich ja nicht automatisch schlechter. Ich habe das immer im Vorfeld geklärt und wenn ich ein Ja bekommen habe, dann habe ich meine Bewerbung eingereicht. Nach den Leistungstest hat der Ausschuss dann befunden, dass ich das noch machen kann.“ Doch warum hört er dann ausgerechnet jetzt auf? Die Antwort ist verblüffend logisch. „Weil ich mich letzten Sommer dazu entschieden habe. Jetzt im Juni werde ich 48 und ich kann gut einschätzen, wie ich mich fühle. Die Knochen werden nicht jünger und es zwickt und zwackt doch an manchen Stellen. Außerdem hat sich beruflich etwas verändert. Wir haben gute Leute in Reihen der DEL-Schiedsrichter und starken Nachwuchs im Bereich der DEB-Schiedsrichter und darum konnte ich guten Gewissens sagen, für mich ist Schluss. Ich wollte entscheiden wann Feierabend ist und wollte mir das nicht durch andere sagen lassen. Das habe ich 2010 international nach der WM in Deutschland genauso gehandhabt.“

Was die Zukunft bringt

Wie geht es nun weiter? „Das kann ich noch nicht sagen, aber ich bin mit mir absolut im Reinen. Ich denke, ich bin auch gut darauf vorbereitet. Vielleicht ändert sich das im August oder September und mir geht was ab. Aber ich werde ja nicht beschäftigungslos sein. Ich werde dem Eishockeysport in irgendeiner Weise erhalten bleiben. Es gibt ein paar Ideen, aber spruchreif ist noch nichts.“ Am naheliegendsten wäre sicher der Job des Schiedsrichterbeobachters. „Das könnte sein. Aber was es am Ende wird, weiß ich noch nicht. Ich möchte meine Erfahrung weitergeben und helfen, das Schiedsrichterwesen weiterzuentwickeln.“ Sicher ist aber, dass Thomas Gemeinhardt weder angefangen hat Briefmarken zu sammeln oder Golf zu spielen.

Wir wünschen Thomas Gemeinhardt, dass er einen passenden Posten im Schiedsrichterwesen findet und dabei dann viel Glück, Spaß und Erfolg.

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