Straubing schreibt ClubgeschichteStraubing – Mannheim 5:3

Andy Canzanello bei seinem Jubel zum 4:3 Foto: Michael Kinseher - Hockeyrama.deAndy Canzanello bei seinem Jubel zum 4:3 Foto: Michael Kinseher - Hockeyrama.de
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Es war ein „Charakter-Comeback“ der Tigers, so Coach Dan Ratushny auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, denn die Niederbayern waren schon 1:3 ins Hintertreffen geraten. Aber es war auch ein Zittern bis weit nach Spielende. Durch den Spielverlauf waren in Augsburg noch mehr als zehn Minuten zu spielen als in Straubing die Schlusssirene ertönte und der erste Jubelsturm losbrach.

Vom Oberrang aus sahen die verletzten Straubinger Spieler das Spiel. Einer von ihnen war Benedikt Brückner: „Das war so spannend auf der Tribüne, wir haben die ganze Zeit den Live-Ticker da gehabt, und wie nach dem 3:3 die Halle gebrannt hat, war der Hammer. Ich dachte, ich flieg' da oben runter. Das Fanerlebnis ist brutal.“ Die Mannschaft auf dem Eis war jedoch nicht immer über die anderen Ergebnisse informiert. Der verletzungsbedingt ausgefallene Alex Dotzler: „Bis zum letzten Drittel haben wir nicht nach den anderen Spielständen geschaut, aber als wir dann den Ausgleich gemacht haben, schon immer versucht den Stand aus Augsburg mit zubekommen. Wir wussten, dass es 3:3 steht, und als wir bei uns das 4:3 gemacht haben, war es nur noch warten – warten – warten.“

Erst feierten die Fans den Sieg, aber dann zogen sich die Minuten fast endlos hin. Jeder mit Smartphone wurde im immer noch fast vollen Stadion regelrecht belagert. Die Mannschaft aber verschwand erst mal in der Kabine. Alex Doltzer beschreibt die Minuten so: „Gleich nach dem Spiel haben wir in der Kabine Sky angeschaltet.“ Mit einen Blick, der alles sagt, fügt er hinzu „War spannend. Spannender als unser eigenes Spiel. Und immer nur warten – warten – warten.“

Dass die Tigers überhaupt „warten – warten – warten“ durften, verdanken sie einem Schlussdrittel, in dem sie wieder zu ihrem Spiel vor der Niederlagenserie zurück gefunden haben. René Röthke meint: „Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt“. Und Alex Dotzler: „Wir haben gesagt, wir müssen unser Spiel gewinnen, und bei den anderen Spielen muss uns der Eishockeygott das Glück schenken.“ Kapitän Micheal Bakos: „Nach dem zweiten Drittel haben wir in der Kabine gesessen und haben gesagt, was war, können wir nicht rückgängig machen, wir können nur das beeinflussen, was kommt. Wir müssen alles probieren, um wieder mal etwas Positives zustande zu bringen. Einfach das Spiel gewinnen, egal auf welchen Platz wir dann landen.“ Und der Eishockeygott half! Die Partie in Augsburg endete tatsächlich unentschieden und in Niederbayern brach die Partyhölle los.

Was in der Kabine der Tigers los war, wird wohl für lange Zeit ein Geheimnis bleiben. Vor der Tür konnte man jedoch laute Musik und einige Freudenausbrüche hören. Ab und zu kam ein Spieler raus, zumeist noch in Schlittschuhen oder Badelatschen, die meisten aber mit einem kleinen wohlverdienten Bier in der Hand.

Der Schütze des Straubinger Ausgleichstreffers René Röthke: „Das ist ein unglaubliches Gefühl, wir haben das Unmögliche möglich gemacht.“ Und der Schütze des "Game-Winning-Goals" Andy Canzanello meint: „Oh mein Gott, das fühlt sich gut an. Aber ich brauch' erst mal ein paar Tage frei.“  Canzanello erinnert sich auch an die harte Zeit und schickt dann gleich eine kleine Kampfansage in Richtung der restlichen Teams: „Ich bin glücklich, dass wir das Spiel gewonnen haben. Wir haben das ganze Jahr hart gearbeitet. Angefangen im Trainingscamp, in der Vorbereitung im Sommer, die ganze Zeit. Jetzt wollen wir die Play-offs rocken. Ich glaube, wir können auch Meister werden, jeder von denen da hinten glaubt das“ - und deutet dabei auf die Mitspiele.

„Wir waren gegen Mannheim 1:3 hinten und haben 5:3 gewonnen. Wir alle, Spieler, Trainer, Betreuer, wir alle glauben daran. Das ist ein gutes Gefühl, es ist großartig.“ Er findet dafür auch Gründe: „Wir haben gut gegen Teams wie Ingolstadt, Wolfsburg oder Berlin gespielt, die haben wir alle schon geschlagen. Die Teams, gegen die wir schwach waren, sind alle schon raus.“ Namentlich meint er damit die Konkurrenz aus Nürnberg und Hannover, gegen die Straubing sich mehr als schwer getan hat.

Sein Kapitän Michael Bakos hat auch gut eine Stunde nach Spielende noch die Schlittschuhe an und lehnt mit seinem Bierchen locker im Türrahmen: „Wenn man die ganze Saison anschaut, glaube ich, dass wir verdient da oben stehen. Die letzten Wochen war das natürlich sehr in Frage gestanden, aber dass es dann so ein emotionales Herzschlagfinale wird, damit hat, glaube, ich keiner gerechnet. Ich spiele ja jetzt auch schon ein paar Jahre Eishockey, aber so was habe ich auch noch nicht erlebt, es ist richtig schön dabei sein zu dürfen.“

Harold Kreis stimmte Bakos, ohne ihn gehört zu haben, zu: „Ich möchte Dan und seiner Mannschaft, nicht nur für die Leistung heute, sondern auch für die ganze Saison, gratulieren. Das war eine starke Hauptrunde. Ich bin sicher, dass die Straubinger mit diesem Kampfgeist und dieser Einstellung auch spannende Play-offs spielen.“

Play-offs in Straubing – das gab´s noch nie, und jetzt warten die Wolfsburger. René Röthke: „Wir haben fünf Spiele in Folge verloren, und haben so ein wichtiges Spiel nach Rückstand noch mal umgedreht, das hat uns jetzt einen Push gegeben, jetzt ist alles möglich. Wir spielen gegen Wolfsburg, aber wir haben alle Selbstvertrauen, wir wissen jetzt wieder, was unsere Stärken sind.“ Dass Straubing als Außenseiten ins Viertelfinale geht, stört ihn weniger: „Das ist auch gut so. Ich finde es auch gar nicht schlecht, dass wir auswärts starten müssen, weil letztendlich Wolfsburg den Druck hat. Wir können ganz befreit aufspielen, da ist alles möglich.“ Michael Bakos meint dazu: „Play-offs ist wieder was ganz anderes. Im Endeffekt ist es egal, gegen wen du spielst, du musst einfach eine gute Phase haben.“

Tore 5:3 (1:2, 0:1, 4:0)

1:0 (07:16) Calvin Elfring (Ryan Ramsay, Andy Canzanello) (PP1)
1:1 (17:14) Ken Magowan (Adam Mitchell, Christoph Ullmann)
1:2 (17:42) Mike Glumac (Craig MacDonald, Marcus Kink)
1:3 (23:35) Christoph Ullmann (Adam Mitchell, Yanick Lehoux) (PP1)
2:3 (43:08) Sandro Schönberger (Andy Canzanello, Dustin Whitecotton)
3:3 (43:27) René Röthke (Michael Bakos, Florian Ondruschka)
4:3 (56:00) Andy Canzanello (Michael Bakos, Carsen Germyn)
5:3 (58:15) Ryan Ramsay

Strafen: Straubing 8; Mannheim 13 + Spieldauer Denis Reul
SR: Willi Schimm, Richard Schütz; LR: Johannes Adam, Andreas Flad
Zuschauer 5.803


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